Lage. Erhard Kirchhof ist eine Persönlichkeit mit vielen Facetten: Lehrer, Politiker, Schütze, Historiker, Lagenser. Das Letzte nicht zufällig, sondern aus voller Überzeugung. In Lage geboren, seit nunmehr 72 Jahren ohne Unterbrechung wohnhaft in der Zuckerstadt – ein Rekord, der vermutlich nur deshalb nicht im Rathaus ausgehängt wird, weil dort gerade kein Platz mehr an der Wand ist. Er kennt diese Stadt wie andere Menschen ihre Westentasche.
Vielleicht sogar besser. Und genau deshalb hegt LWZ-Reporter Hajo Gärtner – als zugezogener Lagenser mit inzwischen 35 Lage-Jahren – die leise Hoffnung, dass er ihm endlich eine Frage beantworten kann, an der er sich seit Jahrzehnten die Zähne ausbeißt.
LWZ: Herr Kirchhof, wir wohnen beide im Ortsteil Hagen-Hardissen. Dort gibt es bekanntlich die Afrikastraße, eine Verbindung zwischen Hardisser und Hagenscher Straße an der nordöstlichen Peripherielinie der Stadt. Kurz gefragt: Warum heißt sie so?
Erhard Kirchhof: Kurz geantwortet: Ich weiß es nicht.
LWZ: Lange Antwort?
Kirchhof: Lang gesagt, weiß ich es auch nicht mit letzter Sicherheit. Und ich bezweifle, dass es überhaupt jemand weiß. Die lokalhistorischen Quellen schweigen sich dazu aus – vermutlich aus Scham oder aus purem Unwissen.
LWZ: Das klingt ernüchternd.
Kirchhof: Allerdings habe ich mir von alten Hagenern erzählen lassen, dass diese Straße früher ein schlichter Feldweg war. Und die Einheimischen stellten sich damals wohl vor, dass es in Afrika genauso aussehe.
LWZ: Aha. Und wie genau stellten sie sich das vor?
Kirchhof: Das bekannte Klischee: unvollkommen für eine Straße, unaufgeräumt, unordentlich, weitgehend der Natur überlassen. Ich sage ausdrücklich nicht, dass das stimmt – weder für Afrika noch für die Straße. Aber es ist die bislang beste Erklärung, die ich gehört habe. Und glauben Sie mir: Ich habe viele gehört.
LWZ: Damit sind wir mitten im Thema Geschichte. Sie engagieren sich seit Jahren im Historischen Jahrbuch Lage, schreiben lokalhistorische Aufsätze – unentgeltlich. Warum machen Sie sich diese Arbeit?
Kirchhof: Weil mich meine Heimat interessiert wie sonst nichts auf der Welt. Ich möchte wissen, warum etwas so geworden ist, wie es ist. Außerdem darf man das von einem Lehrer ja wohl erwarten.
LWZ: Jetzt machen Sie es sich aber zu leicht. Sie haben jahrzehntelang Schulen geleitet – stellvertretend das EKG in Lemgo, Chef des KMG in Herford, beides keine Hinterhof-Gymnasien …
Kirchhof: … ja, ja, aber das ist Schnee von gestern. Vor fünf Jahren pensioniert. Ich bin jetzt hauptberuflich neugierig.
LWZ: Dennoch: Sie haben Chemie und Geschichte unterrichtet. Geistes- und Naturwissenschaften: Das ist keine so häufige Kombination in der Lehrerschaft. Dazu ein Bildungsweg durch Bürgerschule, Realschule und Gymnasium. Wird man so zum Lagenser Universalgelehrten?
Kirchhof: Jetzt lassen wir die Kirche mal im Dorf – am besten bei der nächsten Schützenfest-Route. Ehrlich gesagt hat mich die Lagenser Schützengesellschaft mehr geprägt als jedes Seminar, das ich besucht, und jede Unterrichtsstunde, die ich gehalten habe …
LWZ: … die Schützengilde von 1509?
Kirchhof: Genau die. Und glauben Sie mir: Die ist mehr als marschieren, feiern und möglichst geradeaus schießen.
LWZ: Das beruhigt mich. Aber was ist daran so lehrreich?
Kirchhof: Eine solche Gilde ist ein kleines soziales Universum. Man lernt dort, wie Gemeinschaft funktioniert – mit all ihren Eigenheiten, Stärken und gelegentlichen Diskussionen über den richtigen Bierstandort.
LWZ: Ich muss gestehen: Bei Märschen und geselligen Abenden komme ich gedanklich nicht ganz mit.
Kirchhof: Dann unterschätzen Sie die gesellschaftliche Bedeutung solcher Institutionen. Öffentliche Feste – vor allem das Schützenfest – haben eine enorme integrative Wirkung. Da macht plötzlich jeder mit.
LWZ: Inwiefern?
Kirchhof: Die ganze Stadt schmückt sich. Man sieht den Menschen die Begeisterung an. Das ist nicht gespielt, nicht launenhaft. Da feiert eine Gemeinschaft sich selbst – und ihre Identität. Und das regelmäßig wieder, erstaunlicherweise ohne philosophisches Proseminar.
LWZ: Herr Kirchhof, wir sind jetzt am höchsten Punkt des Kaffeetrinkens angekommen. Sie verdienen – und widersprechen Sie bitte nicht – den Titel „Philosoph von Lage“.
Kirchhof: Das lasse ich mir gerade noch gefallen, wenn Sie einräumen, dass es viele andere gibt, die diesen Ehrentitel eher verdienen als ich. Aber ich lasse es mir gefallen, wenn es noch eine Tasse Kaffee gibt.
LWZ: Sorry, aber die nächste Tasse ist für den kommenden Kandidaten reserviert. (Kirchhof lacht aus vollem Herzen)
LWZ-Serie „Auf einen Kaffee mit …“
In der LWZ-Serie „Auf einen Kaffee mit …“ werden regelmäßig Menschen vorgestellt, die das Leben in Lippe aktiv mitgestalten – oft im Rampenlicht, manchmal im Hintergrund, aber stets mit Leidenschaft und Engagement.
Ob Politiker, Künstler, Vereinsmitglieder, Unternehmer oder Ehrenamtliche: Bei einer Tasse Kaffee sprechen sie über das, was sie antreibt, bewegt – und warum ihr Herz daran hängt. Die LWZ-Leser dürfen sich auf persönliche Einblicke, ehrliche Gespräche und Anekdoten freuen.









