
Lage. Rund 150 Schützen machten sich auf den Weg – nicht etwa, weil irgendwo ein Freibierfass gesichtet worden war, sondern aus einem durchaus gewichtigen historischen Grund: Die Schützengilde von 1509 hatte zum traditionellen Schnatgang geladen. Ziel war das Gut Ottenhausen, einst südlicher Außenposten der Stadt und heute Heimat einer 18-Loch-Golfanlage mit durchaus schlagkräftigem Blick auf den Teutoburger Wald und das Hermannsdenkmal.
Vom Schießstand an der Eichenallee ging es über Hermannstraße, Elisabethstraße und Heidensche Straße zunächst zur ehemaligen Gärtnerei Warweg. Dort wartete die erste Rast. König René I. und Königin Denise I. nebst Throngefolge sorgten dafür, dass niemand auf halber Strecke aus historischen Gründen vom Fleisch fiel.
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Danach marschierte die Schützengesellschaft weiter über die Johannissteine und die Ottenhauser Straße zum Gut. Der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr lieferte dazu den passenden Soundtrack. Früher wäre das vermutlich als Warnsignal für Grenzverletzer durchgegangen. Heute war es eher die musikalische Begleitung für einen ausgesprochen gut gelaunten Spaziergang.
Auf dem Gutshof angekommen, wurde es feierlich. Die 150 Schützen formierten sich zum großen Karree – eine beeindruckende Formation, bei der selbst ein Fußballtrainer kurz überlegt hätte, ob er daraus eine Taktik machen könnte. In dieser imposanten Kulisse wurde Niklas Ottenhausen als Ehrenmitglied in die Schützengilde von 1509 aufgenommen.
Urkunde und rotweiße Schärpe nahm der neue Ehrenmann sichtlich stolz entgegen. Nur bei der Jahreszahl geriet er kurz ins historische Schleudern und datierte die Gilde auf „1905“. Ein kleiner Ausflug in die falsche Epoche, der allerdings umgehend und launig vom Karree korrigiert wurde. 1509 statt 1905 – Geschichte kann manchmal ziemlich lautstark nachhelfen.
Die Ehrung hatte allerdings einen ausgesprochen ernsthaften historischen Hintergrund. Die Familie Ottenhausen ist seit mehr als 800 Jahren mit dem Gut verbunden. Schon im Protokollbuch der Schützengilde von 1730 findet sich ein Besitzer des Gutes, Johann Töns Meyer zu Ottenhausen. Die Verbindung zwischen Hof und Gilde war damals handfest: Die Gutsherren wurden zum Schießen eingeladen und revanchierten sich traditionell mit einem Schießpreis und einem Fass Bier. Letzteres dürfte seinerzeit vermutlich mindestens dieselbe gesellschaftliche Bedeutung gehabt haben wie heute eine Ehrenurkunde.
Überhaupt ist der Schnatgang keine Erfindung moderner Schützenfreunde mit ausgeprägtem Wandergen. Früher ging es tatsächlich um die Kontrolle der Grenzen des Fleckens. Hecken, Gräben und andere natürliche Hindernisse markierten das Territorium, und die Bürger schauten gemeinsam nach dem Rechten. Für die Jahre 1692, 1698 und 1703 ist sogar überliefert, dass die gesamte Gemeinde die „Schnat betreten“ hat.
Dabei ging es um handfeste Interessen: Grenzen mussten stimmen, Nutzungsrechte sollten gewahrt bleiben und das Vieh sollte schließlich wissen, wo es grasen durfte – und wo besser nicht.
Auch die Schützengilde hielt an der Tradition fest. In ihrer Satzung von 1887 wurde für Jahre ohne Schützenfest ausdrücklich ein „Grenzbezug“ vorgesehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Tradition erneut auf. Heute muss allerdings niemand mehr befürchten, dass hinter dem nächsten Grenzstein eine feindliche Armee lauert. Dafür stehen Gemeinschaft, Geschichte und die Verbindung zu den alten Höfen im Mittelpunkt.
Und so zeigte der Schnatgang nach Ottenhausen einmal mehr, dass man Geschichte am besten bewahrt, wenn man sie nicht nur in Büchern nachliest, sondern gelegentlich auch gemeinsam ein Stück weit abläuft.






