Haben zum gemeinsamen Aktionstag eingeladen (von links): Nick Kevin Morgenthal (Leitender Praxisanleiter, Bevölkerungsschutz Kreis Lippe), Lara Arning (Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, Klinikum Lippe-Detmold),Madita Gaus (Auszubildende Notfallsanitäterin, Bevölkerungsschutz Kreis Lippe), Joachim Vollmert (Pflegegruppenleitung Neonatologie und Kinderintensivstation, Klinikum Lippe-Detmold), Britta Fleischer (Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, Klinikum Lippe-Detmold), Farina Begemann (Assistenzärztin Kinder- und Jugendmedizin Klinikum Lippe-Detmold), Dennis Moschinski (Auszubildender Notfallsanitäter, Bevölkerungsschutz Kreis Lippe), Prof. Dr. Christian Kleemann (Leiter der Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Lippe-Detmold), Christian Osthus (Sachgebiet Rettungsdienst, Bevölkerungsschutz Kreis Lippe). Foto: Karen Hansmeier

Detmold. Es geht ums Überleben. Und das mitten im Samstagstrubel des Detmolder Wochenmarktes zwischen Ständen mit herbstlich bunten Blumen und appetitlich in Szene gesetztem Obst.


Denn wenn das Herz plötzlich aufhört zu schlagen, tickt die Uhr erbarmungslos und die laue Septembersonne wird zur Nebensache: Bereits nach wenigen Minuten ohne Sauerstoff nimmt das Gehirn irreversible Schäden. Hierfür zu sensibilisieren und um lebensrettendes Wissen aufzufrischen sowie Berührungsängste abzubauen, setzten der Bevölkerungsschutz des Kreises Lippe und die Kinderklinik des Klinikums Lippe unter dem eingängigen Motto „Prüfen. Rufen. Drücken.“ im Rahmen der bundesweiten „Woche der Wiederbelebung“ ein eindrückliches Zeichen.

Dazu holten die Akteure die Menschen genau dort ab, wo sie im Alltag sowieso unterwegs sind: in der Innenstadt. An speziellen Trainingspuppen, vom Säugling bis zum Erwachsenen, konnten die Marktbesucher selbst Hand anlegen und den richtigen Rhythmus der Herzdruckmassage spüren und einüben.

Wettlauf gegen die Zeit

Wie dringend nötig derartige Aktionen sind, unterstreichen die Zahlen des Deutschen Reanimationsregisters. Jedes Jahr erleiden in Deutschland rund 130.000 Menschen außerhalb einer Klinik einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Rund 70 Prozent dieser Notfälle ereignen sich nicht etwa an anonymen Orten, sondern im privaten Umfeld, mitten im Wohnzimmer, in der Küche, bei Familie, Freunden oder Nachbarn.

Obwohl die Laienreanimationsquote zuletzt auf etwa 53,5 Prozent gestiegen ist, verstreicht somit in fast jedem zweiten Fall kostbare Zeit, ohne dass lebensrettende Maßnahmen eingeleitet werden. Zeit, die über Leben und Tod oder über das Ausmaß bleibender Schäden entscheidet.

Drei Schritte, die jeder kennen sollte

Was im Ernstfall zu tun ist, lässt sich auf drei Schritte reduzieren, erläutert Christian Osthus, Sachbereichsleiter des Bevölkerungsschutzes in Lippe: „Prüfen, rufen, drücken. Reagiert ein Mensch nicht (Prüfen), wird die 112 gewählt (Rufen). Dann wird gemeinsam mit den Disponierenden überprüft, ob die Atmung normal ist. Wenn sie nicht normal ist, wird unmittelbar mit der Herzdruckmassage begonnen (Drücken). Bei Erwachsenen wird der Brustkorb in der Mitte etwa fünf bis sechs Zentimeter tief und 100- bis 120-mal pro Minute gedrückt.“

Wie aktiv der Kreis Lippe dieses sogenannte therapiefreie Intervall bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes verkürzt, zeigt sich bei einem Blick hinter die Kulissen: Die Disponenten der Leitstelle des Kreises, in der alle Notrufe über die 112 auflaufen, sind speziell ausgebildet. Erkennen sie anhand der Beschreibungen des Anrufers einen Herz-Kreislauf-Stillstand, leiten sie diesen Schritt für Schritt durch eine Telefonreanimation. Allein in diesem Jahr zählte die Leitstelle bereits 193 solcher angeleiteten Einsätze.

„Man kann nichts falsch machen“

Und genau darum ging es am Rande des Wochenmarktes, um den allerersten, wichtigsten Schritt: das Überwinden der eigenen Hemmschwelle. „Niemand kann bei einer Reanimation etwas falsch machen. Der einzige Fehler ist, nichts zu tun“, bringen es die Organisatoren auf den Punkt. „Wir wollen die Bevölkerung nicht zu Reanimationsexperten machen. Wir möchten vermitteln, dass jeder mit wenigen einfachen Maßnahmen sehr viel bewirken kann“, sagt Christian Osthus.

Ziel sei es, möglichst viele Menschen mit den einfachen Maßnahmen der Wiederbelebung vertraut zu machen und sie zu ermutigen, im Ernstfall sofort zu handeln. Der Appell an die Detmolder Bevölkerung war eindeutig: vorbeikommen, ausprobieren, Ängste abbauen und im Ernstfall zum Lebensretter werden. Dass dieser Appell angekommen ist, zeigten die vielen Detmolder, die spontan selbst Hand anlegten und nicht nur gut informiert, sondern bestenfalls auch mit einem gestärkten Gefühl für den Notfall nach Hause gingen.


Hintergrund: App „KatRetter“

Ein weiterer Baustein im lippischen Rettungsnetz ist das seit Sommer 2022 genutzte app-basierte Ersthelfer-System „KatRetter“. Sie werden alarmiert, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe eines Notfalls befinden. Aktuell sind 765 dieser freiwilligen Helfer im Kreis registriert.

Die Bilanz des Vorjahres verdeutlicht die Durchschlagskraft des Systems: Bei 184 Reanimationen durch das Rettungspersonal im Jahr 2025 konnten in 82 Fällen qualifizierte Ersthelfer bereits vor dem Rettungswagen mit der Herzdruckmassage beginnen. Auch hierzu informierten die Akteure auf dem Detmolder Wochenmarkt und zeigten auf, wie sich medizinisch geschulte Bürger als Ersthelfer registrieren lassen können.