
Lage. Die große deutsche Gasumstellung ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Sagen jedenfalls die, die sie geplant haben. L-Gas raus, H-Gas rein – mehr Energie, mehr Effizienz, mehr Zukunft. Klingt nach Fortschritt. Klingt nach Wärme. Klingt nach einem Upgrade fürs Wohnzimmer. Macht aber eine Kühlkammer draus.
Dann kommt der Monteur.
Er tritt auf wie ein Erlöser der Energiewende, bewaffnet mit Werkzeugkoffer und Zuversicht. Ein kurzer Blick, ein routinierter Handgriff – und schon soll aus »Low« ein »High« werden. Doch was bei mir ankommt, ist eher »Null“. Denn statt mehr Energie liefert die Umstellung vor allem eines: Stille. Die Heizung schweigt. Kein Zünden, kein Rauschen, kein vertrautes Brummen. Nur ein abgebrochener Stecker als Relikt einer ehemals funktionierenden Wärmeversorgung.
»Die Heizung funktioniert nicht mehr«, sagt der Monteur mit jener Mischung aus Bedauern und Unschuld, die man sonst nur von Kindern kennt, die neben einer zerbrochenen Vase stehen. Diagnose: reparaturbedürftig. Therapie: unklar. Immerhin hinterlässt er zwei Telefonnummern – moderne Wegweiser durch das Labyrinth der Zuständigkeiten. Und ein Versprechen: Er komme sofort, wenn man ihn brauche. Ein Satz, der sich im weiteren Verlauf als literarische Gattung entpuppt – als Märchen. Denn nachdem er meine Heizung unter Verschluss gelegt hat – gesichert mit einem Vorhängeschloss wie ein Tatort – beginnt die eigentliche Reise: die Odyssee durch die Servicewelt der Stadtwerke. Meine zuverlässigen und kompetenten Techniker der Firma »Gutowski« können nämlich nichs machen, solange die Heizung abgeschlossen ist.
Ich rufe beim »Team Erdgasumstellung« der Stadtwerke an. Die Nummer stand ja auf den Schreiben der Gasumstellung. Dort spricht zunächst eine freundliche KI-Stimme. Sie kennt Tarife, Produkte und vermutlich auch die mittlere Erdtemperatur in Norddeutschland. Was sie nicht kennt: mein Problem.
Menschen? Fehlanzeige.
Die wenigen, die erreichbar sind, verweisen zuverlässig weiter – meist an Stellen, die man bereits kennt. Ein Kreisverkehr der Kommunikation, in dem man elegant im Nichts rotiert. Zuständig ist immer jemand anderes. Oder niemand. Irgendwo im Hintergrund wirkt die Firma »LPR Energie«, eine Tochter von »LPR Holding« aus Neuss. Sie schickt von dort Monteure ins Feld, die kommen, gehen und gelegentlich Dinge abbrechen. Wer sie koordiniert, bleibt so rätselhaft wie die Frage, wo genau mein Gas geblieben ist.
Auch bei den Stadtwerken selbst herrscht eine gewisse metaphysische Leere: keine Pressestelle, kein Sprecher, kein Mensch, der öffentlich spricht oder intern irgendwie durchgreift. Transparenz wird hier nicht verweigert – sie ist schlicht nicht vorgesehen. Und so stehe ich da, zwischen L und H, zwischen Versprechen und Vorhängeschloss. Mein Haus ist technisch auf dem neuesten Stand – nur leider ohne funktionierende Heizung. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Energiewende: Man bekommt mehr Energie pro Kubikmeter Gas. Vorausgesetzt, man bekommt Gas. »Null Gas« ist eine perfekte Energie-Einsparung. Darauf ist nicht einmal der Habeck zu seiner besten Zeit gekommen.
Ich für meinen Teil habe mich inzwischen damit abgefunden. Sollte diese Zeitung in den nächsten Tagen nicht mehr erscheinen, liegt das nicht an mangelnder Themenlage. Sondern daran, dass ich erfroren bin.




