Kreis Lippe/Bielefeld. Ein Hauch von Morgennebel liegt noch über dem Teutoburger Wald, als sich am Hermannsdenkmal eine dichte Menge aus konzentrierten Läufern sammelt. Ein kurzes Aufblitzen in den Augen, ein letzter Check der Schuhbänder – dann fällt der Startschuss.
Mit einem kollektiven Aufbäumen setzt sich das bunte Feld in Bewegung, hinein in die etwas mehr als 31 Kilometer, die ihnen alles abverlangen werden: steile Anstiege, wurzelige Waldpfade, euphorischer Applaus an der Strecke und der zermürbende letzte Hügel vor dem Ziel in Bielefeld. Der Hermannslauf ist nicht nur ein Lauf. Es ist ein Mythos.
Jedes Jahr am letzten Aprilsonntag starten Tausende Läufer, Walker und Wanderer am Hermannsdenkmal in Detmold, um sich auf die anspruchsvolle Strecke zur Sparrenburg in Bielefeld zu begeben. Mit 7.000 Teilnehmern zählt der Hermannslauf zu den größten Volks- und Trailläufen in Deutschland.
Ursprünge und Entwicklung
1971 von Wolfgang Schlüter (1934–2021, Jurist, Ultralangstreckenläufer, Extrembergsteiger) und Peter Gehrmann (* 1939, Langstrecken-, Ski- und Orientierungsläufer, Laufsporttrainer) initiiert, wurde der Lauf ursprünglich vom Bielefelder Ski-Club ausgetragen.
Inspiriert durch den schwedischen Wasalauf, einem Skilanglauf über 90 Kilometer, an dem Peter Gehrmann gemeinsam mit einer Gruppe von fünf weiteren Freunden aus OWL 1971 teilnahm, sollte er fortan als regionales Pendant dienen.
Doch bevor sich rund 600 Läufer am 16. April 1972 auf den ersten Hermannslauf begaben, hatten die Organisatoren einige Hindernisse zu bewältigen. Zu Beginn stieß das Vorhaben bei den zuständigen Behörden und dem zuständigen Sportverband auf erhebliche Vorbehalte – man hielt das gesamte Projekt für kaum realisierbar.
Während es noch nachvollziehbar war, dass der Skiclub Bielefeld sich nicht bereit erklärte, das finanzielle Risiko für die notwendigen Vorauszahlungen zu tragen und dies den Initiatoren überließ, sorgte die Haltung in Lippe für zusätzliche Ernüchterung: Selbst das Öffnen der Schranke am Rundweg rund um das Hermannsdenkmal für die Teilnehmer war nicht vorgesehen.
Erst mit kreativen Mitteln gelang es den Organisatoren, ein Stück voranzukommen: Sie gewannen den damaligen Innenminister Willy Weyer als prominente Unterstützung – ein symbolischer Durchbruch. Und um ganz pragmatisch ein konkretes Hindernis zu überwinden, ließen sich die Parkwächter am Hermannsdenkmal mit 20 D-Mark dazu bewegen, die Schranke zumindest für kurze Zeit anzuheben.
So konnte das Abenteuer Hermannslauf doch noch beginnen. Bereits innerhalb von vier Jahren stieg die Teilnehmerzahl auf mehr als 2.000 Läufer an, sodass der Start am Denkmalssockel aufgeben und gegenüber auf geräumigere Flächen verlegen werden musste. Aufgrund der auch in den Folgejahren nicht abreißenden Popularität ist die Teilnehmerzahl mittlerweile auf 7.000 Läufer limitiert.
Als der Organisationsaufwand der stetig wachsenden Veranstaltung, für den kleinen Bielefelder Ski-Club schließlich zu groß wurde, gliederte sich der Lauf 2004 unter den Dachverein TSVE Bielefeld ein. Gleichgeblieben ist jedoch die Philosophie der Pionierjahre: Beim Hermannslauf werden weder Antritts- noch Preisgelder gezahlt.
