
Kreis Lippe. Die Asiatische Hornisse breitet sich in Deutschland weiter aus – und längst hat Vespa velutina auch den Kreis Lippe erreicht. So sind etwa Sichtungen in Lage, Dalborn, Luerdissen, Bad Salzuflen und Oerlinghausen bestätigt.
Mit dem Vordringen der invasiven Art wächst die Sorge vieler Imker. Die Asiatische Hornisse gilt als ernsthafte Bedrohung für Honigbienen und stellt Behörden sowie Hobbyimker vor neue Herausforderungen. Die LIPPISCHE WOCHENZEITUNG sprach mit Helmut Assig, der nicht nur Imker, sondern als Wespen- und Hornissenfachberater die Entwicklung aus nächster Nähe erlebt und einordnet, was diese neue Situation für die Imkerei und die biologische Vielfalt bedeutet.

LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Wie nehmen Sie persönlich die aktuelle Ausbreitung der Asiatischen Hornisse in Lippe wahr?
Helmut Assig: Für mich ist es erschreckend, wie schnell sich die Vespa velutina auch in unserer Region ausbreitet. Nachdem erstmals im Jahr 2024 ein Tier in Dalborn entdeckt wurde und 2025 ein Nest in Lemgo beseitigt werden konnte, sind in diesem Jahr bereits acht Meldungen erfasst worden. Es ist davon auszugehen, dass bis zum Beginn des Winters noch weitere Tiere und Nester entdeckt werden.
LWZ: Wann sind Sie der Asiatischen Hornisse zum ersten Mal begegnet? Haben Sie schon eine an Ihren Bienenvölkern gesichtet?
Assig: Ich persönlich habe noch kein lebendes Tier gesehen und meine Bienen sind bisher wohl von der Asiatischen Hornisse verschont worden.
LWZ: Wie unterscheiden sich das Aussehen und Verhalten der Asiatischen Hornisse von dem unserer heimischen Art, der Europäischen Hornisse?
Assig: Die Asiatische Hornisse ist kleiner und deutlich dunkler als die Europäische: Sie hat einen schwarzen Kopf mit orangefarbener Stirn, einen rein schwarzen Körper und einen schwarzen Hinterleib mit orangegelber „Binde“. Zudem fällt sie durch ihre gelben Beine auf. Die heimische Europäische Hornisse hingegen ist an rotbraunen Elementen an Kopf und Thorax, dunklen Beinen und dem typischen gelb-schwarzen Muster am Hinterleib zu erkennen. Die Königin der Asiatischen Hornisse beginnt schon ab Mitte März/Anfang April mit dem Bau des Primärnestes in Bodennähe. Im Sommer wird ein Sekundärnest in großer Höhe eines Baumes errichtet, das einen Durchmesser von bis zu einem Meter haben kann.
LWZ: Warum ist sie so gefährlich für Honigbienen?
Assig: Die Asiatische Hornisse ist ein wahrer Flugakrobat. Sie kann ähnlich wie ein Hubschrauber in der Luft stehen bleiben und so vor dem Flugloch auf heimkommende Sammelbienen warten. Im Extremfall führt das dazu, dass die Honigbienen ihren Flugbetrieb ganz einstellen und dann das Volk bedingt durch Wasser- und Pollenmangel eingeht.
LWZ: Welche (mechanischen) Schutzmaßnahmen nutzen Sie, und wie effektiv sind diese?
Assig: Mittlerweile werden vom Imkereibedarf Vorsätze für die Fluglöcher angeboten. Sie sehen ähnlich einem Brotkasten aus und haben im oberen und vorderen Bereich ein Drahtgitter, durch das Honigbienen hindurchfliegen können, die Asiatische Hornisse aber in ihrem Jagdverhalten stört. Einen hundertprozentigen Schutz bieten diese Vorsätze aber nicht. Auch kann es hilfreich sein, die Honigbienen durch natürlichen Bewuchs, zum Beispiel Sträucher vor den Fluglöchern, zu schützen.
