
Detmold. Es gibt Großprojekte. Es gibt Jahrhundertprojekte. Und dann gibt es das Hornsche Tor – ein Bauvorhaben, das schon so lange geplant wird, dass manche Detmolder glauben, der ursprüngliche Bebauungsplan sei in Keilschrift verfasst worden.
Alles begann mit einer glänzenden Idee: Ein modernes Stadtquartier mit Geschäften, Wohnungen, Hotel, Gastronomie und Parkhaus sollte das Eingangstor zur Innenstadt repräsentativ inszenieren. Was folgte, war ein Planungsmarathon, der vermutlich selbst den Berliner Flughafen vor Neid erblassen ließe. Es wurde geplant, umgeplant, überplant, vorgestellt, überarbeitet, diskutiert und anschließend noch einmal diskutiert – sicher ist sicher.
Investoren kamen, Investoren gingen. Gutachter untersuchten alles, was da so kreucht und fleucht, vom Einkaufsverhalten der Menschen bis zu den Kamikaze-Flügen der Fledermäuse. Letztere kennen den aktuellen Planungsstand inzwischen vermutlich besser als mancher Einwohner.
Das Hornsche Tor entwickelte sich über die Jahre zum festen Bestandteil der Detmolder DNA. Wer hier aufgewachsen ist, kennt drei Gewissheiten: das Hermannsdenkmal, die Adlerwarte und den Satz: „Am Hornschen Tor geht’s bald los.“
Doch nun geschieht das Unfassbare: Es geht tatsächlich los. Nach der ausführlichen Bürgerinformation scheint festzustehen, dass diesmal nicht nur PowerPoint-Folien gebaut werden. Entstehen sollen ein Supermarkt, ein Hotel mit 130 Betten, ein Parkhaus mit 361 Stellplätzen, Büros, Praxen, Wohnungen, ein Geschäftshaus und – weil wir schließlich im 21. Jahrhundert leben – eine Rooftop-Bar mit Blick auf Schloss und Hermann. Ab 2028 zieht außerdem das Modehaus Klingemann als Ankermieter ein. Finanziert wird das Ganze im sogenannten PPP-Modell – einer Abkürzung, die nicht für „Planen, Prüfen, Pausieren“, sondern für „Public Private Partnership“ steht.
Schick, schick, oberschick: So päsentiert sich das Projekt in der Planeransicht.
Immer hat Fortschritt einen Preis. Ab Dezember wird die Hornsche Straße für rund ein Jahr voll gesperrt. Danach folgen Neustadt, Einbahnstraße und schließlich die Leopoldstraße. Wer künftig wissen möchte, wie er überhaupt noch durch Detmold kommt, muss nicht verzweifeln: Eine eigene Internetseite informiert über Baufortschritt und Sperrungen. Als besonderen Service gibt es sogar die jeweils beste Umleitung per E-Mail direkt ins Auto geliefert. Fehlt eigentlich nur noch ein Newsletter für Schlaglöcher.
Bemerkenswert ist das Ganze auch deshalb, weil sich viele Kommunen derzeit schon freuen würden, wenn sie sich einen neuen Zebrastreifen leisten könnten. Von den 396 Städten und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen schreibt nur noch eine kleine Handvoll schwarze Zahlen. Detmold hingegen baut gleich ein ganzes Stadtquartier.
Oder, wie Stadtentwicklungsdezernent Thorsten Paulussen es sinngemäß formuliert: Während andere längst am Ende der Fahnenstange angekommen sind, fängt Detmold erst an, daran ein Hotel, ein Parkhaus und eine Rooftop-Bar anzubauen.
Und sollte das Hornsche Tor tatsächlich wie geplant fertig werden, dürfte in Detmold ein ernstes Problem entstehen: Jahrzehntelang war das Projekt der verlässlichste Gesprächsstoff an Stammtischen, beim Friseur und in der Warteschlange beim Bäcker. Vielleicht muss die Stadt vorsorglich schon das nächste Großprojekt erfinden – damit den Detmoldern auch künftig nicht der Stoff für gepflegtes Kopfschütteln ausgeht.
Das Projekt macht die Vollsperrung der Hornschen Straße ab dem Dezember dieses Jahres für ungefähr ein Jahr erforderlich. Danach ist Neustadt und Einbahnstraße dran, am Ende die Leopoldstraße. Ein Website ist eingerichtet, die über den Baufortschritt und Straßensperrungen informiert und ein besonderes „Gimmick“ bietet: Per E-Mail wird die jeweils beste Fahrtroute ins Auto geliefert.
- baustelleninfo.com