Strecke und Schwierigkeit
Um vor allem den weniger trainierten Hobbyläufern den knüppelharten Anstieg zum Hermannsdenkmal zu ersparen, führt der Weg seit jeher von Detmold nach Bielefeld. Länge und Streckenführung haben hingegen in den vergangenen Jahren, unter anderem aus verkehrstechnischen Gründen, mehrere Änderungen erfahren.
Von 1972 bis 1976 verlief das Rennen über 30,4 Kilometer auf dem tatsächlichen Hermannsweg. Seit 1977 verläuft der Hermannslauf auf den ersten 13 Kilometern über eine alternative Strecke, um die zunehmend problematische Querung der Hauptstraße zwischen Augustdorf und Pivitsheide zu umgehen. Stattdessen führt der Weg seither über eine Panzerbrücke – eine praktikable Lösung angesichts des wachsenden Teilnehmerfeldes.
Bis zur Austragung im Jahre 2004 betrug die Gesamtlänge somit 30,6 Kilometer. Da jedoch nicht nur die Läuferzahl, sondern auch der Zuschauerzuspruch, insbesondere in der Oerlinghauser Innenstadt, immer weiter anstieg, verlängerten die Veranstalter das Rennen um 500 Meter auf die bis heute gültigen 31,1 Kilometer.
Die Strecke verlangt den Teilnehmern indes einiges ab: Sie führt durch anspruchsvolles, stark profiliertes Gelände. Insgesamt summieren sich die zu bewältigenden Höhenmeter auf rund 568 Meter bergauf und etwa 774 Meter bergab – ein deutliches Gefälle, denn das Hermannsdenkmal liegt rund 200 Meter höher als das Ziel an der Sparrenburg.
Teils verläuft die Route über den bekannten Hermannsweg und führt überwiegend über Waldboden und Sandwege. Doch auch Abschnitte auf Asphalt, Beton und Kopfsteinpflaster fordern Kraft und Konzentration.
Besondere Passagen sind die Panzerstraße auf dem Truppenübungsplatz Senne, die Lämershagener Treppen, der Tönsberg in Oerlinghausen und der „Eiserne Anton“ auf der Sparrenburg.
Legendäre Athleten und Rekorde
Rekordsieger bei den Männern ist Elias Sansar. Er durchlief das Ziel bislang 16-mal als Erster (2006 bis 2010 und 2012 bis 2014, 2016 bis 2019 und 2021 bis 2024). Bei den Frauen liegt Liane Winter mit sieben Erfolgen (1974, 1976 bis 1980 und 1982) an der Spitze. Neben ihren Erfolgen beim „Hermann“ gewann Winter unter anderem als erste Ausländerin den Boston-Marathon (1975).
Viermal trugen sich Doris Koslowski in den 1990er-Jahren, und Hilde Aders in den Jahren 2015 bis 2018 in die Siegerliste ein. Dreimal jubelten Anke Kemmener (geborene Pieper, 1997, 1998 und 2005), Heike Mohn (geborene Saeger, 1999, 2000 und 2003), Bernd-Theodor Pyl (1993, 1994 und 1996) und Silke Pfenningschmidt (2011, 2012 und 2014).
Je zweimal sicherten sich Helmut Bode (1972 und 1973), Ulrike Brand (1983 und 1985), Tony Marshall (1987 und 1989), Michael Amstutz (1990 und 1992), Katjana Quest Altrogge (1991 und 1995), Marcus Biehl (2000 und 2004), René Witt (2001 und 2002), Silvia Krull (2008 und 2007) sowie Stephanie Strate (2021 und 2022) den Titel.
Die ersten Hermannslauf-Sieger waren Helmut Bode und Lydia Günnewig; zweimal gab es bei den Männern gleich zwei Gewinner: 1987 kamen Toni Marshall und Frank Weidler (1:47:13) und 1999 Carsten Breitenbach und Ingmar Lundström (1:46:51) jeweils zeitgleich ins Ziel. In seiner mehr als 50-jährigen Geschichte musste der Lauf nur 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt und in den Oktober 2021 verschoben werden.
Den aktuellen Streckenrekord über die 31,1-Kilometer-Distanz bei den Männern hält seit 2011 Ezekiel Jafari Ngimba (1:40:58). Die bislang schnellste Frau war 2013 Stevie Kremer (1:58:58).
