Bernd Gieseking kommt mit seinem Jahresrückblick 2025 nach Lage. Foto: Martina Lorenz

Lage. Ein Geschichtenerzähler und Humorist der ersten Güteklasse ist der Mindener Kabarettist Bernd Gieseking. Für Rundfunk und Fernsehen hat er gearbeitet, von ARD bis WDR, als Kolumnist von Titanic bis TAZ, ist Bestsellerautor und als Kabarettist der Erfinder des satirischen Jahresrückblicks. Mit genau diesem kommt er jetzt nach Lage: „Ab dafür“ heißt das Programm, das er am Freitag, 20. Februar, um 20 Uhr in der Ziegelei präsentieren wird.


LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Am 20. Februar stehen Sie wieder auf heimischen Brettern – was bedeutet Heimat für Sie?
Bernd Gieseking: Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mit Freunden zusammensein kann. Und ich habe das Glück, an mehreren Orten dieses Heimatgefühl pflegen zu können. Natürlich ist Minden, meine Heimatstadt, auch solch ein Ort. Nach längerer Abwesenheit bin ich hierher zurückgekehrt – auch um in der Nähe meiner Eltern sein zu können – und trotz des jahrzehntelangen Fernbleibens haben mich meine Freunde aufgenommen, als wäre ich niemals weg gewesen. Das intensivste Heimatgefühl habe ich tatsächlich hier, also dort, wo meine Mentalität, Sprache und meine Gepflogenheiten „beheimatet sind“, in OWL, wo ich verstehe und verstanden werde und das manchmal ganz ohne Worte.

LWZ: Eine Art Liebeserklärung ist mit Ihrem Buch und Spiegel-Bestseller „Das kuriose Ostwestfalen-Buch“ entstanden. Was ist so besonders an diesem Ostwestfalen?
Gieseking: Der Ostwestfale ist sehr herzlich, sehr zuverlässig, sehr lustig, aber eben auch selbstironisch und neigt überhaupt nicht zur Überheblichkeit. Uns Ostwestfalen halte ich für bodenständige Menschen, die sich gegenseitig auch gerne mal auf den Arm nehmen. Ein offener Typ ist er dann, wenn man ihm genug Zeit lässt, und Nähe kann er haben, wenn der Abstand stimmt (lacht).

LWZ: Wie würden Sie Ihre Art des Kabaretts bezeichnen?
Gieseking: Da muss ich differenzieren, denn es kommt auf das jeweilige Programm an. So ist zum Beispiel mein satirischer Jahresrückblick ein klassisches, politisch-satirisches Programm, aber durchaus angereichert mit einem Schuss Erzählkabarett. Dann gibt es aber auch „Literarisches Kabarett“, das seine Wurzeln im Erzählerischen hat, bei dem das persönliche Erleben im Vordergrund steht. Meine Programme unterscheiden sich formal alle voneinander und haben andere Schwerpunkte.

LWZ: Jetzt werfen Sie mit „Ab dafür“ einen Blick zurück auf’s Jahr 2025. Sie haben vor vielen Jahren diese Art des Kabarettprogramms „erfunden“ – wie entwerfen Sie einen solchen Rückblick?
Gieseking: Zuerst einmal bin ich ein Chronist und schreibe mit, zum Beispiel bei den Bundestagswahlen: Die FDP ist draußen; der Satiriker in mir notiert dazu: „Ich habe mein Wahlziel erreicht, Christian Lindner muss gehen.“ Und neben dem politischen Geschehen notiere ich die Absurditäten, die mir begegnen. Als strukturierendes Element benenne ich jeweils ein „Gesicht des Monats“, das aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen kann, auch aus dem Sport; im Mai ist Arminia Bielefeld dran, dank besonderer Kuriositäten. Auf der politischen Ebene dürfen Trump und Putin nicht fehlen. Die bekommen bei mir die Rollen von Max und Moritz – Wilhelm Busch habe ich hier umgeschrieben.

LWZ: Sie haben ein facettenreiches, berufliches Vorleben gehabt. Wann tauchte der Wunsch auf, sich dem Kabarett zu widmen?
Gieseking: Ich habe schon als 20-Jähriger, damals war ich in der Lehre als Zimmermann, meine ersten Gehversuche bei den Mindener Stichlingen gemacht; heute sind sie Deutschlands ältestes Amateur-Kabarett und feiern ihr 60-jähriges Bestehen. Dann, während der Studienzeit (Theologie und Kunst), habe ich meine eigene Gruppe gegründet und die Reaktionen waren sehr ermutigend. Ob Radiomoderation, Kinderhörspiele oder Hausautor am Staatstheater Kassel, ich konnte ganz unterschiedliche Dinge machen und hatte das Glück, für all meine Ideen immer ein passendes Forum zu finden.

LWZ: Ist die derzeitige politische Situation ein besonderes Mekka für den Kabarettisten?
Gieseking: Jede politische Situation ist ergiebig, denn die perfekte Welt gibt es ja gar nicht, somit gibt es immer Ansätze für Kritik. Wäre die Welt aber perfekt, so wäre das auch kein Schaden für den Kabarettisten, denn auch Loblieder kann man witzig gestalten.

LWZ: Kommt denn zuweilen Frust auf beim Blick auf’s politische Geschehen?
Gieseking: Ich habe das in ein Motto gepackt. Ein amerikanischer Autor hat gesagt: „Als Pessimist sitzt du im dunklen Zimmer und bist schlecht gelaunt. Als Optimist putzt du die Scheibe.“ Und so versuche ich bei allem, Optimist zu bleiben und die Welt zum Guten hinzudenken.

LWZ: Sie stehen auf der Bühne, sind ebenso als Autor tätig – ist das Schreiben eine Verschnaufpause zwischen den Reisen und Auftritten?
Gieseking: Es sind zwar gänzlich unterschiedliche Tätigkeiten, aber das Schreiben kann auch sehr anstrengend sein – ich komme manchmal verschwitzt vom Schreibtisch hoch, wenn ich einen Text in die Tastatur gearbeitet habe. Ich finde gerade das Nebeneinander dieser unterschiedlichen Tätigkeiten von Recherche, Denken, Schreiben, Entwickeln und Präsentieren so interessant. Wenn ich zum Beispiel für’s Radio arbeite oder Kolumnen schreibe, kann ich nicht beurteilen, wie das beim Publikum ankommt. Die Bühne hingegen ist ein Korrektiv, und die unmittelbaren Reaktionen zu erleben, finde ich einfach klasse.

LWZ: Sie sind mit 67 Jahren im Rentenalter – können Sie sich vorstellen, jemals ein Rentnerdasein zu fristen?
Gieseking: (lacht) Also, Rentner zu sein, würde sich für mich anfühlen, als würde ich aufhören, zu denken und zu schreiben. Was ich mir aber vorstellen könnte, ist, die Auftrittszahl zu reduzieren, um vielleicht auch nochmal einen umfangreichen Stoff zu schreiben. Nach meinen circa zehn Büchern für Erwachsene und Kinder plane ich einen Roman über einen Stoff, den ich schon lange mit mir herumtrage, und zwar eine historische Geschichte über eine Arktisreise.