
Lage. Wozu braucht man leere Blätter? Richtig: damit man sie vollschreibt. Mit Einkaufszetteln, Steuererklärungen oder Liebesbriefen. Die jungen Autoren der Lagenser Stadtbücherei haben sich für etwas deutlich Spannenderes entschieden: Sie schreiben Zukunft auf. Und zwar gleich bis ins Jahr 2050.
Das Ergebnis ist ein kleines, aber feines Büchlein mit dem vielversprechenden Titel „Die Zukunft ist ein leeres Blatt“. Der Untertitel verrät, worum es geht: „Lagenser Schreibreise ins Jahr 2050“. Zehn- bis 14-Jährige haben sich auf den Weg gemacht und ihre Fantasie von der Leine gelassen. Was dabei herausgekommen ist, lässt sich in 50 Exemplaren nachlesen – so hoch ist nämlich die Auflage. Eine Rarität also, kein literarischer Blockbuster, aber eine Vision, die Beachtung verdient.
Herausgegeben hat diese Rarität der Förderverein der Stadtbücherei. Den Druck ermöglichte Verleger Hans C. Jacobs vom Lippe Verlag. Mit an Bord war außerdem die Lagenser Autorin Carolin Jenkner-Kruel; Unterstützung kam vom Programm „SchreibLand NRW“.
„Mit diesem Buch halten Sie das wunderbare Ergebnis dieses Projekts in den Händen“, schwärmt Fördervereinsvorsitzender Michael Biermann im Vorwort. Die Geschichten und Gedichte zeigten, wie viel Potenzial, Tiefgang und Erfindungsreichtum in den jungen Schreibtalenten stecke.
Das Jahr 2050 hat offenbar seine Tücken. Die Technik ist weit fortgeschritten, die künstliche Intelligenz allgegenwärtig. Aber ob damit automatisch alles besser wird, ist eine andere Frage. „Wird es wohl noch Bücher geben, oder werden wir von KI leben?“, fragt Elina Adler gleich im ersten Gedicht. Eine berechtigte Sorge. Schließlich wäre es ausgesprochen schade, wenn wir eines Tages unsere Gedichte von Maschinen schreiben und unsere Müsli-Schüsseln von Robotern füllen ließen.
Adrijana Jovanovic jedenfalls scheint von der Zukunft nicht restlos begeistert zu sein. „Nun zurück in mein Jahr, hier habe ich bessere Tage als da“, reimt sie. Die Zukunft mag vieles bieten, aber offenbar nicht unbedingt bessere Tage.
Vor allem die Roboter machen den jungen Zukunftsreisenden zu schaffen. Eigentlich sollen sie das Leben erleichtern. Doch wie so oft im Leben – und in der Technik – ist gut gemeint nicht automatisch gut gemacht. Isabell Wallbaum lässt einen Roboter ungefragt Müsli zubereiten. Das schmeckt allerdings „irgendwie nach dreckigem Stoff“. Auch das Brötchen ist keine Offenbarung, „wenn nicht sogar noch schlimmer!“ Da muss man sich fragen, ob die künstliche Intelligenz zwar die Weltformel formulieren, aber kein vernünftiges Frühstück hinbekommen wird. Auch auf dem Spielplatz haben die Blechkameraden das Kommando übernommen. Überall rennen Roboter herum. „Na los, verschwindet ihr alten Metallbüchsen“, schimpft die Erzählerin. Doch die digitalen Spielplatzbesetzer zeigen sich von der wenig diplomatischen Ansprache unbeeindruckt: „Aber sie ignorieren mich einfach.“ Selbst der Hund ist genervt. Den ganzen Vormittag und Nachmittag muss er die „Metalldinger“ verscheuchen – ohne Erfolg.
Zum Glück entpuppt sich der Spuk als böser Traum. Beim Aufwachen schwebt ein „kleiner süßer Roboter“ über dem Kopf der Erzählerin. Statt Müsli mit Textilgeschmack gibt es diesmal Freundlichkeit, Hilfe beim Waschen und Anziehen und obendrein Roboterwitze. Die Erzählerin heißt Anni, und ihr neuer Begleiter wird bald zu einem echten Freund. Sie nennt ihn liebevoll „Sit“. Plötzlich schmecken sogar die Brötchen wieder besser. Am Ende ist aus dem anfänglichen Albtraum eine innige Freundschaft geworden. „Es fühlt sich an, als wären wir Bruder und Schwester“, stellt Anni fest. Und sie ist sicher: „Ich habe ihn lieb und wir werden für immer und ewig zusammenbleiben. Nichts kann uns trennen.“
Na bitte! Wenn die Zukunft so aussieht, braucht man sich um die Menschheit vielleicht doch nicht allzu viele Sorgen zu machen. Vorausgesetzt natürlich, die Roboter lernen bis dahin noch, ordentliches Müsli zuzubereiten.
Doch die jungen Autoren wissen, dass die Zukunft nicht nur aus niedlichen Blechkameraden und glücklichen Frühstücksrunden besteht. Lasse Ohlberg entwirft ein ganz anderes Bild. In seiner Geschichte gibt es Soldaten, Kugeln und den Tod. „Sie schrie und weinte, als mehrere Kugeln den Körper ihres geliebten Mannes durchbohrten“, heißt es in einer Szene, in der die Zeit stillzustehen scheint. Hier ist nichts mehr lustig, nichts niedlich und nichts mit einem freundlichen Roboterwitz zu reparieren.
So liegen zwischen den Zukunftsbildern dieses Bändchens Welten. Die einen träumen von einer märchenhaft schönen Zukunft, wie Fynn Jesper Voedisch sie beschreibt. Andere sehen düstere Szenarien voraus, in denen Gewalt und Verlust das Leben bestimmen. Und dann gibt es noch die ganz alltäglichen Zukunftsprobleme: Wie schmeckt das Frühstück? Wie wird man die Roboter auf dem Spielplatz los? Und gibt es eigentlich noch Bücher?
Gerade darin liegt der Reiz dieser Schreibreise. Die Jugendlichen liefern keine fertigen Antworten, keine wohlfeilen Patentrezepte und erst recht keine Gebrauchsanweisung für das Jahr 2050. Sie zeigen vielmehr, dass die Zukunft noch offen ist – und dass es darauf ankommt, was wir aus ihr machen.
Das leere Blatt ist also längst nicht mehr leer. Es ist voller Ideen, Wünsche, Ängste und überraschender Einfälle. Und wer weiß: Vielleicht liest im Jahr 2050 tatsächlich noch jemand ein gedrucktes Buch. Vielleicht sogar dieses. Dann allerdings hoffentlich mit einem vernünftigen Frühstück daneben.






