
Lemgo. Was macht uns krank? Wer oder was kann uns heilen? Und vor allem: wie? Fragen wie diese beschäftigen die Menschen nicht erst heute. Schon vor Jahrhunderten suchten Ärzte, Gelehrte und Patienten nach Antworten.
Mit der Sonderausstellung „Staying Alive. Medizingeschichte(n) mit Risiken und Nebenwirkungen“ nimmt das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake seine Besucher ab Dienstag, 13. Oktober, mit auf eine ebenso spannende wie ungewöhnliche Reise durch rund 2.000 Jahre Medizingeschichte.
Die Weserrenaissance steht bis heute für eine Epoche intellektueller Erneuerung, architektonischer Eleganz und eines aufstrebenden Bürgertums. Davon zeugen noch immer die prachtvollen Giebel und Schlösser entlang der Weser. Doch hinter den repräsentativen Fassaden aus Sandstein existierte eine andere Wirklichkeit.
Das Leben war von einer täglichen Fragilität geprägt, Krankheiten konnten schnell existenzbedrohend werden und medizinisches Wissen befand sich aus heutiger Sicht vielfach noch am Anfang.
Genau diese beiden Seiten versucht die neue Sonderausstellung miteinander zu verbinden: den kulturellen Glanz einer Epoche auf der einen und den oftmals schmerzhaften Kampf um körperliche Unversehrtheit auf der anderen Seite.
2.000 Jahre zwischen Hoffnung und Irrtum
Die Zeitreise reicht von der Antike über die (Weser-)Renaissance bis in die Gegenwart. Historische Objekte von außergewöhnlicher Qualität erzählen dabei von Hoffnungen, Irrtümern und wissenschaftlichen Erkenntnissen vergangener Jahrhunderte.
Zu sehen sind unter anderem ein menschlicher Schädel und eine Mumienhand, chirurgisches Arztbesteck, Aderlass-Instrumente, eine Reiseapotheke und ein historischer Apothekerschrank. Auch Prothesen sowie wertvolle Bücher und Gemälde gehören zu den Exponaten.
Anhand dieser Zeugnisse widmet sich „Staying Alive“ ganz unterschiedlichen Facetten der Medizingeschichte. Dazu zählen Seuchen und Hygiene ebenso wie die Rolle der Kirche, die Entwicklung der Pharmazie, die Entstehung der ersten Hospitäler und der Wandel des medizinischen Wissens.
Der Blick bleibt jedoch keineswegs in der Vergangenheit stehen. Bewusst schlägt die Ausstellung eine Brücke zu Fragen, die die Gesellschaft auch heute beschäftigen. Thematisiert werden Impfmythen und Erfahrungen aus der Corona-Pandemie ebenso wie die Frage nach einer gerechteren Gesundheitsversorgung oder die lange Zeit männlich geprägte Medizin.
Damit zeigt die Ausstellung zugleich, dass Medizingeschichte mehr ist als der Blick zurück auf historische Behandlungsmethoden. Gesundheit und medizinische Forschung beeinflussen das tägliche Leben unmittelbar und werfen immer wieder Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung auf.
Medizingeschichte mit allen Sinnen entdecken
Ein besonderes Merkmal der Ausstellung ist ihre innovative, interaktive, regionale und zugleich hochaktuelle Inszenierung. Medizingeschichte soll in Schloss Brake nicht nur betrachtet und gelesen, sondern mit unterschiedlichen Sinnen erlebt werden können.
So betreten die Besucher beispielsweise eine nachgebildete Arztpraxis mit Wartezimmer und Anamnesebogen. Dort bekommen sie ein „Rezept“, das anschließend sogar an der Museumskasse eingelöst werden kann.
Zahlreiche Mitmachstationen ergänzen das Ausstellungserlebnis. An einer Desinfektions-Station können die eigenen Fähigkeiten getestet werden, Heilkräuter warten darauf, mit der Nase erkundet zu werden, und ein Mikroskop ermöglicht einen Blick in sonst verborgene Welten. Auch ein „Organ-Memory“ gehört zu den interaktiven Angeboten.
Medizinische Spuren führen nach Lippe
Besonderes Gewicht legt das Weserrenaissance-Museum dabei auf die regionalen Bezüge. So erfahren die Besucher mehr über den historischen Lemgoer Apothekererker am Rathaus und über die von Fürstin Pauline gegründete erste „Irrenanstalt“ in Lippe.
Auch Medizinbücher von Graf Simon VI. zu Lippe werden in diesem Zusammenhang thematisiert. Auf diese Weise verbindet die Ausstellung die großen Entwicklungen der Medizingeschichte mit konkreten Spuren aus Lemgo und Lippe.
„Diagnose Krebs“ bekommt ein Gesicht
Einen weiteren besonderen Akzent setzt die eigens für das Museum entstandene Fotoausstellung „Diagnose Krebs – das Leben danach“. Gezeigt werden Porträts von Brustkrebspatientinnen und -patienten.
Initiiert wurde das Projekt von Sabine Mirbach. Fotografiert wurden die Porträts von Nadine Marga-Fahrenkamp, und zwar unmittelbar im und am Schloss Brake. Damit erhält das Thema Krankheit ein persönliches Gesicht und zugleich einen bewegenden Bezug zur Gegenwart.
Unterstützt wird die Entstehung der Ausstellung von der Stiftung Standortsicherung, der Andreas-Mohn-Stiftung, der Gesundheitsstiftung Lippe, dem Klinikum Lippe, dem Apothekerverband Westfalen-Lippe, dem Rotary Club Lemgo-Sternberg, Frauen für Lemgo, Soroptimist International Detmold, dem Freundeskreis des Weserrenaissance-Museums Schloss Brake, Fraunhofer IOSB-INA, der Technischen Hochschule OWL, dem Institut für industrielle Informationstechnik sowie der Vincent Systems GmbH.
Ergänzt und abgerundet wird die Sonderausstellung schließlich durch ein umfangreiches Begleitprogramm und verschiedene Workshops.






