
Kreis Lippe. Die Polizei wird nicht müde, vor den Gefahren von Eisglätte auf den Straßen zu warnen. Recht so. Räum- und Streufahrzeuge sieht man hingegen eher selten. Ist dem Winterservice der Städte die Kampfmonition knapp geworden oder sogar ausgegangen? Wer zurzeit losfährt und abends heil ankommt, darf sich offiziell „Held der Straße“ nennen – die Urkunde ist leider wetterbedingt nicht zustellbar. Eine Glosse von LWZ-Reporter Hajo Gärtner auf der Basis von Fotos und Erzählungen des LWZ-Rettungswesen-Experten Jörn Fries. Der wohnt in Nieheim (Anfang der Reise) und fährt nach Lage (Zielpunkt), wo er in der Realschule lehrt.

Es beginnt früh morgens im Dunkeln recht harmlos: In Nieheim glitzert der Schnee so friedlich, als hätte jemand Puderzucker über die Landschaft gestreut. Man denkt: „Ach, wie idyllisch!“ Zehn Sekunden später rätselt man: „Warum bewegt sich mein Auto seitwärts, obwohl das Lenkrad gerade steht?“
Die Straße sieht frisch geweißelt aus; geschniegelt und gestriegelt – doch unterm Weiß regiert das Eis. Das Navi spricht beruhigend: „In 200 Metern rechts abbiegen.“ Nanu, warum fährt das Auto schnurstracks geradeaus und murmelt dabei: „Schon mal was von Fahrphysik gehört?“ – Ja, jedes Objekt drängt darauf, mit Blick auf Richtung und Geschwindigket seinen momentanen Zustand beizubehalten und zusätzlich der Schwerkraft Tribut zu leisten. Das wusste schon Galilei bei seinen Experimenten auf der schiefen Ebene.

Auf langer Strecke begegnet man zwangsläufig den klassischen Winter-Figuren:
- dem Übervorsichtigen, der mit 12 km/h unterwegs ist und dabei blinkt, als würde er Morsezeichen senden;
- dem Optimisten im Sportwagen, der denkt, Allrad sei ein Garant für die Lösung aller Probleme der Fahrphysik.
- und dem LKW-Fahrer, der quer steht und offenbar beschlossen hat, hier ein neues Wahrzeichen zu schaffen.
Zwischen Nieheim und Lage verwandelt sich die Fahrt in eine Mischung aus Eiskunstlauf und Survival-Training. Man entwickelt Fähigkeiten, von denen man nicht wusste, dass man sie besitzt: kontrolliertes Atmen, stoisches Fluchen und das Talent, in Zeitlupe „Neeeeeiiiin“ zu sagen, während das Heck eigensinnig wegdreht.
Je näher man dem Ziel kommt, desto klarer wird: Der Winter meint es ernst. Streufahrzeuge tauchen nicht auf – nur höchst selten – und dann wie mythische Wesen. Man glaubt fest an ihre Existenz, sieht sie aber nie arbeiten. In Lage wohlbehalten angekommen, steigt man aus, küsst den Bordstein und sagt mit zittriger Stimme: „Ich bin gefahren.“ Nicht schnell. Nicht elegant. Aber gefahren.
Der Winterverkehr lehrt Demut. Und Geduld. Und dass „Glatteis“ kein Vorschlag, sondern eine Ansage ist. Dass aber auch die rheinische Frohnatur recht hat, wenn sie sagt: „Et hätt noch emmer jot jejange“.