LWZ: Die Nester der Asiatischen Hornisse hängen oft hoch in den Baumkronen und sind schwer zu finden. Woran erkennt man sie?
Assig: Die Nester befinden sich in der Regel in Bäumen in einer Höhe von zehn bis 30 Metern und können einen Durchmesser von bis zu einem Meter haben. Da die Bäume im Sommer belaubt sind, erkennt man die Nester nur sehr schwer.
LWZ: Wird gezielt nach Nestern gesucht? Wie läuft die Suche ab, und wer/was hilft Ihnen dabei?
Assig: Um Nester der Asiatischen Hornisse zu finden, eignet sich die Methode der Triangulation. Dabei stellen Sie im Umkreis eines vermuteten Nestes an mindestens zwei verschiedenen Standorten Locktöpfe auf – also Gefäße mit Lockflüssigkeit und einem Docht im Deckel. Anschließend beobachten Sie, in welche Richtung die Tiere abfliegen. Gleichzeitig stoppen Sie die Zeit, bis ein Tier wiederkehrt. Aus dieser Zeitdauer lässt sich die ungefähre Entfernung zum Nest berechnen. Der Schnittpunkt der beobachteten Abflugrichtungen und die berechnete Entfernung verrät schließlich die ungefähre Position des Nestes.
LWZ: Welche konkreten Schäden haben Sie oder Kollegen in der Region bereits erlitten? Gab es in Lippe schon Völkerverluste durch die Hornisse?
Assig: Meines Wissens gab es bisher keine Schäden an Bienenvölkern in unserer Region.
LWZ: Wenn sich die Ausbreitung in diesem Tempo fortsetzt: Müssen wir Angst haben, dass die Hobby-Imkerei in Deutschland in einigen Jahren flächendeckend aufgeben muss? Welche langfristigen Folgen erwarten Sie für die Imkerei in Deutschland?
Assig: Ich denke nicht, dass die Hobby-Imkerei zum Erliegen kommt, aber sicherlich wird die Anzahl der Hobby-Imker etwas zurückgehen. 99 Prozent der Imker in Deutschland sind Hobby- und Nebenerwerbsimker, bei lediglich einem Prozent handelt es sich um Berufsimker.
LWZ: Die Asiatische Hornisse jagt ja nicht nur Honigbienen, sondern auch Wildbienen und andere Insekten. Welche ökologischen Folgen sehen Sie?
Assig: Ein Volk der Asiatischen Hornisse vertilgt im Jahr bis zu zwölf Kilogramm Insektenmasse, dabei handelt es sich zum Teil um Honigbienen, aber auch viele andere Insekten. Für unsere heimischen Vögel, aber auch für die Europäische Hornisse und die Wespen wird es dadurch wesentlich schwieriger, ausreichend Nahrung zu finden, und damit wird das gesamte Ökosystem weiter gestört.
LWZ: Was sollten Bürger über die Asiatischen Hornisse wissen, um weder in Panik zu verfallen noch die Situation zu unterschätzen? Kann sie Menschen gefährlich werden?
Assig: Asiatische Hornissen sind nicht aggressiver als die Europäische Hornissen. Sie greifen Menschen auch nicht an. Sie werden da gefährlich, wo man ihrem Nest zu nahekommt. Fühlen sie sich oder ihre Brut bedroht, verteidigen sie sich; wie übrigens auch unsere heimischen Wespen oder Hummeln.
LWZ: Was sollte man tun, wenn man glaubt, eine Asiatische Hornisse oder ein Nest entdeckt zu haben?
Assig: Wer ein Tier oder ein Nest entdeckt, fotografiert es und sendet das Foto zusammen mit der Angabe des Fundortes an das Meldeportal für Neobiota des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima NRW.
Das Gespräch führte Karen Hansmeier.




