Rufus Beck kommt mit einer multimedialen Lesung von „Der kleine Nick“ nach Detmold. Foto: Christian Kaufmann

Kreis Lippe/Detmold. Die Generation des zweiten Jahrtausends ist mit seiner Stimme, die alle Harry-Potter-Bände eingesprochen hat, aufgewachsen: Der beliebte Schauspieler und Stimmenvirtuose Rufus Beck, bekannt aus unzähligen Fernseh- und Kinofilmen, ebenso als Synchron- und Hörbuchsprecher, kommt nach Detmold.


Dort liest er eine Auswahl von Geschichten aus „Der kleine Nick“ von René Goscinny. Sie werden im Rahmen der „Wortspiele Detmold“ in einer multimedialen Lesung dargeboten. Die Lesung in der Detmolder Stadthalle an diesem Samstag, 19. September, beginnt um 16.30 Uhr.

Kurz vorher spricht er im LWZ-Interview unter anderem über den Einfluss des politischen Zeitgeschehens, den beispiellosen Erfolg von Harry Potter, seine persönliche Sicht auf das Älterwerden und er verrät, was das Detmolder Publikum am Samstag erwarten wird.

LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Nimmt das politische Geschehen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Rufus Beck: Ich lese täglich die Süddeutsche Zeitung und es begegnen einem sehr viele schlechte Nachrichten. Wenn es aber zu viele werden, dann geht das auf’s Gemüt und trübt die Stimmung – es ist eine Abwärtsspirale der Gefühle, man meint, es wird schlimmer und schlimmer, und umso mehr entsteht der Wunsch: Es muss sich grundlegend etwas ändern – so wie wir das in Sachsen-Anhalt sehen. Man braucht aber gerade auch die guten Nachrichten, die Dinge, die einem Freude bereiten und die einen auf andere Gedanken bringen. Und von der Gestalt ist zum Beispiel mein Programm „Der kleine Nick“, das zwar ein Kinderbuch ist, aber für Kinder und Eltern geeignet ist. Ich bin Unterhaltungskünstler und mein Ziel ist es, das Publikum zum Lachen zu bringen und es gut zu unterhalten – allerdings auf eine anspruchsvolle Weise. Ich würde sagen, wenn ich das, was ich mache, gerne selber sehen möchte, dann bin ich mit dem Ergebnis zufrieden.

LWZ: Sie sprachen von der anspruchsvollen Unterhaltung – die findet man auch in Ihren Mark-Twain-Programmen.

Beck: Mark Twain hat das beste Essay über die deutsche Sprache geschrieben, das ich kenne. Er war öfter in Deutschland, hat hier auch längere Zeit gelebt und auch versucht, die deutsche Sprache zu erlernen, und hat sehr schnell die Schwierigkeiten dieser Sprache erkannt, die so voller Unregelmäßigkeiten ist, zum Teil auch unlogisch und damit sehr schwer zu vermitteln ist.

LWZ: Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn sind zeitlose Figuren und ebenso scheint es mit dem „Kleinen Nick“ zu sein?

Beck: Kinder sind immer noch Kinder, auch wenn die Kinder heute vielleicht schon mit fünf Jahren ein iPhone haben. Die Dynamik auf dem Schulhof, die Hochachtung vor dem Lehrer, zumindest noch in der Grundschule, oder die Kinder untereinander – René Goscinny hat etwas geschaffen, das zeitlos ist. Es sind Kurzgeschichten zu bestimmten Themen, aus der Sicht eines kleinen Jungen, bei denen im Grunde die Erwachsenen aufs Korn genommen werden.

LWZ: Sie sind in gewisser Weise auch Teil der Harry-Potter-Begeisterungswelle, besser gesagt, des Harry-Potter-Tsunamis. Wie konnte es zu diesem Begeisterungssturm kommen?                

