Mit „Dirty Sehnsucht“ gegen den digitalen Perfektionismus: Marcel Krömker, Jörg Hochapfel, Kim Efert und Joe Hertenstein. Fotorechte: Kim Efert

Detmold. Es bildet einen erfrischenden Gegenpol zu einer Musiklandschaft, die durch digitale Technologien und künstliche Intelligenz immer perfekter, zugleich jedoch häufig auch glattgebügelter und austauschbarer wird: das Jazz-Album „Dirty Sehnsucht“.


Die Musik hält, was der Albumname verspricht: Die Titel aus der Feder des Detmolder Komponisten und Gitarristen Kim Efert sind ein kompromissloses Plädoyer für das Echte und Spontane.

Mit Marcel Krömker (Kontrabass), Joe Hertenstein (Schlagzeug) und Jörg Hochapfel (Flügel/Synthesizer) hat Kim Efert, der selbst an der Gitarre zu erleben ist, ein versiertes Ensemble zusammengestellt.

Zwischen Holz, Metall, Luft und Elektronik vereint das Quartett traumwandlerisch sicher und technisch brillant die Kraft moderner Songstrukturen mit der Freiheit des Jazz. „‚Dirty‘ steht für einen unpolierten Sound mit Ecken und Kanten“, erklärt Efert. „‚Sehnsucht‘ verarbeitet Melancholie, Fernweh und den Wunsch, den gewohnten Bahnen des Alltags zu entfliehen.“

Aufgenommen im Berliner Studio „Zentrifuge“ unter der Regie von Recording Engineer Tito sowie gemischt und gemastert von Friedrich Störmer in Weimar, lebt der Klang des Albums von lebendigen Kontrasten: Warme akustische Farben treffen auf elektronische Texturen, klare Linien prallen auf offene Momente, Präzision begegnet dem Mut zur Unmittelbarkeit. Nichts wirkt ausgestellt oder zurechtgerückt. Zu erleben ist Musik, die atmet, Raum lässt und den Augenblick zelebriert. „Dirty Sehnsucht“ ist ab dem 9. Oktober auf allen gängigen Streaming-Plattformen zu hören.

Kim Efert an der Gitarre. Foto: Thorsten Krienke

Am Rande der Aufnahmen traf die LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ) Kim Efert zum Gespräch und erfuhr, wie eine Albumveröffentlichung heute abläuft, warum das moderne Streaming-System Künstler vor völlig neue Herausforderungen stellt und wie man sich als unabhängiger Musiker seine Freiheit bewahrt.

LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Wie unterscheidet sich die Musikwelt heute von früheren Jahrzehnten?
Kim Efert: Musik ist heute überall verfügbar und lässt sich technisch einfach aufnehmen und veröffentlichen. Das macht die Landschaft vielfältiger. Gleichzeitig hat sich aber das gesamte System verändert, in dem Musik entsteht, vermarktet und finanziert wird.

LWZ: Wie sah der Weg zu einer Veröffentlichung in der Vergangenheit aus und welche Vorteile bot er?
Efert: Damals führte der Weg durch ein enges Nadelöhr: A&R-Manager der Plattenfirmen – eine kleine, wenig diverse Gruppe – entschieden als Gatekeeper, was auf den Markt kam. Doch das System hatte auch Vorteile: Labels finanzierten Produktionen, zahlten Vorschüsse und trugen das wirtschaftliche Risiko.

LWZ: Warum tragen Künstler das Risiko heute meist selbst?
Efert: Produktion und Distribution sind technisch viel einfacher geworden, weshalb die Labels als Finanziers oft wegfallen. Sichtbarkeit ist zur neuen Währung geworden. Künstler müssen dauerhaft in den sozialen Medien präsent sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden.

LWZ: Wie wirkt sich dieser Druck auf die Musik selbst aus?
Efert: Durch die tägliche Informationsflut ist die Aufmerksamkeitsspanne gesunken. Während Radiosongs früher um die 3:30 Minuten dauerten, sind viele Produktionen heute deutlich kürzer. Musik muss schneller auf den Punkt kommen.

