Symbolbild. Foto: Adobe Stock

Düsseldorf. Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist 2025 um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Nachdem im Jahr 2024 940 antisemitische Vorfälle dokumentiert wurden, stieg die Zahl im Jahr 2025 auf 1.102 Fälle an.


Damit erreicht die Zahl der Vorfälle erneut einen Höchststand. Das ist eines der Ergebnisse des vierten Jahresberichts der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW). Der Leiter der Meldestelle RIAS NRW, Jörg Rensmann, und Dr. Oren Osterer, Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, haben ihn gemeinsam mit Familien- und Integrationsministerin Verena Schäffer Anfang Juni vorgestellt.

Laut des NRW-Ministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration verdeutlichten die Zahlen eine besorgniserregende Entwicklung: Antisemitismus habe sich zunehmend in der Gesellschaft verfestigt und trete immer offener und ungehemmter auf. Seit Beginn der Arbeit von RIAS NRW im Jahr 2022 zeige sich ein kontinuierlicher und besorgniserregender Anstieg. Während 2022 noch durchschnittlich fünf Vorfälle pro Woche in Nordrhein-Westfalen erfasst worden seien, hätten sich 2025 durchschnittlich 21 Vorfälle pro Woche ereignet. 2024 seien es 18 Vorfälle pro Woche gewesen.

Besonders alarmierend sei demnach die Schwere der Verschärfung der dokumentierten Vorfälle. Nach Einschätzung von RIAS NRW zeigte sich Antisemitismus im Jahr 2025 bedrohlicher und gewalttätiger als zuvor. Die Zahl der Bedrohungen stieg um 50 Prozent auf 33 erfasste Fälle. Gleichzeitig nahm die Zahl antisemitischer Angriffe wie versuchte und tatsächlich erfolgte körperliche Angriffe auf eine Person und das Werfen von Gegenständen deutlich zu und stieg mit 32 dokumentierten Vorfällen um 78 Prozent an.

Auch im Jahr 2025 zeigten sich antisemitische Vorfälle vor allem im öffentlichen Raum und in alltagsprägenden Bereichen, insbesondere auf der Straße (465 Vorfälle), in Bildungseinrichtungen (140 Vorfälle) und im Internet (132 Vorfälle). Zudem konnte RIAS NRW feststellen, dass auch im Jahr 2025 am häufigsten israelbezogener Antisemitismus auftrat. Diese Erscheinungsform konnte in mehr als der Hälfte aller Fälle festgestellt werden.

Familien- und Integrationsministerin Verena Schäffer betont: „Der massive Anstieg von antisemitischen Vorfällen in Nordrhein-Westfalen, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, erschüttert mich zutiefst. Jüdinnen und Juden erleben in unserem Land immer häufiger Hass, Bedrohungen und Ausgrenzung. Diese Entwicklung ist für mich ein klarer Auftrag zum Handeln. Antisemitismus beginnt nicht erst bei Straftaten, sondern bei diskriminierenden und verletzenden Verhalten. Deswegen sind wir alle gefragt, antisemitischen Einstellungen und Parolen immer entschieden zu widersprechen, wo sie uns begegnen. Gleichzeitig tragen wir als Landesregierung eine besondere Verantwortung: Wir stärken den Schutz Betroffener und fördern präventive Projekte. Denn Gewalt und Ausgrenzung bedrohen nicht nur einzelne Menschen, sondern unser Zusammenleben als gesamte Gesellschaft.”

Der Leiter der Meldestelle RIAS NRW, Jörg Rensmann, ergänzt: „Die von uns registrierten antisemitischen Vorfälle zeigen, dass antisemitische Einstellungen längst nicht auf einzelne politische Milieus begrenzt sind. Antisemitismus verbindet unterschiedliche politisch-weltanschauliche Milieus und wird zunehmend gesellschaftlich normalisiert. Umso wichtiger ist es demnach, antisemitische Vorfälle konsequent zu dokumentieren, Betroffene zu unterstützen und jeder Form der Relativierung und Normalisierung entschieden entgegenzutreten.“

Auch der Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, Dr. Oren Osterer, bläst in dasselbe Horn: „Die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in Köln ist für unsere Gemeinde deutlich spürbar, etwa die zahlreichen im Jahresbericht dokumentierten antisemitischen Schmierereien im Rathenauviertel in unmittelbarer Umgebung unserer Synagoge. Besonders besorgt uns die Entwicklung an Schulen, aus denen vermehrt antisemitische Übergriffe und verbale Attacken berichtet werden. Gleichzeitig sollte die besorgniserregende Entwicklung uns alle zum Handeln bewegen. Denn Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch Personen, die sich solidarisch zeigen. Damit bedroht Antisemitismus uns alle.“

Für viele Juden in Nordrhein-Westfalen bedeuteten diese Entwicklungen eine Realität, die ihren Alltag zunehmend beeinflusse. Die von RIAS NRW dokumentierten Vorfälle wirkten sich unmittelbar auf das Sicherheitsgefühl und die gesellschaftliche Teilhabe Betroffener aus. Die Zahlen machten deutlich, dass antisemitische Einstellungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und über alle politischen Milieus hinweg aufträten.


RIAS NRW wird seit mehr als vier Jahren durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration gefördert. RIAS NRW und die jeweiligen Meldestellen in elf weiteren Bundesländern dokumentieren und analysieren antisemitische Vorfälle und bieten Betroffenen eine erste Anlaufstelle.

Ziel der RIAS-Meldestellen ist es, das Dunkelfeld zu erhellen, Antisemitismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen sichtbar zu machen, zu dokumentieren, für die nicht-jüdische Öffentlichkeit nachvollziehbar zu machen und vor allem auch die Perspektiven der Betroffenen zu stärken.

Weitere Informationen unter report-antisemitism.de/rias-nrw