
Kreis Lippe/Bielefeld. „Du hast zwei linke Hände!“, heißt es, oder jemand stelle sich linkisch an, wenn er ungeschickt oder tollpatschig ist. Mit diesen Redewendungen wird die linke Hand unmissverständlich als weniger nützlich diskriminiert. Dagegen bringt der Ausspruch „Das mache ich mit links“ die spielerische Leichtigkeit zum Ausdruck. Der Internationale Linkshänder-Tag, der am 13. August begangen wurde, will mit den Vorurteilen aufräumen, dass das Benutzen der linken Hand ein Makel sei.
Rechtshändigkeit gilt in unserer Gesellschaft immer noch als Norm – bis in die 1970er-Jahre hinein wurden Linkshänder, spätestens mit der Einschulung, gezwungen, ausschließlich die rechte Hand als Schreibhand zu verwenden. Psychologen bezeichnen das Umerziehen der Händigkeit als einen massiven Eingriff in das menschliche Gehirn, der zu schwerwiegenden Problemen wie mangelnder Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnisstörungen bis hin zur Legasthenie oder zu Sprachstörungen führen kann.
Wenn Kinder von ihrer natürlichen Handdominanz auf die andere Hand umgeschult werden, kann es zum Beispiel zu gravierenden Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung oder Komplikationen mit der Feinmotorik kommen, da das Denktempo aufgrund der „langen Leitung“ durch die Umleitung im Gehirn nicht mehr mit der Schreibgeschwindigkeit übereinstimmt – man spricht dann gerne vom sogenannten „Knoten im Kopf“.
Durch die früher sehr massive Unterdrückung der natürlichen Linkshanddominanz (zum Beispiel linke Hand auf den Rücken binden) sind viele ursprüngliche Linkshänder traumatisiert worden.
In den 1980er-Jahren durften viele Kinder die Linkshändigkeit beibehalten, aber es wurde sich nicht weiter darum gekümmert, erzählt Steffie Ansul-Weissner, die in Bielefeld eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin gemacht hat: „In der Schule musste man sehen, wie man klarkam, es gab keine Utensilien, die es einem Linkshänder leichter gemacht hätten, und beim Schreiben kam man sich mit dem Nachbarn in die Quere – die Lehrer hatten da keine Maßnahmen ergriffen.“
Erst seit Anfang dieses Jahrtausends wird in der Schule auf Linkshänder geachtet und es gibt mittlerweile etliche Gebrauchsgegenstände für Linkshänder, vom Küchenmesser, Dosenöffner, Korkenzieher bis hin zu den Schreibwaren, die gerade für Schulanfänger von besonderer Bedeutung sind.
Heutzutage ist es selbstverständlich, Linkshänder-Artikel im Sortiment zu haben, so auch beim Bürozentrum Korf in Lemgo oder beim Schreibwarengeschäft Tintenklecks in Detmold: Gängige Artikel wie die anders geschliffene Schere, der Anspitzer, das Lineal, der Collegeblock oder der „Schreib-Lern-Füller“ gehören zur Standardausrüstung.
Nicht nur die klassischen Linkshänder benutzen diese Utensilien – viele Menschen wechseln je nach Tätigkeit die bevorzugte Hand oder Körperhälfte. So verhält es sich auch bei Steffie Ansul-Weissner: „Da ich damals unbedingt Gitarre spielen wollte, habe ich mir gezwungenermaßen das Zupfen mit der rechten Hand angewöhnt. Bei Tätigkeiten, die Kraft benötigen, fiel es mir allerdings leicht, die rechte Hand zu benutzen, aber bei allem Feinmotorischen ist es mir in der Regel nicht gut gelungen.“
Ein festgeschriebenes wissenschaftliches Kriterium für Linkshändigkeit gibt es nicht. Auch das Phänomen, dass einige Menschen beide Seiten gleichwertig nutzen (Beidhändigkeit), kommt in vielen Untersuchungen zu kurz; je nach angelegten Kriterien rutschen sie in die Gruppe der Rechts- oder Linkshändigen.
Meist kann die dominante Hand schneller, exakter und stärker agieren. Vor allem, wenn eine spontane Reaktion gefragt ist. Laut Statistiken gibt es in unserer Bevölkerung einen Linkshänder-Anteil von circa 15 Prozent. Gäbe es keine bewusste oder unbewusste Umerziehung, wäre der Prozentsatz noch höher.
Interessant ist auch ein Blick auf die Gehirnhälften: Bei 95 Prozent der Rechtshänder befindet sich das Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte. Bei Linkshändern ist es aber nicht genau umgekehrt – rund 70 Prozent haben das Sprachzentrum ebenfalls auf der linken Seite, die restlichen 30 Prozent auf beiden Seiten.
Bei Linkshändern scheinen die Funktionen nicht so eindeutig auf eine Gehirnhälfte beschränkt zu sein. Das Klischee, dass die linke Hand von der kreativ-intuitiven rechten Gehirnhälfte gesteuert wird, lässt sich nicht aufrechterhalten.
Auch wenn sich Linkshänder in der besten Gesellschaft von Künstlern wie Charlie Chaplin, Mark Twain, Julia Roberts, Ludwig van Beethoven, Kurt Cobain, Marie Curie, Queen Elizabeth oder Pablo Picasso befinden, so heißt das doch nicht, dass Kunst die ultimative Bestimmung eines Linkshänders sein muss – man kann mit der linken Hand an die Spitze einer Nation gelangen, wie Barack Obama zeigt.
Und wer glaubt, die Linkshändigkeit mache beim Menschen halt, der irrt: Bei vielen Tierarten hat man eine Vorliebe für eine bestimmte Pfote, Hufe, Kralle oder Klaue. Bei Katzen soll es recht ausgewogen sein, während Affen eine leichte Tendenz zur rechten Seite haben.






