
Berlin/Lage. Großstädte gehen dazu über, den Straßenverkehr abzubremsen und ein sicheres Klima für alle Verkehrsteilnehmer zu schaffen. Damit setzen sie ein eindrucksvolles Zeichen, das auch in Lippe verstanden wird und Nachahmer findet.
Wenn ich meine Geschwister in der deutschen Hauptstadt besuche, meldet sich im Bauch zuverlässig das Unbehagen der Landpomeranze. Kaum bin ich nämlich in einer Berliner Wohnstraße angekommen, fühle ich mich umzingelt: Blech an Blech, Stoßstange küsst Stoßstange, und irgendwo dazwischen soll ich mein Fahrzeug abstellen. Aussichtslos. Ein Königreich für eine Garage oder einen privaten Stellplatz. So teuer wie Putins Residenz in Nowo-Ogarjowo. Für jemanden aus der lippischen Provinz, wo man mehr Platz zum Parken findet als in Florida zum Golfen, ein ausgewachsener Albtraum.
Und doch: Jedes Mal, wenn ich nach verzweifelten Stops wieder losrolle, passiert etwas Merkwürdiges. Berlin fährt . . . entspannt. Zumindest gefühlt. Die Hauptstadt hat sich in eine gigantische Tempo-30-Zone verwandelt – eine Art verkehrsberuhigter Großstadt-Spa. Man gleitet statt zu rasen, rollt statt zu hetzen, und wer es eilig hat, lernt Geduld. Unterstützt wird dieses pädagogische Konzept durch eine Verkehrsüberwachung, die offenbar nach dem Motto arbeitet: Wir sehen alles, und wir sehen nichts nach.
Ortswechsel, diesmal deutlich weiter nördlich: Helsinki.
Zwölf Monate lang starb dort kein Mensch im Straßenverkehr. Niemand. Null. Nada. Nicht auf dem Weg zur Arbeit, nicht beim Radeln zu Freunden. Ein ganzes Jahr ohne tödlichen Unfall – in einer Hauptstadt! Die finnischen Verkehrsplaner führen diesen Erfolg vor allem auf eines zurück: „Tempo 30“ auf mehr als der Hälfte aller Straßen. Offenbar wirkt langsames Fahren nicht nur beruhigend, sondern durchaus lebensverlängernd.
Auch andere Städte liefern Zahlen, die selbst hartgesottene Bleifuß-Enthusiasten nachdenklich stimmen: In Graz gingen die Unfälle um zwölf Prozent zurück, in Bologna um 13 Prozent, in Edinburgh sank die Zahl der Unfälle mit Verletzten innerhalb von drei Jahren sogar um satte 43 Prozent. Überall das gleiche Muster: weniger Tempo, weniger Blechschäden, weniger Krankenhausbesuche.
Natürlich heißt das nicht, dass jede Straße automatisch zur rollenden Schneckenfarm werden muss. Es gibt sie, die Straßen, die Tempo 50 locker wegstecken, ohne gleich zur Unfallhochburg zu mutieren. Experten empfehlen deshalb: Tempo 30 als Regel, Tempo 50 als gelegentliche Zugabe. Klingt vernünftig. Und wenn das für Berlin, Helsinki oder Bologna funktioniert – warum eigentlich nicht auch im Lipperland?
Ja, ich gebe es zu: Subjektiv nervt es mich, wenn ich auf einer gefühlten „Gut für Tempo 50 Strecke“ mit Fahrrad-Speed unterwegs bin und das Gaspedal nur ganz sachte berühren darf, statt drauf zu treten, wie es sich gehört. Aber diesem diffusen Ärger stehen leider ziemlich handfeste Fakten gegenüber. Und die sind hartnäckiger als jedes ländliche Bauchgefühl.
Vielleicht ist Tempo 30 also gar kein Angriff auf die persönliche Freiheit – sondern einfach eine Einladung, heil anzukommen. Selbst in Berlin, einer Stadt, die nach einer Selbstdefinition ihres ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit „arm, aber sexy“ ist. Nun ist „langsam“ verkehrstechnisch nicht unbedingt sexy, schon gar nicht „leidenschaftlich“. Doch viele ziehen einem schnellen Quickie vollendete Gemütlichkeit vor.