Streckenverlauf
Der Hermannslauf startet am Hermannsdenkmal auf der Grotenburg in Detmold. Bereits kurz nach dem Start führt die Strecke steil bergab und passiert mit dem Allhornberg und dem Großen Ehberg die ersten größeren Erhebungen des Teutoburger Walds. Anschließend durchqueren die Läufer das Gebiet bei Augustdorf, wo unter anderem die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne beheimatet ist – Sitz der Panzerbrigade 21 und des Panzergrenadierbataillons 212.
Durch die Stapelager Berge
Nach dem Abschnitt bei Augustdorf schlängelt sich der Lauf weiter durch das bergige Gelände des Teutoburger Waldes. Die Route passiert dabei den Hörster Berg, den Hermannsberg und führt über den Stapelager Berg direkt in die namensgebende Stapelager Schlucht. Von dort geht es weiter in Richtung Oerlinghausen. Auf dem Weg dorthin werden markante Punkte wie der Riesenberg, die Hunneckenkammer, der Mämerisch und die Wistinghauser Schlucht durchlaufen.
Ein kulturell bedeutsamer Ort folgt mit der Hünenkapelle, über deren Geschichte nur wenig bekannt ist. Nach dem Aufstieg auf den Tönsberg, gelegen im Naturschutzgebiet Tönsberg, erreichen die Läufer die Stadt Oerlinghausen.
Historische Orte in Oerlinghausen
Der Abschnitt durch Oerlinghausen beginnt auf dem Kammweg mit dem Jüdischen Friedhof, der bereits 1761 erstmals erwähnt wurde. Über die Tönsbergstraße verläuft die Strecke weiter zur Synagoge. Kurz darauf passieren die Läufer das Stadthotel Oerlinghausen und das benachbarte Amtsgericht. Über die Pfarrstraße geht es vorbei am Pfarrhaus und der historischen Alexanderkirche, bevor der Weg über die Straße Wehme hinaus in Richtung Bielefeld führt.
Letzte Etappe: Durchs Hügelland nach Bielefeld
Hinter Oerlinghausen beginnt der nächste Anstieg über den Steinbült, gefolgt von einem idyllischen Abschnitt entlang des Flusses Schopke durch das Naturschutzgebiet Menkhauser Bachtal. Weitere Wegpunkte sind der Brunsberg und der Maakenberg, bevor mit dem Markengrund ein weiteres Naturschutzgebiet erreicht wird.
Im Anschluss folgen der Anstieg „Auf dem Polle“ und der Lewenberg mit der geschichtsträchtigen Löwenburg, Relikt eines hochmittelalterlichen Dorfes. Die Strecke führt anschließend durch Lämershagen-Gräfinghagen, den ersten Bielefelder Stadtteil, über die A2 hinweg und vorbei am Bielefelder Berg sowie dem Hellegrundsberg.
Kurz vor dem Ziel passiert der Lauf den Jostmeiers Berg, auf dem sich die einzige natürliche Höhle im Stadtgebiet, die Zwergenhöhle, befindet. Nahezu auf gleicher Höhe liegt der Ebberg, gekrönt vom Bismarckturm, in Bielefeld auch als „Eiserner Anton“ bekannt. Danach verläuft die Route entlang des größten Bielefelder Naturschutzgebiets, dem Östlichen Teutoburger Wald, bevor sie in einem letzten Bogen auf die historische Sparrenburg zusteuert.
Unmittelbar vor dem Zieleinlauf passieren die Läufer noch eine Römische Kreisgrabenanlage – ein archäologisches Bodendenkmal – und erreichen schließlich die Festungsanlage Sparrenburg, das Wahrzeichen von Bielefeld und traditionelles Ziel des Hermannslaufs.
