Karolin Bünting (Schafschererin aus Bad Salzuflen, Mitte) zu Gast bei den Landfrauen Hohenhausen. Anne Frevert (links) und Sabine Stock (rechts) bedanken sich bei ihr. Foto: Reiner Toppmöller

Bad Salzuflen. Sie kommt aus Bad Salzuflen-Retzen und hatte bis zu ihrem 20. Geburtstag nichts mit Schafen zu tun. Erst ein Aufenthalt nach der Schule in Neuseeland brachte Karolin Bünting zur Schafschur. Jetzt war die Deutsche Meisterin in der Handschur von Schafen zu Gast bei den Hohenhauser Landfrauen und berichtete über ihre Arbeit und ihren Werdegang.


LWZ-Reporter Reiner Toppmöller sprach bei einer Tasse Kaffee mit der Frau mit dem ungewöhnlichen Beruf. „Ja, die Schafe werden immer noch so geschoren wie damals“, erwidert sie auf die Frage zu Beginn, ob der Vorgang noch so aussehen würde wie in „Die Dornenvögel“. Sie habe den Fernsehmehrteiler zwar nie gesehen, aber ja, da habe sich nicht viel geändert.

„Es ist eigentlich immer noch ein Männerberuf. Aber es ist nicht mehr so ungewöhnlich, wie es aussieht, dass auch Frauen Schafe scheren. Zumindest nicht in Neuseeland und Australien“, erzählt sie weiter.

Ihr erstes Schaf schor sie indes im Jahr 2011. „Ich weiß nicht, wer da mehr geschwitzt hat, das Schaf oder ich. Danach war ich auf jeden Fall fix und fertig“, erzählt sie lachend. Man brauche schon einige Hundert Schafe, um das Scheren zu beherrschen, sagt sie, und dass sie davon viel in Neuseeland und Australien gelernt habe.

Und weil das Scheren, wie sie anfügt, süchtig machen könne, habe sie dann in Deutschland im Jahr 2012 bei der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen ihren ersten Schafschur-Kurs abgelegt. Immer wieder sei sie nach Neuseeland gefahren, habe in Norwegen, Schottland, Frankreich und den Niederlanden Schafe geschoren und sich im Jahr 2016 selbständig gemacht. Im ersten Jahr habe sie 201 Schafe geschoren. Doch dabei blieb es selbstredend nicht. „Ich glaube, ich habe bis jetzt schon so um die 50.000 Tiere geschoren“, betont sie lachend.

Ein Jahr später legte Karolin Bünting ihren ersten Wettbewerb ab. „Das schnelle Scheren lernt man in Ländern wie Neuseeland und Australien. Dort haben die Schäfereien 4.000 bis 5.000 Tiere. Geschoren werden die Tiere dort von Lohnunternehmern und bezahlt wird nach geschorenem Tier. So kommt man schon auf 150 bis 200 Tiere pro Tag“, erzählt die 35-Jährige.

So ein Arbeitstag beginnt um 5 Uhr mit dem Aufstehen und der Vorbereitung für die Arbeit. Gearbeitet wird ab 7 Uhr in vier sogenannten „Runs“ über je zwei Stunden, unterbrochen von jeweils nur einer halben Stunde Pause bis 17 Uhr. Danach, so die Schafschererin, müsse man die Messer schleifen, sich duschen und essen, um ab 22 Uhr wie „tot“ ins Bett zu fallen.

2018 absolvierte sie in Schottland einen professionellen Handschurkurs und schor erstmals 200 Tiere an einem Tag. Um ein Gefühl dafür zu bekommen: Ein Schaf bringt rund 70 Kilogramm auf die Waage. Welche körperliche Leistung dahintersteckt und welche Muskeln dabei zum Einsatz kommen, kann wohl jeder nachvollziehen, der schon einmal ein Fitnessstudio betreten hat.
Im selben Jahr nahm Karolin Bünting zudem erstmal an einem Wettbewerb in Neuseeland teil und erreichte bei den „Golden Shears“ in Novice das Halbfinale. Ein Jahr später kam sie bis ins Junior-Finale in Le Dorat in Frankreich und 2022 erreichte sie das Handschur-Finale in Bendigo in Australien.
Bei der WM 2023 im schottischen Edinburgh trat sie gar gegen ihre Ausbilder an und kam ins Handschur-Halbfinale, um im Folgejahr den Handschur-Titel in der Mittelklasse in Deutschland zu erreichen.
„Um die Geschwindigkeit bei Wettbewerben mit rund einer Minute pro Tier zu erreichen, braucht man viel Erfahrung. Bei einer normalen Schur sind es etwa zwei Minuten pro Tier“, erklärt sie.

Derzeit lebt sie im Salzufler Vorort Retzen, hat selbst acht Schafe zu Hause und arbeitet hauptsächlich für Hobbyhalter, fährt aber auch zu Schäfereien im Umfeld. Einmal im Jahr versuche sie, ins Ausland zu kommen, denn dort habe sie sich immer sehr wohl gefühlt. Weitere Informationen über Karolin Bünting und ihre Arbeit gibt es auf ihrer Homepage.


LWZ-Serie „Auf einen Kaffee mit …“

In der LWZ-Serie „Auf einen Kaffee mit …“ werden regelmäßig Menschen vorgestellt, die das Leben in Lippe aktiv mitgestalten – oft im Rampenlicht, manchmal im Hintergrund, aber stets mit Leidenschaft und Engagement.

Ob Politiker, Künstler, Vereinsmitglieder, Unternehmer oder Ehrenamtliche: Bei einer Tasse Kaffee sprechen sie über das, was sie antreibt, bewegt – und warum ihr Herz daran hängt. Die LWZ-Leser dürfen sich auf persönliche Einblicke, ehrliche Gespräche und Anekdoten freuen.