
Kreis Lippe/Detmold. Seit mehr als 20 Jahren ist der bekannte Bestsellerautor, Kabarettist und Moderator Florian Schroeder auf der Bühne und im Fernsehen zu Hause. Er schätzt den offenen Blick und betritt gerne Neuland. So hat er sich für sein aktuelles Programm „Endlich glücklich“ auf die Suche nach dem Glück gemacht. Kaum einen Bereich hat der 46-Jährige ausgelassen, um dem Glück auf die Schliche zu kommen. Am 21. Mai ist er um 19.30 Uhr zu Gast im Detmolder Sommertheater.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Herr Schroeder, Sie haben für Ihr aktuelles Programm sämtliche Glücksratgeber durchforstet – ist Ihnen da ausschließlich Mumpitz begegnet?
Florian Schroeder: Nein, überhaupt nicht. Erst einmal finde ich, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Glück zu suchen, auf welche Weise auch immer, und jedem ist zu wünschen, auch fündig zu werden. Viele seriöse Coaching-Angebote, die versuchen, den Einzelnen in seinen Bedingtheiten zu verstehen, sind sehr gut. Natürlich gucke ich als Satiriker vor allem auf das, was schiefläuft, sonst hätte ich wenig zu erzählen.
LWZ: Und was denken Sie, warum die Nachfrage nach diesen Angeboten so groß ist, dass man auch bereit ist, viel Geld dafür auszugeben?
Schroeder: Zum einen gab es dieses Phänomen schon immer. Schon die alten Griechen kannten den Begriff der Wohlberatenheit und der guten Lebensführung und unterstellten dabei, dass der Einzelne nicht immer nur allein für ein gelingendes Leben sorgen kann. Somit war und ist Beratung von jeher ein sinnvolles Werkzeug zur Alltagsbewältigung.
Man braucht ja auch den Blick von außen. Heutzutage kommt hinzu, dass wir in einer Zeit der Krisen, Katastrophen und grundsätzlichen Umwälzungen leben. Und in diesen schwierigen Phasen ist es nicht einfach, sein Glück zu finden und sich nicht in all der Informationsflut zu verlieren. Dabei ist die privateste Form der Glückssuche das intime Medium Buch und je einfacher diese Bücher sind, desto stärker werden sie frequentiert.
LWZ: Das Unglücklichsein und die Vereinsamung sind auch bei der Jugend schon ein Problem, das nicht selten in Depressionen mündet – wo sehen Sie da die Wurzeln dieses stetig wachsenden Übels?
Schroeder: Zum einen liegt es wohl an einer Überforderungserfahrung, wenn von allen Seiten hohe Erwartungen an einen jungen Menschen herangetragen werden. Die heutigen Herausforderungen des Lebens sind hart und es ist nicht leicht, seinen Platz zu finden – einen Platz, der sowohl glücklich macht als auch eine gewisse Sicherheit schafft.
Obendrein setzen die permanente Internetpräsenz, der Schönheitszwang und vieles mehr enorm unter Druck. Der Anspruch, unsere Zeit maximal zu nutzen, und zugleich aber zu wissen, dass alles sehr unsicher ist, das sind Anforderungen, zwischen denen man durchaus zerrieben werden kann.
LWZ: Ihre Glücksforschung hat nicht nur ein Kabarettprogramm hervorgebracht, sondern auch ein neues Buch mit dem Titel „Happy End“ – warum haben Sie diesen Titel gewählt?
Schroeder: Mir gefällt dabei sehr gut, dass zum einen natürlich ein glückliches Ende assoziiert wird, man denkt dann gleich an Schmonzetten à la Rosamunde Pilcher, und ich hatte Lust, das zu konterkarieren – das Ende des Glücks. Was ist eigentlich, wenn das Glück endlich ist, wenn es nicht alles ist? Was kommt danach, wenn man gespürt hat: Glück ist gar kein Lebensziel?
Oder das Glück, das ich angestrebt habe, erfüllt sich einfach nicht. Dieser Frage geht das Buch nach. Und natürlich war es auch sehr schön, einen Untertitel zu finden, der dem scheinbar „happy-go-lucky“-Titel widerspricht, nämlich: „Warum du ohne Glück glücklicher bist“.
