
Lage. Am Gymnasium Lage weht ein frischer Wind: Das Lernen soll stärker strukturiert werden. Denn das «Dalton-Konzept» wird eingemottet. Das „freie Lernen“ geht nach 12 Jahren in Rente. Und irgendwo zwischen Lernbüro und Selbstverantwortung sitzt ein Stundenplan und flüstert: „Ich wusste, dass ich zurückkomme.“
Ähnlich wie beim Versuch, das Lernen zu digitalisieren: Auch da wissen Pädagogen inzwischen, dass Tablets keine Allheilmittel sind. Die anfängliche Hoffnung, dass moderne Medien die Lernmotivation zwangsläufig fördern, ist einer Ernüchterung gewichen. Der Millionen-Euro-schwere Versuch, «Selbständiges Lernen in der gymnasialen Oberstufe» (SelGO) zu implementieren, den ich in der „E-nitiative“ des Kreises Lippe seinerzeit selbst gepuscht habe, ging sang- und klanglos unter. Und die ersten «Tablet»-Klassen am Grabbe-Gymnasium in Detmold wollte nach kurzer Zeit auch kein Lehrer mehr gern übernehmen.
Nun stirbt auch Dalton, nachdem er im Kommunalwahlkampf 2025 unter die Räder gekommen war. Kaum sanken die Anmeldezahlen, zeigte man nicht etwa auf den demografischen Wandel, Netflix oder die generelle Pubertätsmüdigkeit – nein, schuld war nun das «freie Lernen». Das klang auch einfach zu verlockend: Wenn Jugendliche selbst entscheiden dürfen, wann sie was lernen, entscheiden sie sich am Ende womöglich gegen Integralrechnung und für das intensive Studium der Cafeteria-Snackkarte. Bürgermeister Matthias Kalkreuter kündigte damals bereits eine Überarbeitung des Konzepts durch die Lehrerschaft an. Man müsse das schulische Profil schärfen, hieß es. Übersetzt heißt das: weniger «Mach doch mal selbst», mehr «Setz dich hin und rechne». Denn – und hier kommt die neue Weisheit: „mehr Freiheit bedeutet nicht zwangsläufig ein besseres Lernen». Was für das Leben generell gilt, zeigt auch im Lernen seine Wirksamkeit.
«Kein ungesteuertes Lernen mehr»: Das klingt fast ketzerisch in Zeiten, in denen alles individualisiert wird – vom Streaming-Algorithmus bis zur Müslimischung. Aber vielleicht ist Schule eben kein All-you-can-learn-Buffet, bei dem man sich nur die Rosinen pickt. Das Dalton-Prinzip setzt stark auf Eigenverantwortung, Selbstorganisation und intrinsische Motivation. Wunderschöne Begriffe. In der Theorie. In der Praxis bedeutet das für die Schülerschaft: maximale Freiheit bei minimaler Orientierung.
Wer ohnehin strukturiert, neugierig und zielstrebig drauf ist, blüht auf. Wer jedoch noch herausfinden muss, dass ein Heft zum Schreiben da ist, erlebt «freies Lernen» eher als pädagogischen Escape-Room ohne Ausgang.
Hinzu kommt: Am Horizont droht neue Konkurrenz: Die christliche Partei «Aufbruch C» plant in Müssen eine Gesamtschule. Eine gute Option für Eltern, die ihre Kinder nicht nur frei, sondern vielleicht auch verlässlich beschult wissen wollen. Hier wird Dalton mit Sicherheit an der Tür abgewiesen. Sollte diese Schule Realität werden, könnte sie zusätzliche Schülergruppen vom Gymnasium abziehen. Der Wettbewerb um Köpfe wird also härter – und da klingt „klare Strukturen“ für viele womöglich beruhigender als „Such dir dein Lernziel selbst aus, viel Erfolg!“
Natürlich hatte das Dalton-Konzept gute Absichten: Selbstständigkeit fördern, Verantwortung übertragen, Lernen individueller gestalten. Aber gute Absichten sind noch kein Stundenplan. Schule ist nicht nur ein Ort der Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch ein Ort, an dem Grundlagen vermittelt werden müssen – manchmal auch gegen den inneren Widerstand. Nicht alles, was man später braucht, fühlt sich im Moment der Vermittlung sinnvoll an. Das Periodensystem fragt schließlich nicht, ob man gerade Lust hat, sich mit ihm zu befassen. Vielleicht ist die aktuelle Kehrtwende also weniger ein pädagogischer Rückschritt als eine pragmatische Erkenntnis: Freiheit ist ein wertvolles Gut – aber sie braucht ein Geländer. Und manchmal sogar ein Treppengeländer mit klaren Stufen. Denn am Ende gilt eben doch: Mehr Freiheit bedeutet nicht zwangsläufig ein besseres Leben. Manchmal bedeutet sie vor allem, dass jemand sehr frei entschieden hat, das Mathebuch geschlossen zu lassen.




