Detmold-Heidenoldendorf hat es geschafft: Das Dorf hat jetzt offiziell Geschichte. Und zwar nicht nur die „Opa-erzähl-mal-von-früher“-Variante, sondern gleich eine 750 Seiten starke, wissenschaftlich fundierte Heimatchronik – schwer genug, um notfalls auch als Türstopper oder Fitnessgerät durchzugehen.


In jahrelanger Feinarbeit haben Historiker Nicolas Rügge und der Dorfausschuss alles zusammengetragen, was Heidenoldendorf ausmacht: von den ersten Häusern (damals vermutlich noch ohne Glasfaser) über die Hexenverfolgung bis hin zur Eingemeindung nach Detmold im Jahr 1970 – ein Ereignis, das manche bis heute nur mit sehr tiefem Durchatmen verarbeiten.

Dorfleben zwischen Ziegeln und Eisenbahn

Natürlich geht es nicht nur um Jahreszahlen, sondern um das pralle Dorfleben: Ziegler auf Wanderschaft, Industrialisierung, Eisenbahnanschluss – endlich kam man schneller weg und genauso schnell wieder zurück. Ein echter Fortschritt. Auch wirtschaftliche Entwicklungen werden beleuchtet, ebenso wie der Strukturwandel, der das Dorf Schritt für Schritt vom bäuerlichen Idyll zum modernen Stadtteil machte. Kurz gesagt: Heidenoldendorf wurde erwachsen – und hat es jetzt schwarz auf weiß.

Wenn die Geschichte düster wird

Ganz ohne ernste Kapitel geht es nicht. Die Chronik verschweigt auch die dunklen Seiten der Ortsgeschichte nicht. So wird etwa der Fall Elisabeth Hasemann dokumentiert, die 1662 der Hexerei beschuldigt, gefoltert und schließlich auf der Jerxer Heide hingerichtet wurde. Ein Abschnitt, der zeigt: Früher war nicht alles besser – und Gerüchte waren schon damals brandgefährlich, ganz ohne soziale Medien.

Bilder sagen mehr als tausend Fußnoten

Besonderes Schmankerl der Chronik: das umfangreiche Bildmaterial. Darunter eine nachkolorierte Gruppenaufnahme des Turnvereins von 1906, bei der man erstmals sehen kann, wie farbenfroh Schnurrbärte um die Jahrhundertwende wirklich waren. Außerdem enthalten: eine Flurkarte von 1727, so detailreich, dass heutige Katasterämter ehrfürchtig nicken dürften.

Ein Autor mit Heimvorteil

 

Autor Nicolas Rügge ist in Heidenoldendorf aufgewachsen und von Haus aus Historiker. Portrait weiter unten im Text.

Autor Nicolas Rügge, aufgewachsen in Hiddesen und Heidenoldendorf und heute Archivar im Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover, kennt seinen Stoff – und sein Dorf. Besonders angetan haben es ihm die Höfe und Häuser: Wer wissen will, wem welches Stück Land gehörte, bevor Hausnummern erfunden wurden, wird hier glücklich.

Auch politische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts und die Geschichte der jüdischen Gemeinde Heidenoldendorfs finden ihren Platz – sachlich, gründlich und ohne Beschönigung.

Schnell sein lohnt sich

Historisches Dokument: Flurkarte der Bauernschaft Heidenoldendorf von 1727.

Ortsbürgermeister Wolfgang Schriegel zeigt sich stolz: Die Idee einer Chronik geisterte schon lange durch den Dorfausschuss, jetzt ist sie Wirklichkeit. Die Auflage ist allerdings auf 750 Exemplare begrenzt – Heidenoldendorf ist eben exklusiv. Für 24,90 Euro gibt es das gute Stück im Buchhandel, online oder im Haus der Bürgergemeinschaft. Empfohlen für alle, die wissen wollen, wo sie herkommen – oder endlich eine fundierte Antwort auf die Frage suchen: „Sag mal, was war hier eigentlich früher los?“

Über den Autor – Ein Selbstportrait

Zunächst zu meiner Person: Ich bin 55 Jahre alt, in Hiddesen und Heidenoldendorf aufgewachsen, habe Geschichte studiert und arbeite als Archivar (seit 2019 Abteilungsleiter am Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover). Schon in meiner Studienzeit habe ich mich mit der lippischen Geschichte beschäftigt, zwei Ortsgeschichten auftragsweise geschrieben (Lüerdissen und Hardissen) und an vielen weiteren mitgewirkt; zuletzt war ich auch an der 2019 erschienenen zweibändigen Lippischen Geschichte beteiligt.
Seit über 30 Jahren sammle ich schon Material über meinen Heimatort. Im Jahr 2009 habe ich auf Einladung des CDU-Ortsvereins erste Ergebnisse im Ort vorgetragen, daraufhin wurden mir schon einige Türen geöffnet und Fotoalben gezeigt. Jetzt möchte ich aus den vielen Vorarbeiten endlich ein Buch machen und freue mich, dieses Projekt zusammen mit dem Heimatverein anzugehen.
Die Darstellung muss wissenschaftlich abgesichert und auf dem aktuellen Stand der Forschung sein, dafür stehe ich mit meiner Ausbildung und unzähligen Stunden der Archiv- und Literaturauswertung ein. Zugleich soll es ein für alle Interessierten lesbares und verständliches Buch sein: voll mit grundlegenden Daten, Fakten und Namen, reich bebildert, außerdem mit kurzen Artikeln zu allen älteren Höfen und Häusern, die bis 1900 vorhanden waren.
Der Text behandelt die Dorfgeschichte bis zur Eingemeindung 1969. Jüngere Entwicklungen werden in Form von kommentierten Fotos wiedergegeben – hier können vielleicht spätere Fortsetzungen einmal ansetzen. Die Geschichte dieses sehr großen und sehr alten Dorfes ist ohnehin so interessant und gut dokumentiert, dass dieses Buch nur einen Überblick geben kann. Das ist allerdings die Absicht, nachdem die letzten Publikationen schon lange zurückliegen (Festschrift des damaligen Heimat- und Verkehrsvereins 1981 mit „kleiner Dorfchronik“; Geschichte der Kirchengemeinde 1988).
Seitdem hat die Landesgeschichte einige Fortschritte gemacht, und die Informationen sind generell besser zugänglich. Viele Quellen und Publikationen sind ausgewertet; eine schöne Bildersammlung ist bereits vorhanden; trotzdem suche ich im Moment noch Ergänzungen aus privater Hand. Sehr gern können sich alle bei mir melden, die etwas beizusteuern haben – vor allem aus den Jahren vor 1970, die inzwischen schon ziemlich „historisch“ sind, aber auch aus jüngerer Zeit.

Zwei, die Spaß haben an Geschichte: Ortsbürgermeister und Ideengeber Wolfgang Schriegel und Lokalhistoriker Dr. Hans C. Jacobs (von links). Fotos: Hajo Gärtner