Konzentriert, kreativ, voller Energie: Regisseurin Birgit Kronshage (Mitte) und Studenten der Opernschule erwecken das Werk Schritt für Schritt zum Leben. Foto: Karen Hansmeier

Detmold. Am Ende steht sie ganz allein da, umtost von Musik, die sich zu einer alles mit sich reißenden Flut erhebt. Während Cio-Cio-San das Kuscheltier ihres Kindes, das sie nie wieder halten wird, an sich presst, verdichten sich Aussichtslosigkeit und Klang zu einem einzigen, unerträglichen Moment. Und spätestens jetzt werden in allen Opernhäusern der Welt die Taschentücher gezückt.


Denn selbst wer um Giacomo Puccinis musikalische Macht weiß, ist vor ihrer Wirkung nicht gefeit. Der Besucher mag das Finale der „Madama Butterfly“ auswendig wissen, mag die Oper schon mehr als einmal durchlebt und durchlitten haben, unweigerlich steigen ihm die Tränen in die Augen, wenn sich die Protagonistin, umwogt von einem unerbittlich anschwellenden Fortissimo und bar jeder beschönigenden Melodie, ihrem Schicksal fügt.

Es gibt keine Erlösung am Schluss dieser Oper, noch nicht einmal Hoffnung. Nur den nackten, rohen Schmerz. Gebrochene Figuren allenthalben. Und einen brutalen Schlussakkord: der dissonante Aufschrei des Orchesters, mit dem der Komponist sein Publikum zurücklässt, derweil der Vorhang fällt.

Bevor es auf die große Bühne geht, wird intensiv in den Räumen der Hochschule geprobt: „Madama Butterfly“. Foto: Karen Hansmeier

So absurd es für Außenstehende vielleicht auch anmutet, macht genau das einen gelungenen Opernbesuch aus. Punktet der Abend zudem nicht nur mit großen Gefühlen, sondern auch noch mit exzellent dargebrachter musikalischer Qualität, ist das Opernglück perfekt. Gute Chancen darauf haben Besucher am Freitag, 26. Juni, um 19.30 Uhr, sowie am Sonntag, 28. Juni, um 18 Uhr, wenn die Opernschule der Hochschule für Musik (HfM) Detmold Puccinis Meisterwerk „Madama Butterfly“ auf die Bühne des Landestheaters Detmold bringt.

Jenseits schönen Schwelgens unter Kirschblüten

Die 1904 an der Mailänder Scala uraufgeführte tragische Liebesgeschichte um Cio-Cio-San und Pinkerton gehört zu den meistgespielten Opern weltweit. Sie erschüttert mit ihrem Realismus, mit dem die kulturellen Missverständnisse und ihre tödlichen Folgen aufgezeigt werden. Wobei Regisseurin Birgit Kronshage im Falle der Opernschulproduktion beim „Clash of Cultures“ besetzungsbedingt umdenken muss: Da die Studierenden aus aller Welt kommen, funktioniert das klassische Aufeinandertreffen von Europäern und Asiatinnen in dieser Form nicht. Die Story und die Kernelemente der Oper bleiben jedoch unberührt.

Um schönes Schwelgen unter Kirschblüten indes geht es Kronshage ohnehin nicht. Ihre Inszenierung bricht mit alten Klischees und dekonstruiert die romantisierte Vorstellung der Geisha-Kultur. Cio-Cio-San ist dabei kein exotisches Puppenmädel, sondern eine lebenserfahrene Kurtisane. Von der eigenen Mutter einst an einen clanartigen Familienring verkauft, vom amerikanischen Marineoffizier Pinkerton zynisch belogen und als käufliches Abenteuer missbraucht, ist sie Gefangene eines profitorientierten Systems, das menschliche Schicksale eiskalt monetarisiert. Ihre vermeintliche Liebe zu Pinkerton kann kein romantischer Traum sein, sondern ist die einzig denkbare Flucht- und Überlebensstrategie.

Wenn Liebe zum Trugbild wird

„Cio-Cio-San muss an die Lüge glauben, um nicht zu zerbrechen“, legt Kronshage dar. Denn nie ist etwas echt gewesen an diesem Japan, das Pinkerton und Butterfly zum Paar macht. Die Regisseurin überträgt das brüchige Konstrukt, das es von Anbeginn war, auf die Bühne: Mit behutsam angedeuteten „asiatischen Elementen“ kommt das Bühnenbild reduziert daher. Es ist kein behaglicher Ort. Sondern kahl. Trostlos.

Ein Bett, bewegbare Wände, Gitter. Die große, kreisrunde Öffnung in der Rückwand, die den Blick des Betrachters auf sich zieht. Dazu das Spiel mit Licht und Schatten, das, gepaart mit der feinsinnigen Personenführung und Puccinis intensiver Tonsprache, eindringliche Momente schafft: Der zahlende Amerikaner und die junge Frau. Der abenteuerlustige Yankee. Und die Japanerin, blind an Liebe von Dauer und ein besseres Leben glaubend. Es ist schwer zu ertragen, so viele Lügen und so viel Hoffnung. Pinkerton betrügt Butterfly von Anfang an, aber am tragischsten ist, dass sie sich bis zum bitteren Ende selbst belügt.

Mammutaufgabe und Herausforderung

Eine Geschichte, die komplexer und dramatischer nicht sein könnte. „Die Arbeit an Operninszenierungen ist ein zentraler und gleichzeitig sensibler Meilenstein in einer Gesangsausbildung“, erläutert Birgit Kronshage. „Insbesondere ein Werk wie ‚Madama Butterfly‘ stellt die jungen Sängerinnen und Sänger vor enorme physische und psychische Herausforderungen. Die Rolle der Cio-Cio-San etwa ist eine der längsten und kräftezehrendsten Partien der Operngeschichte. Sie steht ab ihrem Auftritt im ersten Akt fast ununterbrochen auf der Bühne. Mehr als zwei Stunden. Dazu ungefilterte Emotionen: Schmerz, Verzweiflung, Ekstase. Mit alledem müssen die Studierenden umgehen lernen.“

Nicht weniger intensiv taucht das Hochschulorchester in Puccinis „Tragedia Giapponese“ ein. Dirigent Fabio Vettraino und die Musiker loten die Raffinessen der Partitur aus, feilen an den feinziselierten musikalischen Details, arbeiten an der optimalen Entfaltung des instrumentalen Klangrausches, widmen sich den unaufdringlich eingefügten exotischen Elementen und spüren der Mischung der Vielzahl von Klangfarben nach.

„‚Madama Butterfly‘ ist ein Stück, das nur Verlierer kennt und nicht das kleinste bisschen Hoffnung lässt“, resümiert Brigit Kronshage versonnen und strahlt plötzlich dennoch über das ganze Gesicht: „Aber – das Werk ist wunderschön! Also hingehen, in Klang baden, mitleiden, weinen. Mehr Katharsis geht nicht.“

Eintrittskarten kosten 32, 26, 22, 16 Euro (Studenten/Schüler 16, 13, 11, 8 Euro). Erhältlich sind sie an der Theaterkasse des Landestheaters sowie unter landestheater-detmold.reservix.de. Einführungsvorträge um 18.45 Uhr (28. Juni) sowie um 17.15 Uhr (30. Juni) stimmen auf den Opernabend ein.