LWZ: Warum leben Musiker heute von Konzerten statt von Musikverkäufen?
Efert: In den 1980ern und -90ern waren Tonträgerverkäufe die Haupteinnahmequelle, und Konzerte dienten als Werbung dafür. Heute ist es umgekehrt: Musiker leben von Live-Auftritten, während die veröffentlichte Musik als digitale Visitenkarte dient.

LWZ: Weshalb haben Sie sich bei Ihrem Album „Dirty Sehnsucht“ gegen ein Label entschieden?
Efert: Ich finanziere das Projekt komplett selbst. Bei Independent Labels tragen Künstler heute oft die Kosten für Pakete aus Distribution und Promotion. Für unser Projekt, eine temporäre Zusammenkunft von Musikern ohne lange Tournee, ist es kaum realistisch, diese Kosten wieder einzuspielen.

LWZ: Warum lohnt sich die Produktion physischer CDs kaum noch?
Efert: Weil es kaum noch Geschäfte gibt, die sie verkaufen. Vertrieb, Versand und Lagerung liegen meist beim Künstler. Selbst bei Konzerten fragen die Leute nach dem Auftritt eher nach dem Stream als nach der CD. Zudem erreicht die Musik im Stream sofort ein weltweites Publikum. Es entfallen die hohen Kosten für Pressung, Lagerung und physischen Vertrieb. Die Zugänglichkeit im Stream ist riesig, aber der Kampf um Aufmerksamkeit extrem hart.

LWZ: Wie lief die Aufnahme Ihres Albums konkret ab und was passiert nach dem Studio, bevor die Musik online geht?
Efert: Ich habe das Album an einem einzigen Tag im Studio „Zentrifuge“ in Berlin mit diesen herausragenden Musikern aufgenommen. Die Proben fanden direkt am Tag zuvor statt. Nach Mischung und Mastering lädt man die Audiodateien und das Cover bei einem digitalen Musikvertrieb (Distributor) wie MusicHub, DistroKid oder recordJet hoch. Diese stellen die Musik auf allen gewünschten Streamingdiensten wie Spotify, Apple Music oder Deezer ein.

LWZ: Übernimmt der Distributor auch das Marketing?
Efert: Der Vertrieb sorgt in der Regel nur für die technische Verfügbarkeit. Für Promotion muss man selbst sorgen – über Social Media oder spezialisierte Marketing-Plattformen, die Songs gegen Bezahlung an Playlist-Kuratoren und Musikblogs vermitteln.

LWZ: Was verdient man als Musiker tatsächlich mit Streaming?
Efert: Um ehrlich zu sein: nichts. Herbert Grönemeyer nannte das Streaming-Geschäft einmal „das größte Idiotensystem im Kapitalismus“. Grund dafür ist die Art, wie die Einnahmen verteilt werden.

LWZ: Wie funktioniert dieses Verteilungssystem?
Efert: Das Grundprinzip ist schnell erklärt: Die Einnahmen aus den Abonnements und der Werbung landen zunächst in einem großen gemeinsamen Topf. Anschließend wird dieser nach dem sogenannten Pro-rata-Prinzip verteilt. Entscheidend ist also nicht, welche Nutzer welche Musik tatsächlich hören, sondern welchen Anteil an allen Streams ein Künstler oder eine Künstlerin insgesamt erreicht. Wer die meisten Streams hat, bekommt den größten Anteil aus diesem Topf.

LWZ: Dann ist das für Nischen- und Independent-Künstler ungerecht …?
Efert: Das führt zu einer durchaus absurden Situation: Wer 10 Euro im Monat für einen Streamingdienst bezahlt und fast ausschließlich lokale Musiker oder kleine Independent-Bands hört, unterstützt mit seinem Geld nicht in erster Linie diese Kunstschaffenden. Ein Teil seines Beitrags fließt – entsprechend der gesamten Marktverteilung – auch an die großen internationalen Stars. Wer ohnehin millionenfach gestreamt wird, bekommt also einen entsprechend großen Anteil vom Gesamtkuchen.

