Dieses Fahrgeschäft heißt nicht umsonst „Delirium“. Hier trauen sich nur junge Kirmesbesucher mit starken Nerven rein. Aktivierte Fliehkräfte verleihen der Fahrt ihren Kick gegen die Schwerkraft. Zur Steigerung des Effekts bläst die Station auch noch Theaternebel aus. Fotos im Artikel: Hajo Gärtner

Lage-Pottenhausen. Das begei­sterte Krei­schen junger Mädchen ist schon von weitem zu hören. Ein Ge­räusch, das zuverlässig verrät: Die Kirmes ist eröffnet. Über dem Platz wabert Theater­nebel. Lichter blinken, Musik dröhnt. Und irgendwo zwischen Autoscooter und Bratwurstbude beginnt die alljährliche Suche nach dem ultimativen Kirmes­kick.


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Für die größeren Kids – und solche, die es bald schon nicht mehr sind  – gibt es das „Deli­rium“. Der Name ist Programm. Das Fahrgeschäft ist weitaus mehr als ein Karussell: Die in vollendeter Runde angeordneten Schleudersitze schrauben sich in die Höhe wie eine wild trudelnde Rakete. Unten auf festem Boden sieht das schon ziemlich spekta­ku­lär aus. Wie sich das oben anfühlt, kann man nur ahnen.

Die Jüngsten wissen ziemlich genau, wo dieses Kirmes-Gefühl zu finden ist: auf dem Kinderka­rus­sell. Sie drängen nach vorn, wäh­rend ihre Mütter tapfer versu­chen, dem bettelnden Blick der Sprösslinge standzuhalten.

Vergeblich. Mütter mögen vieles können. Dem eigenen Kind auf der Kirmes eine Karussellfahrt zu verweigern, das grenzt schon an eine Verletzung der Kinderrechte.

Wem das noch nicht reicht, der steigt in den „Musik-Express“. Der dreht seine Runden zunächst so, als wolle er nur höflich guten Tag sagen. Dann wird er immer rasanter. Der Stimmungsmacher fragt seine Fahrgäste: „Freunde der Sonne, wollt ihr noch mal?“ Was für eine Frage. „Jaaa!“, schallt es vielstimmig zurück.

Und auch auf die nächste Frage – „Darf’s noch ein bisschen mehr sein?“ – kommt die erwartbare Antwort: „Schneller!“ Die Kirmes ist schließlich kein Wellness-Studio, sondern eher ein Abenteuer-Spielplatz.

Etwas bodenständiger geht es im Autoscooter „Cadillac“ zu. Dort bumsen die Fahrer ohne Blessuren und mit viel Spaß zusammen. Dem dicken Gummi um die Autos sei Dank. Beson­ders beliebt ist offenbar die Kunst, genau denjenigen zu erwischen, der gerade glaubt, unbehelligt seine Runde drehen zu können.

An der Kasse steht Linda Arm­brecht-Tacke und zieht eine frühe Bilanz: „Mit dem ersten Tag sind wir ganz zufrieden.“ Kann sie auch. Das Wetter spielt fabelhaft mit, was auf Reinholdi – in der Herbstzeit – durchaus nicht selbstverständlich ist. Sonne, trockene Straßen und Kirmes­betrieb: Da kann man schonmal gute Laune haben.

„Aber warten wir mal ab“, sagt Linda Armbrecht-Tacke. „Kasse machen wir am Ende.“ Ein Satz, der auf einer Kirmes vermutlich schon Generationen von Schau­stellern am Anfang begleitet hat. Denn noch ist der Platz nicht bis zum letzten Karussellsitz gefüllt.

Gerade an den Gourmet-Buden und Süßigkeitsständen gibt es noch Luft nach oben. Vielleicht liegt es daran, dass die Besucher erst einmal ihr Portemonnaie warmhalten müssen. Die klassi­sche Tüte gebrannte Mandeln kostet schließlich inzwischen auch einen ganzen Stiefel.

Dafür bekommt man allerdings etwas, das man im Supermarkt vergeblich sucht: den Duft von Zucker, Fett, gebrannten Man­deln, Bratwurst und einer ordent­lichen Portion Nostalgie.

Der Strom der Besucher schwillt an. Vor den Toren der Kirmes ist der Parkplatz am frühen Abend jedenfalls gut gefüllt. Und die Autokennzeichen beweisen: Die Kirmes zieht. BI, DH, G, GF, GT, HF, HX, HB, MI, OB, RU: Das ist nur eine kleine Auswahl der Kennzeichen aus der ersten Reihe. Die Besu­cher kommen also nicht nur aus der Nachbarschaft. Manche haben für ihre Kirmeslust durch­aus ein paar Kilometer auf sich genommen.

Auf dem Platz selbst wird derweil weiter gekreischt, gelacht, gegessen und gefahren. Die einen suchen den nächsten Adrenalinschub, die anderen die größte Zuckerwatte. Kinder wollen noch einmal Karussell, Jugendliche noch einmal „Delirium“, und beim Musik-Express steht die Antwort auf die Frage nach einer weiteren Runde ohnehin schon vorher fest.

Die Kirmes ist eben eine merk­würdige Veranstaltung: Besucher rechnen beim Preis einer Tüte Mandeln plötzlich sehr genau – und geben anschlie­ßend bereitwillig viel Geld dafür aus, sich in einer rotierenden Schleuder­maschine den Magen bis zum Hals drehen zu lassen. Aber das gehört dazu. Schließlich ist Kirmes in Pottenhausen nur einmal im Jahr.

Die Kirmes als Publikumsmagnet: Von Bratwurst über Eis bis zur Zuckerwatte ist für alle Besucher etwas dabei.