
Kreis Lippe/Bad Salzuflen. Wenn Christoph Maria Herbst über Humor spricht, tut er das mit jener Mischung aus Präzision, Selbstironie und schelmischer Ernsthaftigkeit, die ihn seit „Stromberg“ zu einem unverwechselbaren Gesicht der deutschen Film- und Fernsehlandschaft gemacht hat.
Gemeinsam mit Autor und Komiker Moritz Netenjakob geht er 2026 wieder auf Tour, mit einem Programm, dessen Titel bereits andeutet, dass dort mehr passiert als bloßes Vorlesen: „Das ernsthafte Bemühen um Albernheit“.
Bevor Herbst im Mai unter anderem in Bad Salzuflen (Samstag, 16. Mai, 20 Uhr, Konzerthalle), Höxter (Freitag, 15. Mai, 20 Uhr, Residenz Stadthalle), Nienburg (Sonntag, 17. Mai, 19 Uhr, Theater Nienburg) und Rietberg (Dienstag, 19. Mai, 20 Uhr, Cultura) auftritt, sprach er mit der LIPPISCHEN WOCHENZEITUNG über die Kunst des klugen Unsinns, über Loriot, Stromberg, moralische Grenzen und darüber, warum er lieber einen Massenmörder spielt, als Sparpläne im Reihenhaus zu verkaufen.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Herr Herbst, im Mai und Dezember treten Sie mit Moritz Netenjakob und Ihrem gemeinsamen Programm „Das ernsthafte Bemühen um Albernheit“ deutschlandweit auf. Worauf dürfen sich die Zuschauer freuen?
Christoph Maria Herbst: Auf uns. Und auf unsere eigene Freude. Es macht uns beiden nämlich immer noch genauso viel Spaß wie beim ersten Mal. Wir plaudern, sezieren den deutschen Humor und zeigen, was er aus uns gemacht hat und wir aus ihm. Klingt wie ein dröges Symposium, oder? Keine Bange. Es ist das Gegenteil.
LWZ: Der Titel Ihres Programms trägt etwas Philosophisches in sich. Wie viel Ernst steckt tatsächlich in der Albernheit und was ist schwieriger: Menschen zum Lachen zu bringen oder sie zum Nachdenken zu bewegen beziehungsweise ernst genommen oder lustig gefunden zu werden?
Herbst: Der Weg ist das Ziel. Wenn Du Menschen mit Lachen öffnest, dann kannst Du weiteres hinterherkippen. Wenn Sie so wollen, schleichen wir uns durch das Zwerchfell in die Hirne und Herzen. Für mich ist und bleibt das Genre der Tragikomödie die Königsdisziplin. Hauptsache, es laufen Tränen.
LWZ: Wenn Sie gemeinsam mit Moritz Netenjakob lesen und plaudern, wie spontan darf ein solcher Abend werden und wer bringt auf der Bühne wen häufiger aus dem Konzept?
Herbst: Wir sind mittlerweile ein recht eingespieltes Duo. Damit wir nicht Dienst nach Vorschrift machen, führen wir uns schon gerne mal gegenseitig aufs Glatteis. Mit diesem Fahrtwind kommen wir dann manchmal vom Weg ab.
Die Struktur des Abends wird dadurch aber nicht gesprengt. Unser Ziel ist es, dass die Übergänge von Spontaneität zu Choreografie so fließend sind, dass wir sie selbst kaum mitkriegen.
LWZ: Ihre Tour führt Sie unter anderem nach Ostwestfalen-Lippe. Was verbinden Sie persönlich mit der Region und gibt es besondere Erinnerungen oder Begegnungen, die Sie speziell mit dem Kreis Lippe verknüpfen?
Herbst: Total. Vor wenigen Monaten erst waren wir noch mit dem kompletten Stromberg-Ensemble in Lage in der Filmwelt. Die Begegnung mit den Fans war besonders sympathisch und die Arbeit der dortigen Kinomacher ist beeindruckend. Die Region kann sich glücklich schätzen.
LWZ: In „Das ernsthafte Bemühen um Albernheit“ bringen Sie unter anderem Texte von Loriot auf die Bühne. Was fasziniert Sie bis heute an seinem Humor?
Herbst: Vicco von Bülows Präzision, das Sezieren von Zwischenmenschlichem ohne Bloßstellung, das Aufbrechen und Entstauben von kleinbürgerlichem Verhalten – das ist schon ganz große Kunst. Dazu war er dann auch noch so wandlungsfähig und so sagenhaft penibel. Das eine oder andere Scheibchen hab‘ ich mir da schon abgeschnitten. Oder besser Moritz als Autor und ich als Spieler.
