
Kreis Lippe. Zum Tag des Museums, am 17. Mai, hatte auch das Museum für Russlanddeutsche zu zwei Führungen eingeladen. Die LWZ nutzte die Gelegenheit, an einer dieser geschichtlichen Führungen teilzunehmen.
Fachkundig führt Samuel Tews die Gruppe von mehr als 20 Personen durch die zwei Etagen der Geschichte der Russlanddeutschen. Die meisten der Besucher sind jung, in Deutschland geboren, in der dritten oder vierten Generation der Wolgadeutschen oder anderen ehemaligen Kolonien.
„2,4 Millionen Russlanddeutsche leben in der Bundesrepublik und es ist sehr viel Unwissenheit über ihre Volksgruppe im Umlauf“, beginnt der Museumsführer seine gut eineinhalbstündige Führung. Um zu verstehen, was die seit den 1970er-Jahren rückkehrende Menschengruppe ausmacht, muss man wissen, dass es sich bei den ”Russlanddeutschen” nicht um eine homogene Gruppe handelt.
Es ist eine Gruppe von Menschen, die ihrer Wurzeln viele Generationen zurück im damaligen Deutschem Reich findet: Sachsen, Schwaben, Friesen, Westpreußen und andere Landsmannschaften, die über den Kolonistenbrief von 1763 der Zarin Katharina II., genannt die Große, als freie Kolonisten angeworben wurden und in das zaristische Reich zogen.
Vier bis fünf Auswanderungswellen und 500 Kolonien habe es gegeben, berichtet der Museumsführer. Zuletzt seien Ausreisewillige, aber eher wohlhabende Deutsche, in der heutigen Ukraine, in Wolhynien angesiedelt worden. Nach Generationen seien die Gruppen auch wieder in ihre alten Heimaten zurückgekommen, erzählt Tews und begründet damit, dass sich in OWL eben viele Mennoniten wieder angesiedelt hätten.
Die ersten Generationen konnten ihre Mundarten pflegen, ihrem Glauben nachgehen und mussten keinen Militärdienst leisten. Sie waren die Deutschen im Zarenreich und lebten autonom. Bis ins 19. Jahrhundert hinein entwickelte sich so eine Erfolgsgeschichte in Russland.
Unter Zar Alexander III. wurde ihnen dann erstmals alles genommen. Deutsch als erste Sprache in den Schulen verboten und auch der Militärdienst für sie zur Pflicht. Viele mussten dann im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland in den Krieg. Die Enteignungen in den zwanziger Jahren, die Auslöschung ihrer Intelligenz durch die massenweise Hinrichtung der Intellektuellen und das Verbot der eigenen Kultur sowie die Deportationen durch Stalin ab 1941 hätten eine traumatisierte Volksgruppe zurückgelassen, so Tews.
Bei der Rückkehr nach Deutschland als Spätaussiedler hätten sich viele noch als echte Deutsche gefühlt, wurden aber nicht als rückkehrende Deutsche, sondern als Russen wahrgenommen und merkten schnell, dass ihr Deutschlandbild nicht mehr mit der Realität zu tun hatte, resümiert der Fachmann.
Im Museum in Detmold wird die Geschichte dieser Menschengruppe sehr eindringlich, aber durchaus modern und interaktiv gezeigt. Sie ist sehr besucherfreundlich mit vielen Dingen zum Ausprobieren. Biografisches ist zu sehen und Geschichten von Zeitzeugen sind zu hören.
Der Weg in die einzelnen Biografien führt über die ausgestellten Gegenstände, die jedes für sich ihre eigene Geschichte erzählen. Wie ein roter Faden führt die Ausstellung den Besucher vom Erdgeschoss in den Keller, vom Kolonistenbrief bis zur Neuzeit. Sie zeigt, dass es die blühenden Wolgaauen, die man den Deutschen damals versprach, nie gegeben hat.
Das Museum wird seit dem Jahr 2016 vom Bund und seit 2021 auch vom Land NRW gefördert. Das Museum ist von Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen können unter der Rufnummer 05231/9216912 oder über die Homepage gebucht werden.




