Unübersehbar: das große schwarze Tempo-Messgerät in der Friedrichstraße. Wer soll denn damit gefangen werden? Autofahrer, die unbedingt einen Termin beim Optiker machen sollten? Die holprige Straßenpiste verhindert, dass selbst Raser Tempo 30 überhaupt erreichen, geschweige denn wesentlich überschreiten. Foto: Hajo Gärtner

Lage. Man muss schon Tomaten auf den Augen haben, um das Gerät an der Friedrichstraße zu überse­hen. In majestätischem Schwarz, irgendwo zwischen Trauerflor und Staatskarosse, ragt das über­mannsgroße Ungetüm in den Straßenraum wie ein Denkmal für Verkehrserziehung.


Doch kann dieses Monstrum überhaupt jemanden überfüh­ren? Ich habe den Eindruck, die Stadt will dokumentieren: „Wir blitzen nicht, um Geld einzuneh­men, sondern um abzuschrec­ken.“

Das ist ehrenwert; vor dem Label der „Haushaltssicherung“ aber verheerend. Was nützt ein Mess­monster, das mehr als 120.000 Euro kostet, aber keinen Gewinn einspielt? Dieser Eindruck ergab sich in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für öffentliche Ordnung, Sicherheit, Feuerwehr und Mobilität, dessen monströ­ser Name dem Ding an der Frie­drich­straße, das dort bis Mitte März aufgestellt bleiben soll, durchaus gerecht wird.

Sei’s drum: In besagter Sitzung berichtete Malte Begemann, Lei­ter der „Fachgruppe Ordnung“, mit nüchterner Sachlichkeit, dass die beiden neuen Blitzer im Rahmen einer interkommu­nalen Kooperation seit Anfang Januar 286 Temposünder überführt hätten. Bo ey, 286! Das klingt ja nach Großwildjagd. Rechnet man jedoch nach: zwei Geräte an 14 Standorten, rund acht Wochen lang aufgestellt –, dann bleiben weniger als zehn Treffer pro Standort/Blitzer/Tag. Das ist eher Mäusejagd.

Mit Dating-Charakter: Die beiden Geräte hören auf die charman­ten Namen „Harry“ und „Sally“ – eine Hommage an die romanti­sche Filmkomödie aus den späten 80er-Jahren. Man fragt sich, ob sie sich abends im Bauhof zuflüstern: „Morgen mach ich’s elf Mal.“ – „Und ich mach das Dutzend voll.“

Leidenschaft sieht anders aus. Vielleicht liegt es an der Chemie. Vielleicht an Tempo 30. Über die Einnahmen wollte Begemann nichts sagen. Die „Verwarngeldverfahren“ seien noch nicht abgeschlossen.

Man kennt das: Erst kommt die Liebe, dann die Rechnung. Und die hat es in sich. Mehr als 120.000 Euro kostet so ein nagelneuer Blitzer-Caddy mit allem Drum und Dran. Das ist kein Flirt, das ist eine Langzeitbe­zie­hung. Bis sich diese Investition amortisiert, braucht es Geduld – oder extrem viele übereilige Friedrichstraßen-Pendler.

Nun ist es ja so: Je bekannter die Kontrolle, desto leerer die Kasse. Wenn sich herumspricht, wo „Harry“ und „Sally“ unterwegs sind, fährt dort plötzlich jeder so sitt­sam wie im Fahrschulauto. Prä­vention funktioniert – fataler­weise. Denn ein Blitzer, der keine Sünder findet, ist verkehrspäda­gogisch wertvoll, fiskalisch aber eine Katastrophe.

Bleibt also die ketzerische Frage: Wären freundliche Geschwindig­keits­anzeigen mit erhobenem digitalen Zeigefinger, flankiert von einem aufmunternden „Danke“, nicht günstiger und wo­mög­lich genauso wirksam? FDP-Politikerin Martina Hannen hatte diese Überlegung schon früh ins Spiel gebracht – was sich im Lichte eines Haushalts unter Siche­rungs­gebot unaufdringlich neu stellt. Sparsamkeit ist schließ­­lich auch eine Form der Liebe.

Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Einnahmen. Vielleicht sollte die Friedrichstraße einfach nur einmal Hollywood spielen. Mit großem Auftritt, schwarzer Ele­ganz und einem Hauptdarsteller, der hofft, dass es irgendwann wieder richtig funkt. Bis dahin gilt: Wer das Ungetüm übersieht, sollte wirklich über einen Termin beim Optiker nachdenken.