Leserbrief an die LWZ-Redaktion. Symbolfoto: Adobe Stock

Leopoldshöhe zeigt, wie schnell ein kommunales Projekt ausufern kann. Desaströs teuer. Widersprüchlich in den Anforderungen. Dafür selbstbewusst in der Außendarstellung. Am 19. Dezember 2025 ließ man den Spatenstich für das “lebendige Quartier Brunsheide” mit viel Politprominenz vor Ort euphorisch feiern. Vielleicht hätte mit mehr finanzieller Transparenz die Begeisterung der Beteiligten angesichts des geöffneten Millionengrabs etwas an Schwung verloren. Ehrlicher wäre es auch gegenüber den Steuerzahlern gewesen, die dieses Wagnisprojekt finanzieren müssen. 


Das neue Baugebiet soll nach aktuellen Schätzungen auf ein Minus von 9,6 Millionen Euro hinauslaufen. Wenn alles gut geht. Aufwendungen für den späteren Unterhalt sind noch gar nicht enthalten. Klappt zudem die Vermarktung nicht wie gewünscht, kann der drohende Millionenschaden schnell zweistellig ausfallen. Ein harter Einschlag in den Gemeindehaushalt. Allein das diesjährige Defizit liegt hier inzwischen schon bei mehr als sechs Millionen Euro, Tendenz steigend.

Der Haushalt brennt. Die Ausgleichsrücklage – 2024 noch 10,8 Millionen Euro – ist Ende 2026 vollständig aufgebraucht. Im Alltag wird gekürzt. Gespart wird bei Kitas, Vereinen, Infrastruktur. Im Großprojekt Brunsheide wird hingegen weiter kräftig investiert.

War das drohende Finanzrisiko der Brunsheide im Vorfeld der Umsetzung nicht erkennbar? Trotz häufiger Anfragen der Öffentlichkeit nach Transparenz zu Kosten und Leistbarkeit kaum vorstellbar. Wie steht es um die Grundlagen funktionierender Planung, Steuerung und Kontrolle? War der Anspruch an solide Finanzierung und Leistbarkeit durch die Gemeinde etwa nachrangig gegenüber den visionären Gestaltungsträumen für ein städtisches Wohnquartier auf dem Land?

Die Preisfrage: Brunsheide wurde lange als Projekt für „bezahlbaren Wohnraum“ propagiert. Die Grundstücke sollen nun mehr als 440 Euro pro Quadratmeter kosten – mehr als in vergleichbaren Neubaugebieten der Region. Preiswerter Wohnraum also zum Premiumpreis? Das ist nicht nur ein Kommunikationsproblem. Das ist ein Widerspruch und wenig attraktiv für potenzielle Investoren.

Die Wachstumserzählung: Brunsheide, so die offizielle Linie, soll Zuzug bringen – neues Gewerbe, neue Bewohner, neue Steuerkraft. Mehr Einwohner bedeuteten mehr Kaufkraft, mehr Nachfrage, eine breitere Basis für kommunale Einnahmen. Wachstum als Rettung? Aber: Schon für 2027 sind wieder Erhöhungen bei Grund- und Gewerbesteuer eingeplant – fest im Haushalt veranschlagt. Wer also kommen soll, zahlt mehr als anderswo. Wer bleiben will, wird immer stärker belastet, auch für Wohnraum. Wachstum bewerben und zugleich den Standort verteuern – das klingt nicht nach durchdachter Wachstumsstrategie. Ebenso wenig wie das Prinzip Hoffnung, dass ein Zuwachs an Einkommensteuer die Finanzlöcher durch dieses Bauprojekt in ferner Zukunft stopfen möge.

Symptomatischer Widerspruch auch im Detail: Das beauftragte KGSt-Gutachten empfiehlt unter anderem, bestehende Spielplätze zu schließen – Kinder könnten im eigenen Garten spielen, Sparen müsse wehtun. Gleichzeitig werden im neuen Quartier genau diese Spielplätze als Verkaufsargument beworben, damit sich kleinere Grundstücke besser vermarkten lassen. Was denn nun?

Verkürzte Kontrollprozesse: Zur Zeitersparnis soll im Vermarktungs- und Verkaufsprozess ohne weitere Beteiligung des Rates agiert werden. Deshalb wünscht die Verwaltung, ein eingeschränktes Entscheidungsgremium ohne strikte, fraktionsbezogene Besetzung einzurichten. Reduzierung der Kontrolloption in kritischen Projektphasen also? Das größte Bauprojekt der Gemeindegeschichte soll von einem kleinen Gremium vorentschieden werden? Der Rat nickt nur noch die Musterkaufverträge ab? Kontrollabbau als neuer Verwaltungsstil? Nach jahrelanger Vorarbeit kann es auf wenige Tage Zeitbedarf im Prozess doch wirklich nicht mehr ankommen.

Fazit: Brunsheide ist in der aktuellen Dimension und Konzeption kein mutiges Zukunftsprojekt. Es ist nach aktuellen Zahlen ein Verlustbringer, für den alle Steuerzahler gerade stehen müssen. Dimension und Konzept passen einfach nicht zum Leistungsvermögen einer Gemeinde, die bereits massiv mit Einsparungsbemühungen und Steuererhöhungen um ihr finanzielles Überleben kämpft. Bezahlbarer  Wohnraum auch in der Brunsheide ist sicherlich wichtig und richtig. Aber bitte als Bestandteil eines gesunden Entwicklungsprozesses, nicht als Etikettenschwindel. Und erst recht nicht als Feigenblatt für hoffnungslos überzogene Gestaltungsvisionen. Wenn über Jahrzehnte das Projekt nicht zur Last, sondern zur Entlastung werden soll, bedarf es schnellstens einer Überarbeitung unter realistischen Rahmenbedingungen.

(Matthias Bock, Hepberg/Schuckenbaum)