
Lage. Die Geschichte beginnt mit der großen Umstellung von L-Gas auf H-Gas. H wie „High“. Das klingt nach Fortschritt, Innovation und Zukunft. Jedenfalls deutlich besser als L wie „Low“. Also erscheint ein Monteur der Stadtwerke, um meine Gastherme fit für die neue Hochleistungsära zu machen. Der Fachmann betrachtet das Gerät, greift beherzt zu und bricht den Zünder ab. Dann spricht er die Worte, die vermutlich schon Generationen von Handwerkern von den Lippen gekommen ist: „Nu isse kaputt.“
Daraufhin schließt er die Heizung ab, verschwindet und ward nicht mehr gesehen. Wenig später erhalte ich Post. Die Stadtwerke teilen mir mit, ich möge meine Heizung umgehend reparieren lassen. Andernfalls würden Techniker erscheinen und die Anlage stilllegen. Als Beweis verlangen sie ein Dokument: einen Schmierzettel, auf den alle möglichen Leute einen Namenszug platziert haben. Den werfe ich ins Altpapier. Ein großer Fehler: Nun drohen mir die Stadtwerke, meine Gasheizung abzustellen. Sollte ich den Technikern den Zutritt verweigern, werde die Gasleitung gekappt. Das hat etwas von einem schlechten Krimi: Erst beschädigt ein Unhold die Heizung, dann droht die Mafia dem Opfer mit Konsequenzen, falls es die Schäden nicht umgehend beseitigt.
Nach einigen Wochen unfreiwilligen Kältetrainings im wechselhaften April entschließe ich mich zur Flucht nach vorn und lasses eine Wärmepumpe einbauen. Sie steht nun gut sichtbar vor dem Haus und verrichtet zuverlässig und höchst nachhaltig ihren Dienst. Die Gastherme hingegen befindet sich im Ruhestand – genauer gesagt: in Einzelteile zerlegt auf dem Schrottplatz.
Damit hätte die Geschichte eigentlich enden können. Aber wir leben schließlich in Deutschland. Hier beginnt eine Geschichte erst richtig, wenn Formulare ins Spiel kommen. Obwohl ich kein Gas mehr verbrauche, wird der gewohnte Abschlag weiterhin abgebucht. Großzügig kündigt der Versorger sogar an, den nächsten Abschlag um zwei Euro zu reduzieren. Zwei Euro! Man möchte fast von einer Energiewendeprämie sprechen. Auf Nachfrage erklärt man mir, ohne ein „Abmeldungsprotokoll“ könne die Gasversorgung nicht beendet werden. Gasversorgung für eine Therme, die nicht mehr existiert.
Das wirft Fragen auf. Was genau ist ein »Abmeldungsprotokoll«? Ist es ein amtliches Dokument? Eine Urkunde? Ein mittelalterliches Pergament mit Wachssiegel? Muss es bei Vollmond von drei vereidigten Schornsteinfegern unterzeichnet werden? Ich könnte die ausrangierte Gastherme vor dem Kundencenter der Stadtwerke wieder zusammensetzen. Oder das aufgewahrte Display aus meinem Schuppen präsentieren. Alternativ ließe sich auf die Wärmepumpe vor dem Haus zeigen, die ungefähr so unauffällig ist wie ein Elefant auf einem Fahrrad.
Früher kamen die Mitarbeiter der Stadtwerke regelmäßig vorbei, um Zählerstände abzulesen. Zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten. Heute scheint bereits die Feststellung, dass eine Gastherme nicht mehr existiert, die organisatorischen Möglichkeiten zu übersteigen. Zuständig ist niemand. Oder alle. »Stadtwerke Lage», »Wesertal Netz«, vielleicht sogar der liebe Gott. Man weiß es nicht so genau.
Inzwischen frage ich mich, ob meine alte Gastherme vielleicht gar nicht verschwunden ist. Vielleicht spukt sie noch irgendwo im System herum. Als digitaler Untoter. Als Phantomverbraucher. Als Geist der Gasversorgung.




