Detmold/Berlin. Seit 2008 ist der sogenannte Community Dance ein fester Begriff in Detmold. Minden und Detmold waren die ersten deutschen Städte, die sich intensiv mit dem Tanz für jedermann beschäftigt haben. 2010 holte die Peter-Gläsel-Stiftung den Begründer des Community Dance, den britischen Tänzer, Choreographen und Tanzpädagogen Royston Maldoom, nach Detmold. Weltweit hat er Tanzprojekte geleitet, ob in Krisen- oder Kriegsgebieten, ob für Straßenkinder in Äthiopien oder für Strafgefangene.
Berühmt geworden ist Maldooms Ausspruch „You can change your life in a dance class“, geäußert in dem preisgekrönten Kinofilm „Rhythm is it!“. Zum Welttag des Tanzes, der heute, am 29. April, begangen wird, sprach die LIPPISCHE WOCHENZEITUNG mit dem 83-jährigen Künstler.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Herr Maldoom, Sie gelten als strenger und disziplinierter Tanzvermittler. Wie wichtig ist Ihnen Disziplin?
Royston Maldoom: Disziplin ist eine wichtige Sache, aber hier in Deutschland ist es ein schwieriges Wort; Disziplin wird gerne mit Kontrolle in Verbindung gebracht, aber bei der Art von Disziplin, die ich meine, übernimmt die Person selbst die Kontrolle – ich nenne es gern Fokus. Den jungen Leuten fehlt es an Fokus, das hat mit Konzentration und Aufmerksamkeit zu tun.
LWZ: Sind die Teilnehmer nicht enttäuscht, wenn es anstrengend wird und für sie dann der erwartete Spaß auf der Strecke bleibt, weil sie es eher als harte Arbeit empfinden?
Maldoom: Ja, zu Beginn sind die Teilnehmer vielleicht unangenehm überrascht. Es ist seltsam, dass der Gedanke an Spaß nicht aufkommt, wenn es um Mathematik oder Geschichte geht. Tanz ist tatsächlich sehr anstrengend und erfordert viel Disziplin. Natürlich kann man auch das Tanzen als spaßige Aktivität betreiben, genauso wie jedes andere Fach. Um aber kreativ zu sein, braucht man die nötige Disziplin und Hingabe und es kann sehr schmerzhaft und anstrengend sein, den Körper in ungewohnter Weise zu bewegen. Was die jungen Leute oft suchen, ist simpler Zeitvertreib und Ablenkung – sie wollen Unterhaltung, es soll oberflächlich und einfach sein. Was ich mir aber für sie wünsche, ist die Freude, der Stolz und die Zufriedenheit, durch hartes Arbeiten etwas Fantastisches erreicht zu haben; und diese beglückende Art von Freude stellt sich dann bei den meisten auch tatsächlich ein.
LWZ: Sie arbeiten in sozialen Brennpunkten mit den sogenannten schwer erziehbaren Jugendlichen. Wie schwierig ist es für Sie, diese Teilnehmer zum Tanzen zu bewegen?
Maldoom: Es ist wichtig zu erkennen, dass die jungen Leute dich in der Regel in die Position bringen wollen, die ihnen vertraut ist, und damit eine Situation schaffen, in der sie sich sicher fühlen können. So sind sie zum Beispiel daran gewöhnt zu sagen: ‚Das kann ich nicht‘, weil sie gelernt haben, dass sie dumm und unfähig sind. Kinder sind dann vielleicht von Sozialarbeitern oder Erziehern umgeben, die sich alle mit ihren Problemen beschäftigen, und so wenig sie es mögen, so sicher fühlen sie sich aber in dieser Rolle – das ist ihre Identität, auch wenn es eine falsche ist. Sie versuchen dann, dich in ihr kleines Netzwerk einzubinden, um in ihrer falschen Identität bestätigt zu werden. Und da ist es ausgesprochen wichtig, dich nicht in diese Rolle hinein drängen zu lassen, sondern sie – ganz im Gegenteil – auf deine Ebene zu holen.
LWZ: In England ist der Tanz häufig in den Schulalltag integriert. Wie wichtig ist Tanz für die Schule?
Maldoom: Ich denke, mit der Kunstform Tanz hat man die beste Möglichkeit, Integration, Selbstvertrauen, Konzentration, eigenes Körpergefühl, räumliches Denken und vieles mehr zu erreichen, also all das, worauf Pädagogen besonderen Wert legen. Tanz ist ganzheitlich, physisch, sozial, emotional und kognitiv, das macht uns offener für den Lernprozess. Tanz ist keine konkurrierende Aktivität, sondern besitzt im Gegenteil eine große sozialisierende Kraft. Dabei gehen wir Tänzer in der Kunst keine Kompromisse ein – wir sind keine Ersatzpädagogen, sondern Künstler, die ihre Leidenschaft für die Kunst mit den Schülern teilen wollen.
LWZ: Kann man die Qualität eines Laientanz-Projektes mit der einer professionellen Company vergleichen?
Maldoom: Die Bühnenqualität hat nicht zwingend mit technischem Können zu tun. Natürlich kann ich die Technik eines Tänzers bewundern und Ballettkritiker mögen die Einfachheit solcher Projekte ablehnen, aber für mich ist entscheidend, ob ich berührt werde, und da spielt es keine Rolle, wie einfach etwas ist; ich spüre bei den Laientänzern das Risiko, das sie jede Sekunde eingehen, und die Vielfalt ihrer Emotionen, die sie preisgeben – das ist für mich als Zuschauer ein Erlebnis.
LWZ: Wie wichtig ist die Aufführung am Ende eines Tanzprojektes und wie wichtig ist die sogenannte Nachhaltigkeit?
Maldoom: Was mir persönlich für die Arbeit die nötige Energie gibt, ist die Aufführung am Ende des Projektes, und diesen Antrieb haben auch die Teilnehmer, sie strengen sich an, arbeiten so hart und erreichen so viel, und natürlich wollen sie das dann auch zeigen – sie sind stolz auf das Ergebnis und wollen es teilen. Somit ist es ideal, ein Projekt mit der Aufführung zu beenden.
Ich halte es dabei für ausgesprochen wichtig, für Nachhaltigkeit zu sorgen und Tanzprojekte auf Dauer zu erhalten; das ist allerdings etwas, das ich nicht leisten oder beeinflussen kann – darum muss sich die Gemeinde selbst kümmern, zusammen mit den Organisatoren und Sponsoren. In Detmold ist diese Nachhaltigkeit gegeben: „Residance“ heißt das inklusive Community-Dance-Programm der Peter-Gläsel-Stiftung und der nächste Workshop findet vom 1. bis 3. Mai in der Turnhalle der Peter-Gläsel-Schule statt.
Das Gespräch führte Mathias Lindner.





