
Lage-Müssen. Sieht nach einem Schildbürgerstreich aus: Da erwirbt der Kreis Lippe mit Fördermitteln von Bund und Land eine 47.000 Euro teure Skulptur und versteckt sie in einem nur schwer zugänglichen Naturschutzgebiet an der Rethlage (Im Heitland). Unauffällig geht anders: Denn die Plastik-Ziegen provozieren inzwischen einen unerwarteten Besucherstrom. Alle wollen das heimliche Kunstwerk sehen, das Neugier hervorruft, eben weil es scheinbar verborgen wird. »Das am besten versteckte Kunstwerk Lippes steht seit Kurzem wohl in Lage-Müssen«, meldet Radio Lippe.
Was hat es damit auf sich? Der Kreis Lippe begründet den Standort am ehemaligen Kieswerk mit der Symbolik der Kunst. Bordalo ist bekannt dafür, dass er aus Müll Tiere erschafft. Ein weiteres Werk hat der Portugiese auch in der Klimaerlebniswelt in Oerlinghausen hinterlassen.
Macht Kunst Sinn, die man verstecken muss? Das Einzige, was an der »Müll-Skulptur« auf Kunst hinweist, ist der Preis. Wer ist schon bereit, 47.000 Euro für Müll zu bezahlen? Das muss schon Kunst sein. Manche interpretieren das aus Plastikteilen gefertigte Objekt als Protest gegen den Plastikmüll einer Ressourcen verschwendenden Konsumwelt. Uwe Detert (AfD) hat dagegen eine entschieden ablehnende Meinung und hat sie in einen satirisch pointierten kritischen Videoclip gegossen:
Kommentar
von Hajo Gärtner
Kunst im Hinterzimmer
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, sagt der Volksmund – und hat damit vermutlich recht. Kunst ist schließlich Geschmackssache.
Aber 47.000 Euro für ein vermutliches Kunstwerk auszugeben und es anschließend im Hinterzimmer zu verstecken – das hat schon eine gewisse Komik. Fast so, als würde man sich für den eigenen Geschmack schämen. Oder wenigstens hoffen, dass niemand danach fragt.
Keine Frage: Bordalos Ziegen sind nicht schön. Müssen sie auch nicht sein. Schließlich gibt es die »Ästhetik des Hässlichen«, und die hat in der Kunst durchaus Tradition. Hässliches kann provozieren, irritieren und zum Nachdenken anregen.
Nur: Plastikmüll in die Landschaft zu stellen, um auf die Vermüllung der Welt und die Verschwendung von Ressourcen aufmerksam zu machen, ist ungefähr so, als würde man Öl in die Werre kippen, um vor Gewässerverschmutzung zu warnen. Die Botschaft mag stimmen. Die Methode hat allerdings etwas Paradoxes.
Und warum ausgerechnet Ziegen? Weil Ziegen meckern? Weil sie genügsam sind? Weil sie Plastik fressen würden, wenn man sie ließe? Oder weil sie in der Kunstszene als besonders geeignete Abnehmer für 47.000-Euro-Ideen gelten?
Vielleicht gibt es darauf eine hochkomplexe kunstwissenschaftliche Antwort. Vielleicht aber auch nicht. Ich bin jedenfalls gespannt, welcher Experte uns das philosophische Innenleben dieser Plastikziegen noch erschließt.
Dazu müssten sie allerdings zunächst einmal ans Licht der Öffentlichkeit. Denn derzeit ist die Kunst dort, wo man sie offenbar selbst am wenigsten erwartet: im Versteck.
47.000 Euro für ein Kunstwerk, das niemand sehen soll – vielleicht ist das am Ende die eigentliche Gesellschaftskritik.
Nur: Dann ist sie ziemlich teuer.






