In NRW lernt man das Schreiben zuerst mit der Druckschrift. Foto: Mathias Lindner

Kreis Lippe/Detmold/Blomberg. Haben wir die Möglichkeit, so schreiben wir Erwachsene in der Regel per Tastatur, ob auf dem Smartphone oder dem Tablet, wobei auch schon das gesprochene Wort gleich in Text verwandelt werden kann. Das ist der Fortschritt, der alles einfacher macht. Was sich auf der Habenseite befindet, ist ganz klar – doch welchen Verlust nehmen wir dafür in Kauf? Beim  Internationalen Tag der Handschrift, der am heutigen Freitag, 23. Januar, gefeiert wird, geht es um die Bedeutung der Handschrift im digitalen Zeitalter.


Mit der Hand zu schreiben ist ein komplexer Vorgang, bei dem zwölf Hirnareale aktiv sind, mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke zusammenwirken, und die werden vom Schreibenden – unbewusst – koordiniert: „Handschriftliches Schreiben ist aus ergotherapeutischer Sicht hochwirksam: Es stellt eine grundlegende Voraussetzung für schulische Teilhabe, emotionale Stabilität und nachhaltiges Lernen dar und sollte auch im digitalen Zeitalter einen festen Platz behalten. Durch das Schreiben mit der Hand sieht man, wie der einzelne Buchstabe entsteht. Dadurch werden mehr neuronale Netze aktiviert als durch das Tippen auf einer Tastatur. Die Formen der Buchstaben prägen sich somit durch die Handschrift besser ein. Das handschriftliche, flüssige Schreiben unterstützt nachweislich ein tieferes Textverständnis und fördert die Merkfähigkeit sowie das strukturierte Denken“, weiß die in Blomberg praktizierende Ergotherapeutin Susanne Schwung.

Das sind also Kompetenzen, die in allen Lebensbereichen von unschätzbarem Wert sind. Die Handschrift ist sozusagen ein Werkzeug zur besseren Benutzung unseres Gedächtnisses. Viele Autoren schreiben immer noch gerne mit der Hand, da auf diese Weise ein ganz anderer Zugang zum Inhalt möglich wird.

Wirft man einen Blick auf den Schulalltag, so ist das Schreiben immer noch eine echte Hausnummer. In NRW wird in der Grundschule mit der Druckschrift begonnen. Sie ist bedeutend einfacher als die Schreibschrift, was zu Beginn sehr vorteilhaft sei, meint der Co-Rektor der August-Hermann-Francke-Grundschule in Detmold, Elmar Heuer: „Viel Neues muss bewältigt werden – wie heißen die Buchstaben, wie zieht man die Buchstaben zusammen, das Lesen und Schreiben ist erst einmal Neuland. Nach circa anderthalb Jahren wird dann die Schreibschrift erlernt. Danach kommt der Zeitpunkt der individuellen Beurteilung jedes einzelnen Schülers.“

Im Prinzip heißt das: Am besten ist, was am besten funktioniert. Für viele sei die Druckschrift einfacher, aber dies könne man nicht verallgemeinern, so Heuer: „Manche Kinder haben Schwierigkeiten, den richtigen Abstand der Buchstaben zu finden, und gerade für diese Kinder ist die Schreibschrift besser als die nicht verbundene Schrift. Die meisten Kinder wissen schon, was für sie am besten passt. Ich selbst habe mit Ach und Krach die Schreibschrift gelernt und meine Schrift sah auch eher katastrophal aus. Von daher bin ich schon ein Freund der Methode, mit der Druckschrift zu beginnen. Auch sehe ich keine deutliche Verschlechterung im Schreiben der Kinder heutzutage.“

Man dürfe das Geschehen nicht zu sehr aus der Perspektive der Vergangenheit betrachten, das verschleiere und verzerre; der älter gewordene Lehrer dürfe nicht in eine Starre verfallen, die für Neuerungen und neue Erkenntnisse nicht mehr zugänglich sei, meint der Deutsch-, Mathematik- und Sportlehrer Heuer. Und warum wird nicht gleich mit der Tastatur gelernt? Ist das Tippen nicht einfacher für Schüler und ebenso für die Lehrer?

Elmar Heuer dazu: „Wenn ich das rein technisch betrachte, muss ich sagen: Wir sind ja eigentlich eine Gesellschaft, in der die digitale Endgeräteversorgung sehr flächendeckend gewährleistet ist, somit wäre es durchaus machbar. Aber ich denke, das hat etwas mit Menschenwürde zu tun. In Silicon Valley ist man ja schon dabei, den Menschen so mit der Maschine zu verbinden, dass das Festzuhaltende nur noch gedacht werden muss, und diese Entwicklung geht mit Riesenschritten voran. Was aber bei diesem Prozess droht, ist, dass die Menschheit zu großen Teilen verblöden wird. Schon damals wurde über das Fernsehen gesagt, dass es Schlaue schlauer und Dumme dümmer macht. Und da müssen wir uns dafür einsetzen, dass der Mensch solche Fertigkeiten wie das Schreiben bewahrt, denn das macht einen Teil seiner Würde aus, und die nehme ich ihnen, wenn ich ihnen das nicht mehr angedeihen lasse.“

Ein anderes Hindernis sieht Heuer bei der Motivation der Lehrer: „Unterricht, der den Weg des geringsten Widerstands geht, ist bequemer, aber fordert und fördert die Kinder weitaus weniger. Es kostet einen durchaus Schweiß und Gehirnschmalz, aber wenn man etwas geschafft hat, dann kann man stolz darauf sein, gerade dann, wenn es auch ein mühsamer Weg war. Bei aller Diskussion glaube ich, dass es mehr ein Problem der Lehrkräfte ist als der Kinder. Im pädagogischen Bereich gibt es viele Grabenkämpfe. Wenn wir wirklich differenzieren möchten, dann müssen wir es auch ermöglichen, eine verbundene Schrift zu erlernen. Wenn man möchte, dass Kinder resilient werden, und die Mehrheit der Lehrer wünscht sich genau das, dann müssen wir den Kindern auch etwas zutrauen und -muten“.