LWZ: Ist Streaming für Independent-Künstler also reine Verlustsache?
Efert: Man muss schon zehn bis 20 Millionen Streams erreichen, damit sich davon tatsächlich leben lässt. Für die großen Namen funktioniert das über die schiere Masse. Für Independent Artist ist Streaming dagegen vor allem eines: die Möglichkeit, dass die Musik überhaupt gehört werden kann.

LWZ: Wie viel Geld schüttet ein Dienst wie Spotify pro Stream aus?
Efert: Dieser Kuchen ist extrem ungleich verteilt. Ein sehr kleiner Teil der Künstler vereint einen großen Teil der Streaming-Einnahmen auf sich. Für die große Mehrheit bleiben dagegen nur Bruchteile eines Cents pro Abruf. Je nach Plattform, Land, Vertragsmodell und Art des Abonnements unterscheiden sich die Beträge erheblich.
Qobuz und Tidal werden beispielsweise häufig mit höheren Vergütungen pro Stream in Verbindung gebracht als Spotify. Für Spotify werden im weltweiten Durchschnitt Größenordnungen von etwa 0,3 Cent pro Stream genannt – wobei es auch hier keinen festen Betrag gibt, den Spotify für jeden einzelnen Stream auszahlt.

LWZ: Wie unterscheidet sich der Wert von Musik heute im Vergleich zu den Zeiten von CDs und Schallplatten?
Efert: Vielleicht ist genau das der Punkt. Früher kaufte jemand eine CD für 15 oder 20 Euro und damit war klar: Dieses Geld wurde für genau diese Veröffentlichung ausgegeben. Heute zahlen wir einen monatlichen Pauschalbetrag und können dafür nahezu die gesamte Musikgeschichte hören. Das ist für das Publikum ein unglaublicher Gewinn. Für die einzelne Musikerin oder den einzelnen Musiker ist es allerdings ein völlig anderes Geschäftsmodell.

LWZ: Welches Fazit ziehen Sie aus der aktuellen Streaming-Entwicklung?
Efert: Streaming hat den Zugang zur Musik demokratisiert. Aber es hat die Frage, wie Musiker von ihrer Arbeit leben können, nicht gelöst – es hat sie lediglich neu gestellt.

LWZ: Mit CDs verdient man kaum noch was und mit Streaming auch nicht. Warum stellen Sie Ihre Songs trotzdem ins Netz?
Efert:
Diese Projektidee entstand relativ spontan bei einem Telefonat mit meinem alten Freund und Kollegen Joe Hertenstein (Schlagzeug). Wir haben zusammen an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln studiert und waren damals viel gemeinsam auf Tour. Er ging dann nach New York, ich nach Berlin … Vor einiger Zeit ist Joe aber nach Berlin gezogen.
Im November vergangenen Jahres spielte ich eine Woche lang mit Anna Mateur in Berlin, hatte aber einen Offday. So kam die spontane Idee: „Lass uns ein paar Leute dazu holen, ein Studio mieten und ein bisschen was aufnehmen.“ Gesagt, getan! Die Synergie mit Marcel Krömker und Jörg Hochapfel war unglaublich, wir haben an einem Tag ein ganzes Album aufgenommen. Es wäre ein Jammer gewesen, diese Musik nicht „rauszuhauen“! Man macht es, weil es einfach Spaß macht und natürlich auch, um als Künstler präsent zu sein.

LWZ: Dann können wir Sie und Ihr Quartett hoffentlich demnächst live in Lippe hören …
Efert: Auf jeden Fall! (lacht) Konzerte sind in Planung. Die genauen Termine geben wir bekannt, sobald die Details stehen.


 Das Gespräch führte Karen Hansmeier.