
Lage. Hat die Zuckerstadt ihre Haarpracht nun endgültig verloren? »Wir müssen die Locken auf der Glatze drehen«, hatte Kämmerer Uwe Aust mit Blick auf die finanzielle Lage 2026 formuliert. Ein Bonmot, das in seiner sprachlichen Eleganz durchaus Hoffnung machte (Original von Karl Kraus). Doch bei der Einbringung des Haushaltsentwurfs für das kommende Jahr mochte Aust auf diese Metapher offenbar nicht mehr zurückgreifen. Zu dramatisch die Zahlen, die er den Ratsmitgliedern präsentierte. Botschaft zwischen den Zeilen: Die Locken sind weg. Die letzten Haare haben sich verabschiedet. Was bleibt, ist eine kommunale Glatze, die sich auch mit viel gutem Willen kaum noch kaschieren lässt.
Aber keine Panik! Wo auf dem Kopf nichts mehr sprießt, hilft bekanntlich eine Perücke. Und die Kämmerei hat offenbar eine besonders raffinierte Ausführung im Angebot. Ein Genieststreich! Dabei bedient sich der Kämmerer eines bemerkenswerten Zaubertricks: Er lässt Geld kreisen und erhöht mit jeder Drehung die Haushaltsposition »Eigenkapital«. Wie ein Zauberkünstler, der vor versammeltem Publikum ein Kaninchen aus dem Zylinder zieht, holt er überraschend sechs Millionen Euro hervor. Chapeau! Und das geht so:
Schritt 1: Der Abwasserbetrieb schüttet 6 Millionen Euro aus seinen angesammelten Gewinnen an die Stadt aus. Die Stadt verbucht das als Einnahme in ihrer Ergebnisrechnung. Schon sieht der Haushalt um 6 Millionen Euro besser aus.
Schritt 2: Jetzt gibt die Stadt dieselben 6 Millionen Euro sofort wieder an den Abwasserbetrieb zurück – allerdings nicht als Ausgabe, die das Jahresergebnis belastet, sondern als Kapitaleinlage. Der Betrag soll künftig den Wert ihrer Finanzanlage erhöhen.
Leider lässt sich mit diesem Taschenspielertrick das Lagenser Haushaltsdesaster nicht komplett wegzaubern. Die Hasenfüße bleiben sichtbar. Dennoch verlangt Aust von den Ratsmitgliedern bei seinem Vortrag wiederholt »Zuversicht«. Man könnte seine Botschaft auch frei übersetzen: »Wir haben keine Chance. Ergreifen wir sie!«
Die nackten Zahlen sind allerdings nicht geeignet, große Zuversicht zu fördern. War vor einem Jahr noch von einem Haushaltsloch in Höhe von zehn Millionen Euro die Rede, wächst sich das Fass ohne Boden im kommenden Jahr auf mehr als zwölf Millionen Euro aus. Wohlgemerkt: konservativ geschätzt. »Wir erleben größere Herausforderungen bei einer sich ausprägenden Mängellage«, stellt Aust trocken fest.
Ohne dass jemand nachgefragt hätte, beteuert der Kämmerer wiederholt: »Ich will in meinem Vortrag eine zuversichtliche Grundhaltung transportieren.» Das ist löblich. Zuversicht kann schließlich Berge versetzen. Nur sollte man sich nicht darauf verlassen, dass sie auch Schuldenberge abträgt. Denn die unvermeidlichen Kassenkredite werden auf 60 Millionen Euro steigen. Da kommt keine Zuversicht mehr mit.
Das bedeutet in ungeschminkter Ansage: Lage bleibt Schuldenkönigin im Lipperland. Das Krönchen sitzt, auch wenn es zunehmend aus unbezahlten Rechnungen gefertigt wird. Für die NRW-weite Königswürde reicht die Pro-Kopf-Verschuldung allerdings noch nicht. Mit aktuell 5363 Euro je Einwohner – Tendenz in den kommenden Jahren steigend – ist Lage zwar keineswegs ein finanzielles Leichtgewicht, kommt aber an die ganz großen Schulden-Komtessen nicht heran. Mülheim an der Ruhr bringt es auf rund 10.000 Euro Verschuldung pro Kopf, Monheim am Rhein hält mit 13.571 Euro die Spitzenposition im Land. Ist die Verschuldung also ein kommunales Schicksal? Mitnichten! Immerhin gibt es 136 Kommunen im Land, die 2024 ihre Schulden abbauen konnten. Meerbusch, Schermbeck und Kerpen haben sogar sämtliche Kassenkredite getilgt. Offenbar gibt es Kommunen, die nicht nur wissen, wie man Schulden macht, sondern auch, wie man sie wieder los wird.
