Selbst ein großes Spannband an der Lemgoer Straße im Kalletal hat bisher nicht zu dem von der Agentur Dostal versprochenen schnellen Erfolg des MVZ geführt. Am 2. September muss der Rat über ein weiteres 500.000-Euro-Darlehen abstimmen. Foto: Reiner Toppmöller

Kreis Lippe/Kalltal. Für die Ratsmitglieder des Kalletaler Rates geht es am 2. September wieder um das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ). Die Abstimmung über weitere Darlehen in Höhe von 500.000 Euro wurde auf der letzten Sitzung vor den Ferien auf Antrag der CDU und der UKB verschoben. Es gab noch zu viele Fragen, die beantwortet werden mussten. Inzwischen seien diese beantwortet, so die Verwaltung.


Aber nicht nur das. Die Ferienzeit wurde unter anderem von Udo Zippel, dem ehemaligen Kaufmännischen Vorstand von Eben-Ezer und Initiator des ersten Bürgerbegehrens für den Erhalt des MVZ Kalletal aus dem Januar, genutzt, um ein Schreiben an die Ratsmitglieder zu richten.

Darin spricht er von einer erfolgreichen Entwicklung des MVZ und dringender Notwendigkeit zum Erhalt. Die offiziellen Zahlen für die ärztliche Versorgung seien seit dem Bürgerbegehren im Bereich Lemgo/Kalletal noch schlechter geworden. Zippel behauptet weiter, dass einer von vier Arztplätzen in Hohenhausen aus Altersgründen in absehbarer Zeit wegfallen werde.

Anders als der Lemgoer Bürgermeister Markus Baier, der im LWZ-Interview von traumhaften Zuständen im Kalletal sprach und die Probleme mehr in seiner Stadt sieht, baut Zippel dort ein Angstszenario für das Kalletal auf, obwohl auch er weiß, dass es im Kalletal ausreichend junge niedergelassene Ärzte in eigenen Praxen gibt.

Er geht sogar noch einen Schritt weiter, behauptet, die Ratsmitglieder hätten beim Bürgerbegehren gewusst, dass noch weitere finanzielle Forderungen kommen würden, und droht nicht nur mit einem weiteren Bürgerbegehren, sondern im Falle der Insolvenz auch mit der persönlichen Haftung der Ratsmitglieder.

Weiter behauptet er, dass ein hoher finanzieller Verlust nicht nur auf die Gemeinde, sondern auch auf die Volksbank als Darlehensgeber zukäme, um letztlich die düstere Perspektive aufzubauen, dass es zukünftig nur noch einen Hausarzt in Hohenhausen gäbe. Am Ende fordert er, als an diesem Verfahren absolut Unbeteiligter, in der Sitzung Rederecht, um seine Position zu erläutern.

Bürgermeister Mario Hecker, dessen persönliches Ziel es zu sein scheint, das MVZ unter allen Umständen zu behalten, hat das Schreiben gemäß der Gemeindeordnung zu einer Vorlage gemacht (88/2026). Er schreibt darin, dass alle von der CDU geforderten Anregungen umgesetzt worden seien, und betont ebenfalls, dass die Entscheidung aus dem Januar in Kenntnis des weiteren Liquiditätsbedarfs getroffen sei.

Er spricht vom Grundsatz des ”Treu und Glauben” und von widersprüchlichem Verhalten, wenn es zu einer negativen Entscheidung komme. Neue Abrechnungszahlen legt er aber nicht vor, sondern spricht von einer Zunahme der eingetragenen Patienten. Offensichtlich hat er den Rat seines möglichen neuen Geschäftsführers, dem ehemaligen Landrat des Kreises Herford, Jürgen Müller, immer noch nicht beherzigt, der ihm im LWZ-Interview davon abgeraten hatte und schon damals sagte, es zählten nur Abrechnungszettel.

Müller äußerte sich in einem erneuten Gespräch mit der LWZ und sagte, dass seiner Meinung nach eine bessere Wirtschaftlichkeit erreicht sei. Den Grund sieht er aber nicht in einer höheren Patientenzahl, sondern darin, dass wesentliche Teile des Gebäudes, wie er sagt, abgemietet wurden und durch die zusätzliche Ansiedlung einer Zahnarztpraxis die Kosten gesenkt werden könnten.

Auch könnte eine halbe Arztstelle unter Umständen weitere Kosten senken. Im Gespräch ist dort die Übernahme der Kosten durch eine große soziale Einrichtung am Rande des Kalletals. Gibt es dort möglicherweise eine Verbindung zum ehemaligen Arbeitgeber des sich so einsetzenden Initiators des Bürgerbegehrens?

Neu aufgekommen ist jetzt auch seit einigen Wochen die Diskussion um das ehemalige Ziegeleigelände. Dort baut der Bürgermeister ein Szenario auf, das grundsätzlich ausgehend vom MVZ nicht nur einen großen Lade-Hub für E-Autos, sondern auch eine Einzelhandelsentwicklung auf dem Gelände vorsieht. Wohnbebauung, ja sogar Freizeitmöglichkeiten am Baggerloch seien möglich. Alles jedoch im Konjunktiv und abhängig davon, dass das MVZ bestehen bleibt.

Wer seine öffentlichen Äußerungen richtig liest, sieht auch dort, wie schon bei Udo Zippel, wie ein enormer Druck aufgebaut wird, unter dem die Ratsmitglieder am 2. September abstimmen sollen.

Gänzlich neu ist hingegen die KI-unterstützte Werbung des Bürgermeisters auf seiner Facebook-Seite. Dort schreibt er, der Bedarf im Kalletal sei von der Landesregierung früh erkannt worden. Jetzt also doch nur seine Gemeinde und nicht der KV-Bereich Lemgo/Kalletal? Er spricht die Förderung an, die gekommen sei, weil die Ärzteschaft alt oder nicht da sei. Dies war möglicherweise zum Zeitpunkt des Förderantrags so, also eine temporäre Erscheinung, ist aber inzwischen längst überholt.

Für die ehrenamtlichen Ratsmitglieder ist eine neutrale Beurteilung der Sache längst nicht mehr möglich. Dies hat schon die Vergangenheit gezeigt, in der einzelne Personen persönlich direkt angegriffen wurden und die Fraktion der UKB sogar vor Gericht gezerrt wurde.

Und wie das Spiel läuft, muss jetzt möglicherweise auch Jürgen Müller, der nach eigenen Aussagen bisher kein Honorar für seine Tätigkeit erhalten habe, erfahren: Laut LWZ-Informationen gibt es eine Bewerberin für die Stelle der Geschäftsführerin.