Beck: Ich würde sagen, dass der Erfolg von Harry Potter vor allem damit zu tun hat, dass die Erwachsenen die Bücher gelesen haben. Es sind verschiedene Genres: Es fängt mit einem Kinder- und Jugendbuch an, aber Harry Potter wird ja älter und damit verändern sich auch die Themen. Die Mitte- bis Ende-30-Jährigen, die auf mich zukommen, sagen, sie sind mit meinen Hörbüchern aufgewachsen. Ich denke, das Ungewöhnliche bei Joanne K. Rowling war, dass sie die Zauberwelt in unsere heutige Welt eingebunden hat, weil: Unter uns sind Zauberer, wir erkennen sie nur nicht, und das war ein neues Konstrukt. Es spielt nicht im Mittelalter. Es spielt in der Magie, in einem Internat und zeigt, wie Kinder damit umgehen – das kenne ich selbst, weil ich ebenfalls im Internat war, und das ist nicht immer einfach. Das sind harte Positionskämpfe, man muss wissen, zu wem man gehört, wer Freund und wer Feind ist. Die Geschichte von Harry Potter ist eine enorme Erfolgsgeschichte. Ich weiß nicht, ob es mal wieder ein Buch geben wird, das solche Auswirkungen haben wird – vom Erfolg her könnte man es mit der Bibel vergleichen.

LWZ: Seit Ihrer Jugend ist Ihnen die Musik ein wertvoller Begleiter. Was hat Sie der Schauspielerei in die Arme getrieben?

Beck: Ganz einfach: Weil ich dachte, in der Musik nicht so erfolgreich zu sein wie in der Schauspielerei – meine Intuition sagte: Studiere lieber nicht Klassische Gitarre, sondern kümmere dich um die Schauspielerei. Und das Leben hat richtig entschieden, es ist in meinem Leben so gekommen, wie es sein musste. Die Schauspielerei ist eine Berufung und ich mache das nun schon fast 50 Jahre – wenn ich diese Zahl ausspreche, wird mir ganz schwindlig …

LWZ: Das 70. Lebensjahr ist in nähere Zukunft gerückt. Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?

Beck: Auf jeden Fall nicht wie Udo Jürgens: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“ Die prognostizierte Zeit, die man noch zur Verfügung hat, zu leben, zu lieben, zu genießen, die wird immer kürzer und dadurch vielleicht auch wertvoller. Und dann muss man natürlich mit Dingen umgehen, man muss sich fit halten, auf die Gesundheit achten.

LWZ: Was bedeutet für Sie ein gutes Leben?

Beck: Es bedeutet, mit meiner Frau und meinen Kindern zusammen zu sein, mit Freunden Zeit zu verbringen, auf der Bühne spielen zu dürfen – all das ist mit Genuss verbunden und das ist überhaupt das magische Wort; man kann auch das Anstrengende, wie Herumreisen, Aufbauen und so weiter, genießen. Und natürlich kann man auch ernsthaft erkranken, aber heutzutage gibt es die Palliativmedizin, so dass kein Mensch mehr unglaubliche Schmerzen erleiden muss. Aber es geht dann dem Ende zu und dann ist man vielleicht froh, dass es Menschen um einen herum gibt, die sich sorgen, für einen da sind – das gute Leben hängt immer mit anderen zusammen.

LWZ: Können Sie sich ein Leben ohne die Ausübung Ihres Berufes vorstellen?

Beck: Es würde mir sehr schwerfallen. Es gibt schon einen Grund, warum man Schauspieler ist und so lange im Geschäft bleibt. Es wäre schön, wenn es so wäre wie bei Molière, der auf der Bühne gestorben ist. Das muss nicht zwingend sein, aber ich würde gerne solange arbeiten, solange es ein Publikum gibt.

LWZ: Haben Sie ein Lebensmotto und wenn ja welches?

Beck: Mein Lebensmotto war „100 Prozent sind Minimum“. Und wenn 100 Prozent Minimum sind, was ist dann das Maximum? Man kann nicht mehr als 100 Prozent erreichen und ich weiß, warum ich dieses Motto jahrzehntelang benutzt habe, denn wenn man etwas macht, macht man es mit Leidenschaft, mit Herz. Aber das Optimum zum Minimum zu machen, ist ein Bumerang, der zur ständigen Überforderung führt – man ist nie zufrieden mit sich selbst, denkt, die Leistung ist nicht gut genug. Mein Motto wäre: Wenn das Herz nicht dabei ist, ist es sinnlos.

LWZ: Was erwartet den Zuschauer in Detmold?

Beck: In Detmold bin ich ohne musikalische Begleitung beziehungsweise die Musik ist Playback. Es werden zehn bis elf Geschichten von „Der kleine Nick“ sein, die eine Mischung aus Lesen und Spielen sein werden. Es mutet vielleicht ein wenig komisch an, wenn ein 69-jähriger Mann mit dem Gestus eines kleinen Jungen agiert, aber es funktioniert doch sehr gut.


Das Gespräch führte Mathias Lindner.