LWZ: Szenen aus „Stromberg“ gehören ebenfalls zum Programm. Wie häufig begleitet Sie Bernd Stromberg noch im Alltag und gab es Phasen Ihrer Karriere, in denen Sie Angst hatten, auf die Figur reduziert zu werden, und wie haben Sie dem (gegebenenfalls) entgegengewirkt?
Herbst: Der Bernd hat mir viel zu verdanken. Ohne mich gäbe es ihn nicht. Andersherum wird aber auch ein Schuh draus. Er war für mich eher Ermöglicher als Verhinderer. In der Anfangsphase wollten viele Regieführende mit mir arbeiten, einfach nur um neugierig zu gucken, wie viel Arsch tatsächlich in mir steckt. Auch sie haben schließlich festgestellt, dass Stromberg lediglich eine Rolle ist, wenn auch eine markante.
LWZ: Stichwort „Was darf eigentlich Satire?“: Ließe sich eine Serie wie „Stromberg“ heute noch in derselben Form produzieren und unter welchen Voraussetzungen könnte eine neue Staffel entstehen?
Herbst: Gutes bleibt. Daran wird nicht gerüttelt. Unserem Autor Ralf Husmann hat niemand reingeredet, als er das Buch zu unserem jüngsten Stromberg-Kinofilm schrieb. Es gibt und gab keine Zensur. Das wäre bei einer eventuellen weiteren Staffel auch nicht der Fall. Ihre Frage, was Satire darf, beantwortete Tucholsky vor 100 Jahren mit: „Alles!“
LWZ: Hat sich Humor und Satire im Zeitalter von Social Media verändert, oder eher die Empfindlichkeit des Publikums? Oder anders gefragt: Ist Satire heute schwieriger geworden oder lediglich riskanter? Und macht Sie das in Ihrer Arbeit zurückhaltender oder im Gegenteil mutiger?
Herbst: Wenn Leute mich persönlich mit Shitstorms überziehen wollen, kann ich nur sagen: Immer her damit. Ich les‘ es nicht. Ich wüsste auch gar nicht, wo. Die Social-Media-Büchse der Pandora habe ich nie geöffnet. Das war damals nicht meine dümmste Entscheidung.
Es war geradezu weitsichtig. Nicht wenige haben sich seitdem von diesen Portalen zurückgezogen, da sie gemerkt haben, dass der gläserne Mensch splittern kann.
LWZ: Welche Ihrer Figuren hat Ihnen moralisch am meisten widersprochen und welche Rolle haben Sie in Ihrer Karriere bewusst abgelehnt und warum?
Herbst: Wenn ich einen Massenmörder spielen würde, bedeutete dies nicht, dass ich als Schauspieler Massenmord gutheiße. Hier gilt es, zu differenzieren. Da hab‘ ich keine Berührungsängste. Als damals der Weltbestseller „Er ist wieder da“ verfilmt wurde, wollten Regie und Produktion mich als Hitler. Das hab‘ ich damals abgelehnt und hab das auch nie bereut. An der Figur hatte ich mich bereits zur Genüge abgearbeitet. Ich bin froh, dass meine Vernunft damals meine Eitelkeit schlug.
LWZ: Wenn Sie nicht Schauspieler geworden wären, welche Ihrer persönlichen Eigenschaften wäre ungenutzt geblieben?
Herbst: Die Schauspielerei ist ja lediglich mein Brotberuf. Mein Ausbildungsberuf ist der des Bankkaufmanns. Wenn ich dabei geblieben wäre, wäre ich sicherlich kreativ verkümmert, säße jetzt feist im Reihenhaus und würde mich brüsten, 80-Jährigen Sparpläne mit Versicherungsschutz zu verkaufen. Glauben Sie mir, sowas spiele ich lieber, als es zu sein.
LWZ: Welche künstlerischen Projekte reizen Sie derzeit besonders oder würden Sie in Zukunft gerne umsetzen?
Herbst: Wir sprachen ja schon über Massenmörder. Ich hätte mal Bock auf einen Thriller. Kann Ihnen aber nicht sagen, ob ich lieber den Guten oder Bösen spielen wollte. Ich bin gespannt. Bisher musste ich nie suchen. Gute Rollen haben mich immer gefunden. Ich bin nach wie vor bereit.
Das Interview führte Yves Brummel.




