Christine Thürmer ist fast immer unterwegs. Am 22. März führt ihr Weg sie nach Detmold. Foto: Andrew Burns

Detmold. 70.000 Kilometer zu Fuß, das hat nur eine Frau geschafft, und zwar die gebürtige Bayerin Christine Thürmer. Australien, Neuseeland, Singapur oder die USA, in aller Herren Länder ist die Langstreckenwanderin unterwegs und das seit nunmehr 20 Jahren.


Am Sonntag, 22. März, um 19 Uhr präsentiert die weltgewanderte Wahlberlinerin ihren Multivisionsvortrag „Wandern total – die Welt zu deinen Füßen“ in der Stadthalle Detmold.

Mittlerweile hat Thürmer vier Bestseller geschrieben. In ihrem aktuellen Buch „Hiking Asia“ schreibt sie über ihre Touren durch Japan, Taiwan und Südkorea. Einen voll durchtrainierten Menschen stellt man sich vor, wenn man an solche Mammuttouren denkt, doch dem muss nicht so sein.

Besonders sportlich sei Thürmer nie gewesen: „Die amerikanischen Langstreckenwanderer sagen immer, und ich finde, das stimmt: Ob man so einen langen Trail schafft oder nicht, entscheidet sich zu 80 Prozent im Kopf und nur zu 20 Prozent in den Füßen.

Langstreckenwandern kann eigentlich jeder, der einen Fuß vor den anderen setzen kann. Und es ist auch gar nicht so schwer, 30 Kilometer zu wandern, man hat ja den ganzen Tag Zeit dafür. Was aber schwer ist, ist, dieses Pensum jeden Tag aufs Neue zu absolvieren und das über Wochen und Monate hinaus. Und dazu braucht man unbedingt die richtige mentale Einstellung und weniger die Fitness – die kommt unterwegs ganz von selbst.“

Meist ist sie allein unterwegs, was sie in keinster Weise schreckt: „Es wird den Frauen medial geradezu eingetrichtert, dass sie Angst haben müssen, wenn sie allein unterwegs sind. Somit ist die Angst bei Frauen viel größer als bei Männern. Realistisch ist das aber nicht, denn statistisch gesehen ist man im Wald oder auf Wanderwegen viel sicherer als in jeder deutschen Großstadt – das zeigt auch ein Blick in die Polizeistatistik“, betont Thürmer.

Vor ihrer Wanderkarriere hat die temperamentvolle 58-Jährige als Managerin gearbeitet und sehr gut verdient. Da sie schon immer ein sparsamer Mensch war, konnte sie Geld am Aktienmarkt anlegen und hat somit genügend Ersparnisse, um davon gut zu leben. Sehr viel braucht sie eh nicht.

Durchschnittlich 1.000 Euro im Monat reichen ihr für alles Wesentliche, vom Proviant bis zur Handy- und Auslandskrankenversicherung: „Das Handy ist zugegebenerweise mein Luxusgegenstand. Also ich könnte schon ohne Handy laufen, und zu Beginn meiner Outdoor-Karriere 2004 war ich auch noch komplett ohne Handy unterwegs. Aber mittlerweile bin ich doch sehr aufs Handy angewiesen: Es ist das Backup für meine Navigation, es ist meine einzige Kamera, die ich unterwegs dabei habe, ich recherchiere damit zum Beispiel bezüglich Hotels, und ganz wichtig ist auch meine Liveline, um mit Freunden zu kommunizieren oder Musik und Podcasts zu hören.“

Wenn Christine Thürmer nicht wandert, das ist in der Winterzeit, dann ist sie vier bis sechs Monate in Deutschland und in dieser Zeit schreibt sie ihre Bücher, plant die kommenden Touren und geht mit ihrer Show auf Tournee.

Pro Saison sind das circa 40 Auftritte im deutschsprachigen Raum; auf sehr unterhaltsame Weise bringt sie dann ihrem Publikum das Wandern nahe: „In meiner aktuellen Show ‚Wandern total‘ geht es um Wanderkulturen weltweit – Kulturen, die sehr unterschiedlich sein können. Im zweiten Teil des Abends gibt es dann eine unterhaltsame wie informative Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie man und vor allem frau die Angst vor dem Allein-Wandern und Zelten verlieren kann.“

Im Frühjahr, nach der monatelangen Zeit der Bewegungslosigkeit, freut sich Christine Thürmer sehr auf ihre neuen Touren, die natürlich akribisch geplant werden müssen: „Phase Nummer eins ist die Ideenfindung, zum Beispiel Wandern vom südlichsten zum nördlichsten Punkt auf dem europäischen Kontinent oder Laufen durch ein ganzes Land oder die Frontlinien des Ersten Weltkriegs (ich bin sehr an Geschichte interessiert) abradeln. Dann schaue ich, ob diese Idee realisierbar ist – da beginnt Phase zwei, das heißt, das Zusammenstückeln der Wanderroute. Die Phase drei ist die aufwendigste, nämlich die Logistikplanung: Wo bekomme ich unterwegs etwas zu essen her? Das ist in der Wildnis eine echte Herausforderung. Wo können besondere Probleme auftauchen? Zuweilen ist über viele Kilometer nicht an Wasser zu gelangen. Auch muss ich wissen, wo ich unterwegs neues Schuhwerk herbekomme, und ganz wichtig ist auch der Gaskanister, damit ich kochen kann.“

Für ihren Kalorienbedarf von drei- bis sechstausend Kalorien muß möglichst jedes überflüssige Gramm an Gepäcklast vermieden werden, und die beste Lösung heißt Schokolade, erzählt Thürmer schmunzelnd: „Ich verputze also am Tag bis zu vier Tafeln Schokolade – böse Zungen behaupten, dass dies der einzige Grund sei, warum ich Langstreckenwanderin bin. Einmal in der Woche gibt es allerdings einen Ruhetag und den nutze ich, um mir etwas Anständiges zu essen zu machen.“

Bei einer so intensiven Nutzung des Körpers liegt der Gedanke nahe, dass es jede Menge Verschleißerscheinungen gibt, doch das Gegenteil sei der Fall, betont die 1,84 Meter große Thürmer: „Ich habe weder Arthrose in den Gelenken noch sonst irgendetwas, da ich ja tatsächlich das mache, wofür unser Körper evolutionsmäßig ausgelegt ist. Es ist bedeutend normaler, am Tag 30 Kilometer zu wandern, als den ganzen Tag auf einem Bürostuhl zu sitzen und auf einen flimmernden Bildschirm zu starren.“

Voller Begeisterung kann Christine Thürmer sehr unterhaltsam über’s Wandern reden – wenn sie auf den Punkt bringen sollte, was sie am Wandern am meisten fasziniert, so kommt die Antwort ohne Zögern: „Es ist die Senkung der Glücksschwelle. Ich reduziere mich ja unterwegs auf das absolute Minimum, das heißt, ich habe nur fünf Kilogramm Gepäck dabei und habe trotzdem alles, was ich brauche. Wenn ich über Monate immer wieder feststelle, wie wenig ich wirklich im Leben brauche, um glücklich zu sein, dann ist das einfach ein ganz beglückendes Gefühl!“