
Lage. Aschenputtel kann froh sein, dass es Märchen gibt. Sonst wäre ihm vermutlich nie ein Prinz begegnet. Den sieben jungen Schauspielern im HoT am Werreanger war das allerdings ziemlich egal. Sie haben das alte Märchen kurzerhand auseinandergenommen, kräftig durchgeschüttelt und anschließend in ihre eigene Sprache übersetzt.
Herausgekommen ist eine Version, bei der weniger der goldene Schuh als vielmehr die Lachmuskeln im Mittelpunkt standen. Rund 40 Zuschauer – überwiegend Eltern, Großeltern, Verwandte und Freunde – erlebten eine ungewöhnliche Theateraufführung.
Bühne? Fehlanzeige. Kostüme? Ebenfalls Fehlanzeige. Kulisse? Braucht kein Mensch.
Zu sehen waren im Wesentlichen: sieben Köpfe. Das klingt zunächst nach einer ziemlich minimalistischen Theateridee. Ist es auch. Aber genau darin lag der Charme. Die jungen Darsteller konzentrierten sich auf das, was beim Theater manchmal zwischen Kulisse, Kostüm und Spezialeffekten verloren geht: den Text, die Stimme und die Pointe.
Ein bisschen erinnerte das Ganze an ein Schattenspiel – nur dass hier nicht Schatten, sondern witzig verkleidete Köpfe die Hauptrolle spielten. Die Abdeckung vor den Figuren war dabei so geschickt konstruiert, dass auch die junge Darstellerin im Rollstuhl problemlos sichtbar war. So konnte auch sie den gleichen kuriosen „Kopfeffekt“ entfalten wie ihre Mitspieler. Und die hatten Verblüffendes zu sagen. Die beiden bösen Schwestern etwa verlangten energisch nach ihren falschen Zähnen. Der Prinz wiederum litt mit narzistischen Zügen offenbar weniger unter der Suche nach seiner Traumfrau als unter einem akuten Mangel an Bescheidenheit. „Ich bin ja sooooo schön“ war seine Lebensphilosophie.
Aschenputtel selbst erwies sich dagegen als Meisterin der sprachlichen Ökonomie. Auf praktisch jede Situation passte ein gedehntes „Okay“. Mehr muss man manchmal auch gar nicht sagen. Das aber dann mehr als drei Dutzend Mal, damit der Running Gag richtig zündet.
Und dann war da noch der Kutscher. Eine Figur, die im ursprünglichen Stück eigentlich gar nicht vorkommt. Was ihn nicht davon abhielt, sich regelmäßig einzumischen. Die übrigen Darsteller quittierten seine Wortmeldungen sinngemäß mit: »Du gehörst hier gar nicht dazu – halt die Klappe!«
Dass die Sache so locker wirkte, war allerdings das Ergebnis konzentrierter Arbeit. „Geübt haben die Kinder in der letzten Ferienwoche lang täglich zwei Stunden“, berichtet Regisseur Joachim H. Peters, der dem Lagenser Publikum vor allem als Krimiautor bekannt ist, im Gespräch mit der LWZ.
Dabei haben die Darsteller das kleines ABC der Theaterkunst gelernt. Sprechübungen gehörten natürlich ebenso dazu wie das effektive Erarbeiten der Rollen. Ergebnis: Die Kinder hatten nicht nur jede Menge Spaß, sondern auch viel gelernt – und am Ende ein ordentliches Erfolgserlebnis auf der Bühne eingesammelt.
Für Peters und Elke Kieweg vom HoT war es bereits die dritte gemeinsame Ferienaktion dieser Art. Nach einem Kurzgeschichtenbuch und einem Hörspiel stand diesmal also Theater auf dem Programm. „Wir haben nur ein Skelett angeboten, das Fleisch daran kam von den Teilnehmern“, bringt Regisseur Joachim H. Peters das Prinzip auf den Punkt. Und genau dieses Fleisch war offenbar ziemlich würzig. Die beiden Leiter waren erneut beeindruckt von der Fantasie der jungen Teilnehmer. „Nicht nur die Proben waren bereits ein Riesenspaß“, sagt Elke Kieweg. „Die Aufführung war dann der Hammer.“
Das HoT erwies sich dabei als idealer Ort für das Experiment. Schon organisatorisch blieb man souverän auf dem Teppich: keine aufwendige Bühnentechnik, keine Kulissenlogistik und – ganz wichtig – keine zusätzlichen Hausmeisterstunden, nur damit Kinder ein bisschen Theater spielen dürfen.
Am Ende durften die sieben Darsteller natürlich noch erzählen, was aus ihren Märchenfiguren inzwischen geworden ist. Das Ergebnis war fast so überraschend wie das Stück selbst: Der Kutscher fährt inzwischen Bus für „Lippe mobil“, Aschenputtel hat fünf Töchter und arbeitet bei Deichmann. Der Prinz wartet derweil noch immer auf seine Beförderung zum König und verdient sich die Wartezeit im Lagenser Rathaus als Ansprechpartner für Angelscheine. (So berichtet Sandra Castrup in der heutigen LZ, 5. September, Seite Lage).
Damit wäre auch die wichtigste Märchenregel erfüllt: Wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie noch heute. Mit viel Text, sieben Köpfen und ohne einen einzigen Quadratmeter Kulisse.
Jugendamtsleiter Dirk Pahmeier jedenfalls ließ sich die Vorstellung nicht entgehen und genoss die ungewöhnliche Premiere sichtlich. »Möglich gemacht hat diesen Workshop das Landesprogramm „Kulturrucksack NRW“, das Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 14 Jahren einen möglichst einfachen, kostenlosen oder günstigen Zugang zu Kunst und Kultur ermöglichen soll«, berichtet er im Gespräch mit der Lippischen Wochenzeitung.
Unterstützt wurde die Ferienaktion zudem vom Förderverein der Stadtbücherei. Und so bewies das HoT einmal mehr: Für gutes Theater braucht man offenbar weder Samtkulissen noch Prinzenkostüme. Manchmal reichen sieben Köpfe, ein paar gute Ideen und Kinder, die sich trauen, aus einem alten Märchen etwas ganz Eigenes zu machen.






