
Kreis Lippe/Blomberg-Cappel. Zwei Goldmedaillen waren der Lohn für akribisches Training, eiserne Disziplin und bewundernswerte Nervenstärke: Bei den Deutschen Meisterschaften im Auflagebereich setzten sich Helga und Wolfgang Schmidt von den Sportschützen Brake-Lippe gegen die geballte Konkurrenz aus dem gesamten Bundesgebiet durch und durften sich am Ende des Wettbewerbs „Deutsche Meister“ nennen.
Und die Konkurrenz war groß: Bei den Titelkämpfen im Auflageschießen, die traditionell im Oktober auf der Bundesstützpunkt-Schießanlage in Hannover stattfinden, wetteiferten in diesem Jahr knapp 1.600 Sportschützinnen und -schützen in rund 2.190 Starts um die begehrten Medaillen.
Präzision bis zur Perfektion
Wer bei der „DM Auflage Hannover“ den Sprung aufs oberste Treppchen schaffen will, darf sich über Dutzende Schüsse hinweg keinen einzigen Konzentrationsfehler erlauben.
„Beim sportlichen Auflageschießen werden 30 Schuss in drei Serien à zehn Schuss geschossen. Weil die Ergebnisse im oberen Bereich dicht beieinanderliegen, erfolgt eine Zehntelwertung. Die höchstmögliche Ringzahl bei Zehntelwertung ist die 10,9“, erläutert Helga Schmidt.
„Es sind Millimeter, die dir den Meistertitel bringen oder dich auf Platz 20 wiederfinden lassen. Ein minimales Zucken im Zeigefinger, ein zu langes Zögern beim Ausatmen – und auf dem Bildschirm flimmert eine 9,5 statt der ersehnten 10,9“, weiß die Goldmedaillengewinnerin, die sich im Wettbewerb Kleinkaliber-Gewehr 100 Meter Auflage in der Klasse Seniorinnen III mit 316,3 Ringen (von 327 möglichen) den Deutschen Meistertitel sicherte.
Dem stand ihr Ehemann und Vereinskollege Wolfgang Schmidt in nichts nach. In der stark besetzten Klasse Senioren III triumphierte er mit der Sportpistole 25 Meter Auflage und holte mit 295 Ringen (von 300 möglichen) ebenfalls Gold. Damit nicht genug: Im Wettbewerb mit dem Kleinkaliber-Gewehr über 50 Meter zeigte er seine Vielseitigkeit und schoss sich auf Platz fünf.
Totale Kontrolle über eigenen Puls
„Die Leistungsdichte bei den Deutschen Meisterschaften ist extrem hoch. Um auf diesem Niveau ganz oben mitzuschießen, muss jeder Atemzug sitzen“, sagt Wolfgang Schmidt und ergänzt: „Außenstehende sehen nur jemanden, der ruhig dasteht und auf ein Ziel blickt. Doch in Wahrheit arbeitet der gesamte Körper.“
Denn entgegen mancher Vorurteile, dass Auflageschießen „nur“ entspanntes Zielen sei, verlangt diese Disziplin den Sportlerinnen und Sportlern physische und psychische Höchstleistungen ab. Wenn das Gewehr auf einer Auflage ruht und nur noch Schulter und Wange Kontakt haben, entfällt der Zittereffekt des freihändigen Schießens. In diesem Moment verlagert sich der Fokus auf zwei Dinge: die Atmung und den Abzug.
Schießen ist ein Sport der Konzentration und der Selbstbeherrschung. Eigenschaften, die die Schmidts über Jahrzehnte perfektioniert haben. Ob sie im kommenden Jahr in Hannover wieder dabei sein wollen? „Auf jeden Fall“, quittieren die beiden mit einem Lachen.
Und deshalb gibt es für Helga und Wolfgang Schmidt getreu dem Motto „Nach dem Erfolg ist vor dem Wettkampf“ auch kein Ausruhen. Um wieder auf den vorderen Rängen mitzumischen und sich erneut für die Meisterschaften zu qualifizieren, setzen sie ihr wöchentliches Pensum von drei Trainingseinheiten konsequent fort und der Blick geht mit gewohnter Routine nach vorn.
Hintergrund
Das Auflageschießen ist eine anerkannte Disziplin im Sportschießen, bei der die Waffe (Gewehr oder Pistole) nicht frei in der Hand gehalten, sondern auf einer speziellen Halterung abgelegt wird. Der Schütze hält die Waffe weiterhin an Schulter und Griff, muss jedoch das schwere Eigengewicht nicht frei ausbalancieren.
Die Waffe darf die Auflage nur an einem Punkt berühren. Ein Festklemmen, Magnetisieren oder dauerhaftes Ablegen der Hand auf der Auflage ist verboten. Ursprünglich wurde die Disziplin eingeführt, um älteren Schützen den Sport ohne körperliche Überlastung zu ermöglichen. Mittlerweile ist es jedoch ein eigenständiger, hochkompetitiver Leistungssport für alle Altersklassen geworden.
Die Deutschen Meisterschaften für Kleinkaliber und Pistole Auflage finden jährlich im Oktober auf der Bundesstützpunkt-Schießanlage in Hannover statt. Für alle qualifizierten Starter gelten dort die strengen, offiziellen Richtlinien des Deutschen Schützenbundes (DSB):
Im Sportschießen ist der Weg von der Vereinsmitgliedschaft bis zur Deutschen Meisterschaft (DM) Auflage klar strukturiert und erfordert das Durchlaufen mehrerer Qualifikationsstufen. Ein Start ist nur über das Erreichen der jährlich neu festgelegten, extrem hohen Limitzahlen der Landesverbände möglich.
Teilnahmeberechtigt sind Schützinnen und Schützen in den Klassen Senioren I (ab 51 Jahren) bis Senioren VI (über 81 Jahre). Jeder Teilnehmer muss spätestens eine Stunde vor dem Start zur obligatorischen Material- und Waffenkontrolle. Hier werden Auflagekeile, Gewichtsgrenzen und Abzugsgewichte elektronisch überprüft.
Das Tragen der offiziellen Startnummer als Rückenschild ist während des gesamten Wettkampfs Pflicht. Die Ermittlung der Bundessieger erfolgt in den Gewehrdisziplinen standardmäßig per präziser Zehntelwertung (elektronische Trefferanzeige).




