Bestsellerautor Wladimir Kaminer steht nach langer Zeit wieder in Lemgo auf der Bühne. Foto: Andreas Leber

Lemgo. Der Bestsellerautor Wladimir Kaminer kehrte nach elf Jahren für eine Lesung in die Alte Hansestadt Lemgo zurück und bewies einmal mehr, warum er zu den beliebtesten Beobachtern des deutschen Alltags gehört.


Rund 160 Besucher erlebten im Kongressbereich der Phoenix-Contact-Arena einen Abend voller lebendiger Erzählungen, verschmitzter Anekdoten und pointierter Beobachtungen aus Städten, Gärten und Wohnzimmern der Republik.

Kaminer, der jährlich zu mehr als 150 Lesungen und TV-Aufnahmen unterwegs ist, gewährte Einblicke in die Entstehung seines aktuellen Buches „Das geheime Leben der Deutschen“. Grundlage sei ein bundesweites Format mit dem Titel „Traumland Deutschland“ gewesen, bei dem er in der Jury saß.

Für den Autor, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, war es sichtlich ein Vergnügen, in Lemgo wieder auf der Bühne zu stehen: „Ich freue mich, einmal nach elf Jahren wieder hier zu sein“, sagte er und berichtete von seiner Anreise aus Berlin, selbstverständlich mit dem Zug.

Kaminer lebt mit seiner Familie am Prenzlauer Berg, einem lebendigen und kulturell geprägten Stadtteil mit sanierten Altbauten und Mauerpark-Flair. Ein Rückzugsort sei jedoch auch das ländliche Brandenburg, etwa 80 Kilometer von Berlin entfernt, wo die Familie ein kleines Haus in einem Dorf mit nur 148 Einwohnern besitzt. Dort, so beschreibt er augenzwinkernd, sehe das Dorf „alles“, lange bevor Fremde überhaupt das Ortsschild passierten.

Corona sei in dieser Abgeschiedenheit kaum ein Thema gewesen: Die Häuser liegen weit auseinander, es gibt keine Kneipe und die einzige Bushaltestelle wird zwar genutzt, aber von keinem Bus mehr angefahren. Pilzsammlern sage man dort gern: „Der nächste Bus kommt gleich.“

Inga Kunz, Inhaberin der Buchhandlung „Pegasus“ in Lemgo, hat vor Ort einen großen Büchertisch aufgebaut, an dem sich die Besucher das eine oder andere Werk zum Signieren kaufen können. Foto: Andreas Leber

Ein Büchertisch der Lemgoer Buchhandlung Pegasus begleitete die Veranstaltung, und Kaminer nahm sich in der Pause Zeit für Signaturen, Gespräche und Fotos. Humorvoll schilderte er in seinem Vortrag die Wünsche seiner Frau Olga: „Ein Hund oder ein Schrebergarten sollte es sein.“ Letzterer wurde es schließlich, mit dem Ergebnis, dass sie aufgrund mangelnden grünen Daumens bald wieder „herausgeflogen“ sei. Ein Hund kam wegen der beiden Perserkatzen nicht infrage.

Mit seinem typischen Witz führte Kaminer die Zuhörer anschließend auf die Deutsche Märchenstraße, wo er unter anderem „Rapunzel“ und „Schneewittchen“ begegnet sei, gemeinsam mit rund 80 Prozent aller reisenden Chinesen. Ebenso erinnerte er an seine Einladung zum 150-jährigen Jubiläum des Hermannsdenkmals im August 2025, seinem ersten Besuch in Detmold.

Dort habe er feststellen müssen, dass eine Brauerei 17 verschiedene Biere anbiete und ein Lipper sein ganzes Haus mit Hermann-Souvenirs dekoriert habe. Das Hermannsdenkmal selbst beschrieb er als von einem „Brennnessel-Dschungel“ umgeben. Ob die 20. Legion sich dort noch immer im Wald verstecke, wolle er nicht ausschließen, ebenso wenig, dass viele Ostdeutsche den Kreis Lippe wegen des Kürzels „LIP“ für „Leben im Paradies“ hielten.

Im letzten Teil des Abends widmete Kaminer sich den vierbeinigen Mitbewohnern seiner Familie. Seine beiden Perserkatzen Fjodor Dostojewski und Matha seien vor einiger Zeit verstorben, ruhige Tiere, die am liebsten auf der Fensterbank lagen. Nach intensiver Online-Recherche entschied sich seine Frau für zwei Bengalkatzen, eine lebhafte Mischung aus asiatischer Leopardenkatze und Wildkatze.

Die Hoffnung auf ruhige Haustiere erfüllte sich jedoch nicht: Die Tiere seien intelligent, fordernd und nahezu unermüdlich. Das neue Hightech-Katzenklo aus China hätten sie bereits nach einer Stunde zerlegt. Der Hersteller schickte nach einigen Mails schließlich ein stabileres, app-gesteuertes Modell, das Kaminer zufolge häufiger Nachrichten an sein Handy sendet als seine Familie.

Mit viel Charme, Sprachwitz und feiner Beobachtungsgabe erzählte Kaminer von seinen Begegnungen mit Deutschen, Traditionen und Eigenheiten, stets mit einer spitzfindigen Pointe am Ende. Die Lemgoer Zuhörer dankten ihm mit langem Applaus.