Siegerliste (Stand 27. April 2025)
Jahr Männer (Zeit) Frauen (Zeit)
2025 Florian Bochert 1:46:46 Ann-Christin Opitz 1:59:45
2024 Elias Sansar 1:48:50 Franziska Bossow 2:02:13
2023 Elias Sansar 1:47:31 Ilka Wienstroth 2:06:44
2022 Elias Sansar 1:49:07 Stephanie Strate 2:01:57
2021 Elias Sansar 1:52:45 Stephanie Strate 2:00:10
2020 (Pandemie-bedingter Ausfall)
2019 Elias Sansar 1:44:54 Michelle Rannacher 2:02:41
2018 Elias Sansar 1:45:03 Hilde Aders 2:05:11
2017 Elias Sansar 1:46:38 Hilde Aders 2:06:41
2016 Elias Sansar 1:49:10 Hilde Aders 2:05:47
2015 Florian Reichert 1:46:24 Hilde Aders 2:07:02
2014 Elias Sansar 1:50:10 Silke Pfenningschmidt 2:08:49
2013 Elias Sansar 1:45:25 Stevie Kremer 1:58:57
2012 Elias Sansar 1:47:51 Silke Pfenningschmidt 1:59:42
2011 Ezekiel Jafari 1:40:58 Silke Pfenningschmidt 2:01:38
2010 Elias Sansar 1:47:27 Regine Schlump 2:18:15
2009 Elias Sansar 1:48:31 Franziska Schmidt 2:07:26
2008 Elias Sansar 1:47:18 Silvia Krull 2:05:44
2007 Elias Sansar 1:48:44 Silvia Krull 2:06:13
2006 Elias Sansar 1:45:50 Kirsten Heckmann 2:13:52
2005 Ingo Horst 1:48:59 Anke Kemmener 2:04:47
2004 Marcus Biehl 1:44:36 Iris Reuter 2:05:26
2003 Philipp Brouwer 1:46:23 Heike Mohn 2:05:59
2002 René Witt 1:43:09 Ricarda Botzon 2:06:35
2001 René Witt 1:46:35 Birgit Lennartz 2:05:27
2000 Marcus Biehl 1:45:57 Heike Saeger 2:07:22
1999 Carsten Breitenbach/ Heike Saeger 2:08:30 Ingmar Lundström 1:46:51
1998 Ralph Koritz 1:45:44 Anke Pieper 2:07:46
1997 Claus Seifert 1:45:03 Anke Pieper 2:10:19
1996 Theo Pyl 1:44:12 Manuela Köhne 2:07:52
1995 Andreas Ewert 1:44:11 Katjana Quest-Altrogge 2:09:29
1994 Theo Pyl 1:45:15 Doris Koslowski 2:00:24
1993 Theo Pyl 1:45:14 Doris Koslowski 2:03:55
1992 Michael Amstutz 1:45:00 Doris Koslowski 1:59:27
1991 Jörg Navrade 1:45:53 Katjana Quest-Altrogge 2:08:09
1990 Michael Amstutz 1:46:25 Doris Koslowski 2:10:37
1989 Toni Marshall 1:46:01 Brigitte Mühlisch 2:02:12
1988 Martin Sprenger 1:44:48 Rosemarie Rose 2:06:56
1987 Toni Marshall/ Anke Molkenthin 2:12:21 Frank Weidler 1:47:13
1986 Bernd Mühlenmeier 1:45:45 Maria Nunner 2:17:21
1985 Dirk Sander 1:45:44 Ulrike Brand 2:06:55
1984 Adrian Philpott 1:43:21 Angelika Seeck 2:22:18
1983 Stephen Roberts 1:50:28 Ulrike Brand 2:19:07
1982 Ekhard Fäseke 1:48:06 Liane Winter 2:05:02
1981 Helmut Schmidt 1:52:15 Rotraud Zinner 2:21:16
1980 Dieter Lippe 1:51:46 Liane Winter 2:07:28
1979 Billy Cain 1:49:47 Liane Winter 2:08:17
1978 Michael Heine 1:54:16 Liane Winter 2:07:05
1977 Jim Hodey 1:48:23 Liane Winter 2:06:22
1976 Heribert Bulk 1:47:33 Liane Winter 2:06:41
1975 Klaus-Dieter Holz 1:52:00 Christine Ross 2:32:04
1974 Achim Stober 1:55:42 Liane Winter 2:17:00
1973 Helmut Bode 1:53:15 Irmhild Holste 3:02:05
1972 Helmut Bode 1:51:26 Lydia Günnewig 3:22:00