Allerdings stammen diese Vergleichszahlen aus dem Jahr 2024. Und der „Bund der Steuerzahler“ (BdSt) zieht unterm Strich eine weitreichende und zugleich ernüchternde Bilanz: »Die NRW-Kommunalschulden steigen insgesamt immer weiter.« Lage befindet sich also keineswegs auf einer einsamen Insel im steigenden Schuldenmeer. Aber wem nützt es, wenn er hört, dass dem Nachbarn das Wasser auch bis zum Hals steht. Ist das ein Trost?
Uwe Aust zieht für den Lagenser Haushalt eine wenig überraschende Schlussfolgerung: Ohne Hilfe von außen, also von Bund und Land, gibt es offenbar keinen Ausweg aus der Schuldenfalle. Die Stadt sitzt fest. Und zwar nicht nur mit einem Fuß, sondern gleich mit beiden Beinen. Rat und Verwaltung haben deshalb bereits erste Konsequenzen gezogen. Freiwillige Leistungen wie das Spielmobil werden zum Jahresende eingestellt. Ebenso wie das Angebot „Mambini“ (Gesundheitsförderung für Eltern mit kleinen Kindern). Die offene Jugendarbeit wird im HoT konzentriert und das „Jugendcafe“ aufgegeben. Auch Stadtbücherei und Musikschule müssen ihre Gebührenstrukturen überarbeiten und ihren „Kunden“ höhere Beiträge abverlangen. Wer künftig lesen, musizieren oder einfach nur ein bisschen Kultur genießen möchte, muss tiefer in die Tasche greifen. Kommunale Kultur wird damit zwar nicht eingeschränkt, aber immer teurer.
Nur: All diese Maßnahmen werden bei Weitem nicht ausreichen, um das zwölf Millionen Euro große Haushaltsloch auch nur spürbar einzudämmen. Auch nicht der Buchungstrick des Kämmerers. Es müsste schon ein ziemlich großer Geldregen niedergehen, um Lage zu retten. Und zwar nicht nur ein kurzer Schauer, sondern ein ausgewachsenes Finanzgewitter mit nachhaltiger Wirkung.
Es kommt ein hartes Jahr auf die Zuckerstadt zu. Die Kommunalpolitiker werden sich im Rat wohl noch so manche heiße Debatte liefern. Denn wenn gespart werden muss, geht es ans Eingemachte. Dann wird nicht mehr nur über Zahlenkolonnen und Haushaltspositionen gestritten, sondern darüber, wer auf was verzichten soll, welche Angebote noch bezahlbar bleiben und welche Opfer den Bürgern zugemutet werden können. Die Kunst wird darin bestehen, die Lasten möglichst gerecht zu verteilen. Eine Aufgabe, die angesichts leerer Kassen ungefähr so einfach ist wie das Drehen von Locken, die nicht mehr da sind, auf der Glatze.
Und damit wären wir wieder bei Karl Kraus. Vielleicht sollte man seinen Spruch für Lage ein wenig abwandeln: Wenn schon keine Locken mehr wachsen, muss wenigstens die Perücke sitzen. Doch selbst die schönste Frisur kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass darunter eine Glatze steckt. Man wird ihn nicht finden, den Friseur, der auf einer Glatze eine Dauerwelle hinbekommt.
Anmerkung: Karl Kraus (1874–1936) war ein österreichischer Schriftsteller, Journalist, Satiriker und Sprachkritiker. Er gehörte zu den scharfzüngigsten und streitbarsten Intellektuellen seiner Zeit.




