Sieht eigentlich lieb und freundlich aus: der türkische Hirtenhund »Kangal«. Aber er kann auch anders, schließlich wurde er dazu gezüchtet, Schafherden zum Beispiel vor Wölfen zu schützen. Mit 80 Zentimern Schulterhöhe gehört der Kangal zu den größten Hunderassen der Welt. Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen, wenn er dich als Feind der Familie beurteilt, die er als sein Rudel ansieht, das er beschützen will. Aber eine entsprechende Schreckensmeldung aus Werl-Aspe, wonach ein solches freilaufendes Exemplar mehrere Menschen gebissen und schwer verletzt haben soll, hat sich als „Märchen vom bösen Wolf“ herausgestellt. Foto: Peta

Bad Salzuflen/Werl-Aspe. Seltsame Geschichte: Die Polizei suchte Dienstagnachmittag in Werl-Aspe nach einem freilaufenden Hund, der bereits mehrere Personen gebissen und nach ersten Erkenntnissen schwer verletzt haben sollte. Der Hund sollte groß und kräftig sein – ähnlich der Rasse Kangal oder Alabai.


»Das Tier könnte sich im Bereich Bexterbreden in einem Waldgebiet befinden (nahe einer Gasverdichterstation). Der genaue Aufenthaltsort des Hundes ist jedoch aktuell unbekannt, weshalb die Polizei dringend um Hinweise aus der Bevölkerung bittet«, hieß es in der ersten Meldung der Ordnungshüter. Und: »Wer den Hund sieht, meldet seine Hinweise bitte umgehend der Polizei unter 110. Bitte halten Sie sich möglichst von dem Tier fern, um nicht angegriffen zu werden. Eltern werden gebeten, derzeit mit ihren Kindern keine Spielplätze im Freien zu besuchen, bis das Tier gefunden wurde.«

Gegen Abend stellte sich herausgestellt: Es gibt keinen freilaufenden bissigen Hund in Bad Salzuflen. Die Polizei konnte nämlich den Aufenthaltsort des Hundes ermitteln und die Geschichte dahinter als »Fake News« entlarven. Die Ermittlungen haben inzwischen ergeben, dass ein 39-jähriger Mann, eine 38-jährige Frau sowie die 19-jährige Tochter durch Hundebisse zwar schwer verletzt worden sind, aber nicht draußen, sondern bei sich zu Hause. Die Polizisten fanden im Haus der Familie insgesamt vier Hunde vor – zum Teil Listenhunde.

Wer genau der Halter des bisswütigen Hundes ist, ob das Tier angemeldet war und warum die Familie zunächst falsche Angaben zum Sachverhalt gemacht hat, ist Gegenstand der weiteren Ermittlungen, die andauern. »Demnach bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Unbeteiligte, da das Tier nie entlaufen war«, heißt es im aktuellen Polizeibericht.

Warum die Familie erst der Feuerwehr, dann der Polizei die Lügengeschichte vom frei herumlaufenden bissigen Hund aufgetischt hat, weiß bislang keiner. Aber die Story hat möglicherweise üble Folgen für die Erzähler. »Es wird nun geprüft, ob der Familie die Kosten des Einsatzes aufgrund der Falschaussage in Rechnung gestellt werden können. Das Vortäuschen von Straftaten sowie auch der Missbrauch von Notrufen sind strafbar und werden immer rechtlich verfolgt – dazu gehört auch die gesetzlich vorgeschriebene Prüfung, inwiefern Gebühren für polizeiliche Tätigkeiten und Auslagen dem Verursacher gegenüber geltend gemacht werden können«, schreibt die Polizei im Abschlussbericht.

Erläuterung:

Der Kangal ist auch als »Anatolischer Hirtenhund« bekannt, denn die Herdenschutzhunde stammen ursprünglich aus der Türkei. Dort zogen sie mit Nomaden umher und beschützten Schafherden vor Wölfen und anderen Tieren. Mit einer Schulterhöhe von bis zu 80 Zentimeter sind Kangals eine der größten Hunderassen der Welt. »Hundehalter unterschätzen oftmals, was die Haltung eines solchen Hundes mit sich bringt. Deshalb werden Kangal-Hunde gekauft und dann häufig im Tierheim abgegeben«, mahnt die Tierschutz-Organisation »Peta« und rät davon ab, diese Rasse als Familienhund einzukaufen. »Bitte überlegen Sie sich gut, ob Sie die nötigen Ressourcen wie Zeit, finanzielle Mittel und Platz haben, bevor Sie ein Tier adoptieren.«

Ein Listenhund ist kein biologisch klar abgegrenzter Hundetyp, sondern ein rechtlicher Begriff. Gemeint sind Hunderassen, die als potenziell gefährlich eingestuft und deshalb besonders reguliert werden.

Für Listenhunde gelten oft besondere Auflagen, zum Beispiel:

  • Haltegenehmigung erforderlich
  • Wesenstest (Nachweis, dass der Hund nicht gefährlich ist)
  • Maulkorb- und/oder Leinenpflicht
  • erhöhte Hundesteuer
  • Sachkundenachweis für Halter

Wichtig: Der Begriff sagt nichts Sicheres über das Verhalten eines einzelnen Hundes aus. Viele Fachleute betonen, dass Erziehung, Haltung und Sozialisation oft entscheidender sind als die Rasse allein.