
Kreis Lippe/Lemgo. Sie fahren, angekündigt durch die deutlich vernehmbare und gleichzeitig unverkennbare Pfeifmusik, in nicht einsehbaren Transportern, die meist mit einem auswärtigen respektive ausländischen Kennzeichen versehen sind, durch Lippes Wohngebiete und sammeln fleißig ein, was ihnen an Schrott ins Auge fällt.
Was auf den ersten Blick nach Hilfsbereitschaft aussieht, ist in Wirklichkeit eine Straftat, die darüber hinaus die Existenz eines kompletten Berufszweiges zu ruinieren droht.
Denn sowohl das Auflesen von Schrott ohne entsprechende Genehmigung und Gewerbeschein, beides haben die illegalen Sammler grundsätzlich nicht vorzuweisen, als auch das Abspielen der berühmt-berüchtigten Melodie im Straßenverkehr sind gesetzlich verboten. Darüber hinaus weisen ihre Fahrzeuge weder den Firmennamen noch das vorgeschriebene A-Schild (für gewerbsmäßige Abfalltransporte) auf.
Illegale Schrottsammler sind insbesondere für die ehrlichen Vertreter des Gewerbes seit Jahren eine existenzgefährdende Bedrohung. Davon betroffen ist auch Fredi Jennebach, Schrotthändler aus Lemgo, dessen Familie seit Generationen in der Branche tätig ist. „Es passiert immer noch zu wenig. Seit Jahren wird vonseiten der Polizei und des Kreises viel zu selten kontrolliert. Vielleicht wurden Einzelne rausgezogen. Wir ehrlichen ‚Schrottis‘ merken davon aber nichts“, betont Jennebach. Viele seiner Kollegen würden dieselben Erfahrungen schildern.
Kreis registriert Dutzende Beschwerden
Ganz so untätig, wie von den Schrotthändlern wahrgenommen, sieht der Kreis Lippe das eigene Handeln nicht. Nach Angaben der Pressestelle gingen in den vergangenen Jahren kontinuierlich Beschwerden über illegale Schrottsammlungen ein: 43 Fälle im Jahr 2022, 30 im Jahr 2023, jeweils 44 Fälle in den Jahren 2024 und 2025 sowie bereits 45 Fälle im laufenden Jahr 2026.
Gemeldet werden vor allem illegale Sammlungen von Metall und Elektrogeräten, aber auch Beschwerden über laute Musik sowie das Mitnehmen von Sperrmüll. Regionale Schwerpunkte könne man dabei nicht erkennen, die Hinweise kämen aus dem gesamten Kreisgebiet, erklärt eine Sprecherin des Kreises Lippe.
Nach Angaben des Kreises werde jedem bekannt gewordenen Fall nachgegangen. Könnten Verantwortliche ermittelt werden, würden Ordnungswidrigkeiten- oder Bußgeldverfahren eingeleitet. Seit etwa einem Jahr fänden zudem neben anlassbezogenen Überprüfungen auch allgemeine Kontrollen statt. Weitere Kontrollen sollen künftig verstärkt mit anderen Überwachungsmaßnahmen kombiniert werden.
Behörden sehen Handlungsbedarf
Allerdings räumt auch der Kreis Probleme bei der Verfolgung ein. Häufig wechselnde Wohnorte oder Sammler ohne gemeldeten Wohnsitz in Deutschland erschwerten die Ahndung. Hinzu komme, dass der Austausch zwischen Sozialämtern, Gewerbeämtern und der unteren Abfallwirtschaftsbehörde aus Datenschutzgründen nur eingeschränkt möglich sei.
So könne etwa nicht verlässlich überprüft werden, ob Sammler das Gewerbe irgendwo gemeldet hätten und wie hoch ihr Verdienst damit sei. Letzteres sei für Berechnungen von Sozialleistungen ausschlaggebend.
Deshalb fordert der Kreis selbst schärfere gesetzliche Regelungen. Statt der bisherigen Anzeigepflicht würde die Abfallbehörde eine Genehmigungspflicht für gewerbliche Schrottsammler bevorzugen.
Die gewerblichen Sammler müssten dann dem Kreis lediglich ihre Tätigkeit anzeigen und mitteilen, welche Abfälle sie sammeln möchten und wie diese verwertet werden sollen. Sie benötigten keine Genehmigung zur Sammlung.
In einem parallelen Verfahren müssten sie Fachkunde, zum Beispiel eine langjährige Tätigkeit oder eine Kfz-Versicherung, nachweisen. „Hilfreich wären an dieser Stelle strengere Anforderungen an die erforderliche Fachkunde zum Umgang mit Abfällen“, heißt es vonseiten des Kreises.
Für Jennebach geht das alles nicht weit genug. Er fordert daher mehr Polizeipräsenz, häufigere Kontrollen auf den Straßen und auch Überprüfungen auf Schrottplätzen. „Zudem müssen die Bußgelder so hoch sein, dass sich illegale Sammlungen wirtschaftlich nicht mehr lohnen“, ergänzt er. „Die Illegalen müssen runter von der Straße“, lautet seine Forderung.
Vertrauen zurückgewinnen
Während die legalen Schrotthändler von einem massiven Wettbewerbsnachteil sprechen, verweist der Kreis auf laufende Verfahren und die rechtlichen Grenzen der Behörden. Einig sind sich beide Seiten jedoch in einem Punkt: Das Problem existiert.
Fredi Jennebach appelliert deshalb auch an die Bevölkerung, verdächtige Fahrzeuge nicht einfach zu ignorieren. „Wer Transporter mit der typischen Pfeifmusik bemerkt, soll die Polizei informieren“, rät er.
Besonders problematisch sei aus seiner Sicht, dass immer häufiger auch Gegenstände von Firmengeländen oder Privatgrundstücken mitgenommen würden, ohne dass Eigentümer ihr Einverständnis gegeben hätten – darunter leide das Ansehen der gesamten Branche. „Wir werden mittlerweile selbst angepöbelt, weil die Menschen uns misstrauen“, berichtet Jennebach.
Sein Ziel sei daher nicht nur der Schutz der eigenen Branche, sondern auch die Rückgewinnung von Vertrauen. „Wir wollen ehrlich arbeiten und niemandem auf der Tasche liegen“, sagt der Lemgoer und fährt fort: „Aber dafür müssen für alle dieselben Regeln gelten.“
Während legale Schrotthändler Steuern zahlten, umfangreiche Vorschriften einhielten und bei jeder Kontrolle auf Details wie Ladungssicherung, Spanngurte, Netze oder Sicherheitsvorgaben achten müssten, kämen viele illegale Sammler ungehindert davon.
„Die sammeln ohne Genehmigung, zahlen keine Steuern und nehmen den Leuten den Schrott und weiteres Eigentum weg“, sagt er. Er selbst sei hingegen schon unter anderem wegen eines nicht vollständig eingefahrenen Krans kontrolliert worden. „Da fühlt man sich irgendwann verschaukelt“, schimpft er.
Die Fronten sind klar: Während die Behörden auf ihre Möglichkeiten verweisen, verlangen die Betroffenen vor allem eines: mehr sichtbare Konsequenzen auf der Straße. Ausgang ungewiss.






