
Detmold. Es zählt zu den prägenden Klangkörpern in Detmold: das Detmolder Kammerorchester (DKO). Hervorgegangen aus dem 1954 gegründeten „Kammerorchester Tibor Varga“ und seit 1989 als gemeinnütziger Verein organisiert, verbindet das Ensemble eine lebendige Tradition mit der Spielfreude und Energie junger professioneller Musiker: Studenten und Absolventen der Hochschule für Musik Detmold verleihen dem Orchester seinen unverwechselbaren Klang.
Längst hat sich das DKO nicht nur in Detmold, sondern auch in ganz OWL und darüber hinaus als flexibles Ensemble mit überregionaler Strahlkraft etabliert – unterstützt unter anderem von einem engagierten ehrenamtlichen Trägerverein. Die LIPPISCHE WOCHENZEITUNG sprach mit dem Manager des DKO, Max Gundermann, über die künstlerische Entwicklung, die organisatorischen Strukturen und die Bedeutung des Ehrenamts für den Erfolg des Ensembles.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Zunächst einmal: Was ist überhaupt ein Kammerorchester im Vergleich zu einem Sinfonieorchester?
Max Gundermann: Ein Kammerorchester ist deutlich kleiner als ein sinfonisches Orchester und besteht überwiegend aus Streichern mit nur wenigen Bläsern. Während ein Sinfonieorchester mit bis zu 100 Personen und einem Dirigenten einen mächtigen Klang erzeugt, klingt das Kammerorchester durchsichtiger und intimer. Es kommt mitunter sogar ganz ohne Dirigenten aus.
Die Musikerinnen und Musiker kommunizieren über Blicke und Körpersprache – häufig angeführt von der Konzertmeisterin oder dem Konzertmeister an der ersten Violine. Das sorgt für ein eng vernetztes Zusammenspiel. Wenn Sie transparent musizierte Klassik hören möchten, bei der fast jede Stimme solistisch glänzt, empfiehlt sich ein Kammerorchester.
LWZ: Das DKO steht für ausgeprägte Musikalität, mitreißende Energie und kreative Vielseitigkeit. Es ist international besetzt und besteht größtenteils aus Studenten und jungen Absolventen der Hochschule für Musik Detmold. Welche Chancen und Herausforderungen bringt das mit sich?
Gundermann: Als international aus Studenten und jungen Absolventen besetztes Ensemble profitiert das DKO von Neugier, Idealismus und großer kreativer Offenheit sowie einer bereichernden kulturellen Vielfalt. Die Musiker sind experimentierfreudiger und bereit, auch mal unkonventionelle musikalische Wege zu gehen – von klassischer Kammermusik über Werkstattkonzerte bis hin zu modernen Crossover-Projekten oder innovativer Musikvermittlung für Schulen.
Gleichzeitig stellen die Fluktuation durch Studienabschlüsse, der Weggang aufgrund fester Anstellungen in anderen Orchestern oder die Koordination mit dem akademischen Alltag ständige Herausforderungen dar, denen sich Orchester immer wieder aufs Neue stellen muss. So ist es etwa schwierig, einen unverwechselbaren Gesamtklang, wie er zum Beispiel für gewachsene Berufsorchester typisch ist, dauerhaft zu etablieren.
LWZ: Stichwort „Fluktuation“ …
Gundermann: Als Projektorchester ist das DKO quasi eine „Übergangsbühne“ zwischen Studium und Einstieg ins Berufsleben. Unter der künstlerischen Leitung von renommierten Dirigenten (wie aktuell Daniel Stabrawa, dem langjährigen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker) bietet das DKO den Studenten und Absolventen eine exzellente Praxisbühne, die zum Sprungbrett für Karrieren werden kann.
LWZ: Wie wird man Musikerin im Detmolder Kammerorchester?
Gundermann: Die Vergabe der Orchesterpulte erfolgt über hochschulinterne Wege, Vorspiele oder Empfehlungen aus den Instrumentalklassen der Professorinnen und Professoren der HfM Detmold. Da es sich um ein Projektorchester handelt, dessen Besetzung durch die natürliche Fluktuation regelmäßig wechselt, lohnt sich immer auch der direkte Kontakt zum Orchestermanagement, um sich über freie Plätze und kommende Projektphasen zu informieren.
LWZ: Ein zentrales Profilmerkmal ist die innovative Nachwuchsarbeit. Mit Projekten wie der „DKO-Musikvermittlung“ bringt das Orchester klassische Musik direkt in Schulen der Region. Warum ist dieser Bereich wichtig?
Gundermann: Nachwuchsarbeit ist von zentraler Bedeutung, da sie junge Menschen frühzeitig an klassische Musik heranführt und langfristig – hoffentlich – neue Zuhörer sichert. Wir möchten mit unseren Schulprojekten Hemmschwellen und Vorurteile abbauen. Sie ermöglichen einen chancengleichen kulturellen Zugang für Kinder und Jugendliche unabhängig vom sozialen Hintergrund und fördern gleichzeitig die soziale sowie kognitive Entwicklung.
