Diesen Anblick will sich Ferdinand Schmedding (Aufbruch C) aus Ohrsen ersparen und auch das Dorf vor dem Plan schützen, dass zwei große Windräder gebaut werden. Er hat eine Bürgerinitiative gegen das Windrad-Projekt gegründet, das von der „BeLa“, der „Bürger-Energie-Genossenschaft Lage“, vorangetrieben wird. Nun gibt es eine politische Mehrheit (Aufbruch C, CDU, AfD), die sich für die „Leitlinie“ stark macht, den früher landesweit gebotenen Mindestabstand von 1000 Metern zur Wohnbebauung wieder in Kraft zu setzen. Damit wäre der Windrad-Plan in Ohrsen endgültig gestoppt. Montage: Hajo Gärtner

Lage. Windräder sollen einen Mindestabstand von 1000 Metern zur Wohnbebauung einhalten, fordert »Aufbruch C« und obsiegt, unterstützt von CDU und AfD, im Umweltausschuss. Nun ist der Weg frei, dass der Rat der Stadt die „Leitlinie“ absegnet, die etwas Ruhe in die hitzige Debatte um neue Windräder bringen soll.


»Die Windkraft« ist ein heiß umstrittenes Thema, obwohl die grundsätzliche Zustimmung groß ist: 70 % der Deutschen befür­worteten im Herbst 2025 den Ausbau der Windenergie an Land. Auf der anderen Seite stoßen Windräder, wo sie denn gebaut werden sollen, mitunter auf entschiedene Ablehnung. Jüngstes Beispiel: Die »Bürgerenergie-Genossenschaft Lage« (BeLa) biss im Lagenser Westend auf Granit beim Versuch, zwei Windräder in Ohrsen aufzustellen.

Tatsächlich würde dort ein Abstand von 1000 Metern zur nächsten Wohnbebauung nicht eingehalten. Rechtlich zurzeit kein Hindernis, weil diese Barriere vor rund drei Jahren vom Land geschliffen wurde. »Anything goes«, heißt die Regel heute. »Damit muss Schluss sein«, befindet die Fraktion »Aufbruch C« und bringt eine »Leitlinie ein«, die Sicherheit für Bürger und Investoren schaffen soll. Unterstützt von CDU und AfD stehen die Chancen gut, die Leitlinie in der nächsten Ratssitzung durchzusetzen, wenn den Befürwortern des Projektes »Windräder in Ohrsen« nicht noch ein Schachzug einfällt. Bislang haben sie sich sehr kreativ dabei gezeigt, die Bürger­initiative vor die Wand fahren  zu lassen. Aber ein Durchbruch ist ihnen selbst bislang noch nicht gelungen.

KOMMENTAR
von Hajo Gärtner

Zwischen „Windkraft um jeden Preis“ und „Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!“ liegt eine ganze Menge Platz. Genau dort sieht sich die Fraktion „Aufbruch C“ gut aufgehoben. Die Christen wollen beim Thema Windkraft weder mit erhobenem Zeigefinger durch  Windparks marschieren, noch mit der Abrissbirne auf die nächste Windmühle losgehen.

Robert Habeck, einst grüner Bundeswirtschaftsminister, wollte beim Ausbau der Windkraft die „Handbremse“ lösen. Alice Weidel von der AfD fordert ein Niederreißen der „Windmühlen der Schande“. Die einen hätten am liebsten noch ein paar Windräder aufgestellt, bevor überhaupt jemand gesagt hat, wo sie eigentlich hin sollen. Die anderen würden sie offenbar am liebsten schon demontieren, bevor sich der erste Rotor dreht.

„Aufbruch C“ versucht es mit einer weniger spektakulären Variante: Pragmatismus. Windräder sollen dort stehen, wo sie ihren Zweck erfüllen, ohne zum Dauerstreitthema für die Menschen in der Nachbarschaft zu werden. Das klingt wenig nach politischem Donnerschlag, hat aber den Vorteil, dass die Kontrahenten vielleicht noch miteinander reden können.

Die Welt der Energieversorgung hat sich verändert. Die Erneuerbaren liefern inzwischen annähernd 60 Prozent des deutschen Bruttostroms, die Windkraft übernimmt davon einen erheblichen Teil. Doch ein Windrad ist noch lange kein Zauberstab. Es kann zwar Strom erzeugen – aber nicht dafür sorgen, dass dieser im richtigen Moment am richtigen Ort verbraucht wird.

Und so stehen die imposanten Rotoren immer wieder still. Nicht unbedingt, weil der Wind fehlt, sondern weil der erzeugte Strom gerade nicht benötigt wird oder schlicht nicht dorthin gelangt, wo er gebraucht wird. Das ist ungefähr so, als würde man den Wasserhahn aufdrehen, während die Badewanne noch gar nicht angeschlossen ist.

Deshalb braucht die Energiewende mehr als immer neue Windräder: Stromnetze müssen ausgebaut, Speicher geschaffen und Erzeugung und Verbrauch besser zusammengebracht werden. Sonst produziert man irgendwann Strom im großen Stil – und sucht anschließend verzweifelt nach jemandem, der ihn haben möchte.

Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Wo gehören Windräder eigentlich hin?

Nun ja: Windräder sind weder Heilsbringer noch Höllenmaschinen. Sie sind schlicht ein Werkzeug der Energieversorgung. Und bei Werkzeugen ist die Sache normalerweise ziemlich klar. Wer hängt Hammer und Säge ins Wohnzimmer? Wer stellt die Bohrmaschine auf den Couchtisch? Und wer kommt auf die Idee, die Kettensäge neben den Fernseher zu legen?

Gut, bei Elon Musk wäre zumindest Letzteres nicht völlig auszu­schließen. Der vernünftige Mensch aber räumt sein Werkzeug in den Geräteschuppen. Dort darf es seinen Zweck erfüllen – und hält zugleich einen gewissen Abstand zum Wohnzimmer. Vielleicht ist das auch für Windräder keine ganz schlechte Idee: Baut sie auf Abstand. Platz ist bei näherem Hinsehen genug da. Beispiel: Im Grenzgebiet von Lage und Lemgo, Hardissen und Lieme, hat ein Windrad das bisherige Vierer-Ensemble ergänzt, ohne dass es zu einem Sturm der Entrüstung gekommen wäre. Weder in Lage, noch in Lemgo.