Detmold. Von adligem Geschlecht ist er, war in mehr als 120 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, hat viel Theater gespielt, ist Hörbuchsprecher, Autor und obendrein mit interessanten Bühnenprojekten unterwegs.
An diesem Samstag, 28. März, kommt der umtriebige Münchner Johann von Bülow mit seinem unterhaltsamen Programm über den entfernten Verwandten Loriot nach Detmold. Zuvor nahm er sich jedoch die Zeit, um mit der LIPPISCHEN WOCHENZEITUNG zu sprechen.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Wie ist das Loriot-Programm „Der ganz offene Brief“ entstanden?
Johann von Bülow: Das Programm gibt es bereits seit 2014. Susanne von Bülow, Loriots Tochter, hatte mich damals gefragt, ob ich zeitgleich mit dem Herauskommen des Buches „Der ganz offene Brief“ in Berlin dazu eine Lesung gestalten könnte. Der Erfolg in der „Bar jeder Vernunft“ war so groß, dass ich dieses Programm dann nach und nach durch die Republik getragen habe. Ich glaube, es müssten in den vergangenen zwölf Jahren ungefähr 70 Vorstellungen gewesen sein.
LWZ: Würden Sie sagen, Loriot ist zeitlos und auch junge Menschen finden Zugang zu seiner Kunst? von Bülow: Ich habe einige Sachen ins Programm genommen, bei denen man nur staunen kann, wie ähnlich in den 1950er-Jahren doch einiges gewesen ist – es könnte tatsächlich in die heutige Zeit passen. Ich habe eine Passage im Programm, die nenne ich die „Gender-Toilette“ und da beschleicht einen das Gefühl, dass Loriot geradezu hellseherische Fähigkeiten gehabt hat.
Oder eine Geschichte um die Herstellung von Gebrauchsgütern mit Sollbruchstelle, also Ware, die kurz nach der Garantiezeit kaputtgeht, damit neue gekauft werden muss. Auch wenn in den 1950er-Jahren natürlich vieles ganz anders war, so hat sich doch einiges ins nächste Jahrtausend gerettet. Was junge Leute eventuell ein wenig befremdlich finden könnten, ist die Art von Förmlichkeit, die damals bestanden hat, aber im Großen und Ganzen ist Loriots Humor einfach zeitlos.
LWZ: Ist es für Sie wichtig, neben der Filmerei auch immer wieder auf der Bühne zu stehen?
von Bülow: Es macht auf jeden Fall großen Spaß, sonst hätte ich dieses Programm auch nicht über einen so langen Zeitraum gespielt. Und das Theaterspielen hat meinen künstlerischen Weg immer mal wieder gekreuzt, daran wird sich auch nichts ändern. Dazu muss ich sagen, dass das Loriot-Programm weniger eine Lesung ist als vielmehr eine Art Bühnenperformance, die in Richtung unterhaltsamer Theaterabend geht. Ansonsten freue ich mich an allem, was ich mache, ob als Hörbuchsprecher, Theater- oder Filmschauspieler.
LWZ: Sie stehen ja auch hin und wieder mit Walter Sittler zusammen auf der Bühne – wie sind Sie zusammengekommen und wer hat das Programm „Die Weltgeschichte der Lüge“ entwickelt?
von Bülow: Das ist ein altes Programm vom viel zu früh verstorbenen Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt. Wir haben das Stück stark modernisiert und in die Gegenwart geholt, um überall dorthin zu schauen, wo auf der Welt gelogen wird.
LWZ: Was hat den Ausschlag gegeben, den Beruf des Schauspielers zu ergreifen?
von Bülow: Es war schon ein Traum von mir, Schauspieler zu werden, und ich dachte, wenn ich nicht wenigstens mal versuche, die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule zu bestehen, bereue ich es später vielleicht. Und dann wurde ich tatsächlich angenommen und somit war die Entscheidung gefallen (die Rede ist von der renommierten Münchner Akademie für Darstellende Kunst).
LWZ: Sie haben in vielen Kino- und Fernsehfilmen sowie Serien mitgespielt – gibt es eine Rolle, die Sie als Karrieresprung bezeichnen würden?
von Bülow: Das ist bestimmt „Mord mit Aussicht“. Es ist erstaunlich, mit welcher Ausdauer die Menschen jeglichen Alters diese Serie immer wieder gerne anschauen, und wenn man in einer Serie mitspielt, die vom Publikum so geliebt wird, macht das natürlich viel aus und fördert die Verbindbarkeit von Name und Gesicht. Aber auch Filme wie „Aus der Haut“ oder „Rufmord“ waren tolle Geschichten und wenn ich es mir recht überlege, gibt es doch so einiges an schönen Rollen, die ich spielen durfte.
LWZ: Sie haben ja das Glück, als Schauspieler nicht in einer bestimmten Schublade gelandet zu sein … von Bülow: Es liegt auch ein bisschen an einem selbst. Wir Schauspieler, auch die erfolgreichen unter uns, müssen immer mal wieder Durststrecken überwinden, denn nicht immer sind interessante Angebote da, und das erfordert manchmal eine gewisse Stärke, dann abzuwarten, bis wieder etwas Attraktives da ist.
LWZ: Wobei Sie, wenn keine guten Filmangebote kommen, auch noch auf die Bühne ausweichen können. Und Sie haben sich außerdem vor drei Jahren der Schriftstellerei zugewandt. Wie gefällt Ihnen das Autorendasein? von Bülow: Die Arbeit ist nochmal eine ganz andere Art der kreativen Betätigung – man ist ganz auf sich geworfen, es ist sehr viel einsamer, und man muss die Verteilung der Energie über eine lange Strecke, immer wieder am Text zu arbeiten, hinbekommen. Während des Schreibens merkt man erst, wie groß der Berg ist, den es zu bezwingen gilt. Für mich war es aber eine sehr beglückende, mit einem schönen Ergebnis gekrönte, Erfahrung. Und es soll nicht das letzte gewesen sein, das ich geschrieben habe.
LWZ: Halten Sie es für wichtig, dass sich Kulturschaffende, als ein wichtiges demokratisches Standbein, in politische und gesellschaftliche Entwicklungen einmischen?
von Bülow: Künstler, die in der Öffentlichkeit stehen, sind leider nicht immer automatisch qualifiziert, etwas zu bestimmten Themen zu sagen. Natürlich ist es wichtig, sich zu äußern, wenn man Ungerechtigkeiten wahrnimmt und man dazu eine persönliche Haltung hat, aber ich habe manchmal den Eindruck, die Sorge, man könne für jemanden gehalten werden, der nicht auf der „richtigen“ Seite steht, was auch immer die richtige Seite sein soll, oft mehr Ansporn ist, sich öffentlich zu äußern, als die tatsächliche Beschäftigung oder gar Solidarität mit einem bestimmten Thema.
Natürlich können Künstler, gerade wenn die Welt verrücktspielt, das, was sie bewegt, aufgreifen. So ist es auch beim Loriot-Programm, das viele Zwischentöne beinhaltet; er hat als Künstler großes Geschick besessen, nicht aufwiegelnd eine bestimmte Seite zu ergreifen und doch klar seine Haltung zu präsentieren.
Das Gespräch führte Mathias Lindner.