Von Vorteil ist auch, dass wir die Musik direkt dorthin bringen, wo die Kinder sind: Das DKO geht in die Schulen, anstatt dass sich die Schulen auf den beschwerlichen Weg machen müssen. Zugleich profitieren auch die jungen DKO-Instrumentalisten: Sie lernen, wie ihr Publikum tickt, und verständlich über ihre Kunst/Arbeit zu sprechen oder lernen, sich an ungewöhnliche Spielorte anzupassen.
LWZ: Einzigartig im Rahmen der Nachwuchsarbeit ist auch das eigens entwickelte, preisgekrönte digitale Education-Online-Spiel „I am dko“, mit dem Kinder virtuell ein Orchester dirigieren können. Welche Rolle spielt Digitalisierung für die Zukunft der Musikvermittlung?
Gundermann: Die Digitalisierung ist zu einem nicht mehr wegzudenkenden Baustein für die Musikvermittlung geworden. Sie baut traditionelle Barrieren ab und kann klassische Musik für junge Menschen interaktiv, zugänglich und nahbar machen. „I am dko“ holt das Publikum aus der passiven Rolle. Kinder und Jugendliche werden selbst zu Akteuren – ob etwa beim digitalen Dirigieren oder beim Experimentieren mit Klängen.
Die Digitalisierung ersetzt das Live-Erlebnis und die echte Interaktion im Konzertsaal nicht, aber sie dient als Brücke. „I am dko“ weckt im besten Falle Neugier, baut Berührungsängste ab und schafft neue Wege, Musik aktiv zu erleben und zu verstehen … und dann zu uns in den Konzert- oder Probensaal zu kommen.
LWZ: Das DKO ist seit 1989 ein gemeinnütziger Verein. Wie sieht die organisatorische Struktur aus und welche Rolle spielt das Ehrenamt dabei?
Gundermann: Die Struktur gliedert sich in eine Mitgliederversammlung als oberstes Organ, den ehrenamtlichen Vorstand, einen ergänzenden Förderverein sowie das hauptamtliche Orchestermanagement und die künstlerische Leitung. Das Ehrenamt spielt dabei eine unverzichtbare Rolle, da der Vorstand und die Förderer die strategische Steuerung, das Fundraising, die rechtliche Absicherung sowie die Pflege regionaler Netzwerke komplett unentgeltlich und mit hohem persönlichen Einsatz übernehmen.
LWZ: Welche Aufgaben übernimmt der Verein konkret, die für den Konzertbetrieb unverzichtbar sind, und wie gelingt die Zusammenarbeit zwischen einem professionellen Klangkörper und einem ehrenamtlich geführten „Rückgrat“?
Gundermann: Die Zusammenarbeit funktioniert durch eine klare Aufgabenteilung: Während die künstlerische Leitung, angeführt von Chefdirigent Daniel Stabrawa, die musikalische Ausrichtung und das Programm verantwortet, hält der Vorstand die Fäden im Hintergrund zusammen und schafft die finanziellen sowie organisatorischen Rahmenbedingungen.
LWZ: Was treibt Sie persönlich an, ein Ensemble wie das DKO zu managen?
Gundermann: Was ich an meinem Job liebe, ist vor allem die Vielseitigkeit. Kein Tag gleicht dem anderen. Ich schätze die Flexibilität sowie die tiefe Selbstwirksamkeit, die diese Arbeit mit sich bringt – nicht nur am Computer zu sitzen, sondern konkret etwas zu gestalten und greifbare Ergebnisse zu sehen.
Besonders bereichernd ist für mich die enge Zusammenarbeit mit den Musikerinnen und Musikern, das gemeinsame Anpacken hinter den Kulissen und die Chance, ab und zu auch selbst aktiv zu musizieren. Es ist diese Mischung aus eigenverantwortlicher Organisation, aus Kreativität und Teamgeist, die mich immer aufs Neue begeistert.
LWZ: Was würde Detmold fehlen, wenn es das DKO nicht gäbe?
Gundermann: Abgesehen davon, dass es deutschlandweit nur wenige Kammerorchester gibt und dazu noch solche mit einer so langen Tradition, fehlte der Kulturstadt Detmold ein zentrales musikalisches Aushängeschild mit einem ganz besonderen Repertoire und ein wichtiges Bindeglied zwischen der Hochschule für Musik und der Öffentlichkeit. Eine hochkarätige Plattform würde wegfallen, die jungen Musikerinnen und Musikern wertvolle Praxiserfahrung auf professionellem Niveau bietet.
Darüber hinaus würde eine spürbare Lücke in der kulturellen Bildung entstehen, weil das Orchester mit zielgerichteten Kinder-, Jugend- und Schulkonzerten junge Menschen niederschwellig an klassische Musik heranführt. Nicht zuletzt wäre das lokale Konzertleben um eine feste Abonnementreihe, künstlerische Vielfalt durch Crossover-Projekte sowie Uraufführungen ärmer. Am besten einfach mal reinhören: Am Dienstag, 20. Oktober, starten wir um 19.30 Uhr im Konzerthaus Detmold mit einem attraktiven Programm in die neue Saison …
Das Interview führte Karen Hansmeier.
Weiterführende Informationen: www.detmolder-kammerorchester.de




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