LWZ: Ihre Kindheit und Jugend haben Sie einmal als eher unglücklich beschrieben – wann und wodurch änderte sich das?
Schroeder: Das änderte sich in den Jahren der Pubertät, als ich für mich eine Lücke gefunden hatte: Das war die Parodie und die Komik. So konnte ich einen Platz in der Gemeinschaft finden, in der ich sonst keinen hatte. Vorher wurden gerne meine Utensilien entwendet und durch die Gegend geworfen. Und dann, auf der Klassenfahrt von Lörrach nach London, machte ich kleine Showeinlagen und die kamen sehr gut an. Plötzlich hörten mir alle zu und freuten sich, wenn ich auftauchte.
LWZ: Da waren sie also kein schüchterner Jugendlicher?
Schroeder: Doch, sehr! Fast alle Komiker sind im tiefsten Innern schüchtern, so auch ich. Ich war jemand, der mit sich überhaupt nicht zu Rande kam. Und erst aus dieser Schüchternheit heraus entstand dieses Gefühl, für die Öffentlichkeit etwas tun zu können.
LWZ: In jungen Jahren waren Sie übergewichtig und das Körpergewicht spielt auch heute noch eine wichtige Rolle für Sie – ist das eine Folgeerscheinung?
Schroeder: Wenn man weiß, wie sich das anfühlt, 15 oder 20 Kilo zu schwer zu sein, und dabei geht es nicht bloß um Äußerlichkeiten, sondern es ist verbunden mit einem bestimmten Lebenswandel, einer gewissen Schwere und Langsamkeit. Wenn man das hinter sich hat und weiß, wie beweglich man eigentlich ist, möchte man das nicht mehr missen.
LWZ: Ist für Sie die Kraft der Gedanken ein ernstzunehmendes Werkzeug?
Schroeder: Ja, natürlich – ich lebe eigentlich nur von meinen Gedanken und ich versuche, sie in Sprache zu verwandeln und sie an die Öffentlichkeit zu bringen. Und es ist ja auch psychologisch nachgewiesen, dass, wenn man an etwas glaubt und gedanklich tief in etwas eindringt, sich das in der Wirklichkeit auswirken kann. Allerdings glaube ich nicht an eine Manifestationskraft nach dem Motto „Manifestiere mit deinen Gedanken ein Auto, das du gerne haben möchtest, und dann findet das Auto zu dir“ – das halte ich doch für Hokuspokus.
LWZ: Was für Zutaten gehören für Sie zu einem glücklichen, erfüllten Leben?
Schroeder: Ganz viel, von dem, was ich mir wünsche, lebe ich. Ich habe mehr erreicht, als ich mir jemals erträumt habe, und könnte gar nicht behaupten, dass mir etwas fehlt. Das, was mich glücklich macht, ist, produktiv zu sein, neue Themen am Horizont zu erkennen und mit der eigenen Zeit im Rhythmus zu sein. Für meine Show bedeutet das zum Beispiel, im richtigen Moment das richtige Thema aufzumachen.
LWZ: Wie sähe Ihr Künstlerleben aus, wenn es politisch „ungemütlich“ würde?
Schroeder: Also, ich habe jetzt keine Exit-Pläne und man muss auch nicht den Teufel an die Wand malen. Mir liegt der Pessimismus nicht; aber natürlich hätte eine Regierung mit einer rechtsextremen Partei an der Spitze nicht die Förderung der Multiperspektivität von Kunst im Sinn.
Das Erste, was Autokraten abschaffen und einzuengen versuchen, sind Künstler, Orte der Kunst und im Besonderen Komiker, da sie eine Gefahr darstellen: Sie machen sich über Obrigkeiten lustig und reißen ihnen die Masken vom Gesicht. Insofern müsste man schon mit Repressionen rechnen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg, denn so leicht ist Demokratie auch nicht auszuhebeln.
LWZ: Kunst also als wichtiges Standbein der Demokratie …
Schroeder: Kunst ist quasi der Laborraum der Demokratie. Letztendlich ist der Künstler auch immer ein Seismograph der eigenen Zeit und hat ein besonderes Gefühl für das, was kommt.
LWZ: Zum Schluss die Frage: Haben Sie ein Lebensmotto?
Schroeder: Zu den Quellen gelangt man gegen den Strom!
Das Interview führte Mathias Lindner.




