
Lage. Drei Generationen Vereinsgeschichte und jede Menge Leidenschaft für kleine Loks: Die „Eisenbahnfreunde Lippe“ sind längst mehr als eine Gruppe von Menschen, die gerne kleine Züge im Kreis fahren lässt.
Im Verein treffen Eisenbahngeschichte, Technik, Modellbau und Nachwuchsarbeit aufeinander. Und zwar im schicken und originellen Vereinsheim im historischen Bahnhof Ehlenbruch. Im LWZ-Gespräch berichtet der Vereinsvorsitzende Dirk Schneider über Ausstellungen, Kalender, Rangierdiplome, Modellbahnbasare und die große Faszination für die kleine Welt.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Herr Schneider, wie kann man sich eigentlich stundenlang mit etwas beschäftigen, das kaum größer ist als ein Schuhkarton?
Dirk Schneider: Die Modellbahn ist viel mehr als eine Lok auf Schienen. Man baut eine komplette Welt. Da gibt es Bahnhöfe, Landschaften, Häuser, Straßen, Brücken, Signale und natürlich die Züge. Und alles muss funktionieren.
LWZ: Was heißt „klein“? Sie haben zu Anlässen wie dem „Haferbachfest“ in Kachtenhausen eine Anlage aufgebaut, die ein ganzes Bierzelt gefüllt hätte.
Schneider (lacht): So groß war’s dann doch nicht. Aber „klein“ ist hier wirklich relativ. In manchen Anlagen steckt so viel Arbeit, dass man vermutlich schneller ein Einfamilienhaus baut.
LWZ: Sie veranstalten regelmäßig Modellbahnbasare und Ausstellungen, die Besucher auch von weit her in ganzen Hundertschaften anziehen. Was macht diese Veranstaltungen so erfolgreich?
Schneider: Die Mischung. Die Besucher kommen nicht nur, um etwas zu kaufen. Sie wollen Fahrbetrieb sehen, sich informieren, fachsimpeln und Leute treffen, die genauso verrückt nach der Eisenbahn sind wie sie selbst.
LWZ: Dazu gehört das „Eisenbahnrangierdiplom“. Was muss man dafür können?
Schneider: Vor allem denken! Die Aufgabe sieht zunächst ganz einfach aus: Eine Last muss mit der Lok von A nach B gebracht werden, eine andere von B nach A. Dann kommt aber der Haken: Die Lok passt durch einen Tunnel, die Waggons nicht. Also muss man rangieren, kuppeln, die richtige Reihenfolge finden und ein bisschen tüfteln.
LWZ: Und wenn das nicht klappt?
Schneider: Dann gibt’s das Diplom auch nicht. Ich kann Ihnen sagen: Die Kinder nehmen das ziemlich ernst. Da wird nicht einfach nur gespielt. Da wird richtig konzentriert gearbeitet. Aber Hand aufs Herz: Wir sind keine Unmenschen und lassen gern auch mal fünfe gerade sein.
LWZ: Jugendarbeit hat im Verein einen hohen Stellenwert. Die Jugendgruppe hat kürzlich ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Was ist das Ziel Ihrer Jugendarbeit? Nachwuchs für den Verein gewinnen?
Schneider: Natürlich freuen wir uns über jedes neue Mitglied. Aber es geht um mehr. Beim Modellbau lernen die Jugendlichen räumliches Denken, Technik, Feinmotorik und Teamarbeit. Und sie merken: Wenn mehrere Leute an einer Anlage arbeiten, muss man sich absprechen. Das ist für uns sehr wertvoll.
LWZ: Herr Schneider, Sie präsentieren auch regelmäßig einen Kalender mit Eisenbahnmotiven. Warum ist er so gefragt?
Schneider: Unsere Kalender zeigen historische und aktuelle Eisenbahnmotive aus Lippe. Bald erscheint er zum fünften Mal. Da sind ganz unterschiedliche Fahrzeuge dabei, vom Akkutriebwagen aus den 1960er-Jahren bis zum ICE. Auch Bahnhöfe und Landschaften spielen eine Rolle.
LWZ: Also nicht nur etwas für eingefleischte Eisenbahnfans?
Schneider: Nein, wir versuchen, Eisenbahngeschichte zu zeigen. Viele Motive sind heute gar nicht mehr möglich, weil sich die Landschaft oder die Bahnhöfe verändert haben. Einige Gebäude sind schon lange nicht mehr vorhanden. Manche Bilder sind deshalb kleine historische Dokumente.
LWZ: Was macht ein gutes Eisenbahnfoto aus?
Schneider: Das Motiv und der richtige Moment. Ein Zug allein ist noch kein gutes Bild. Interessant wird es durch die Umgebung, das Licht und die Geschichte, die dahintersteckt.
LWZ: Wie wichtig ist die Eisenbahngeschichte für Ihren Verein?
Schneider: Sehr wichtig. Wer sich mit Eisenbahnen beschäftigt, beschäftigt sich automatisch mit Geschichte. Bahnhöfe, Strecken und Fahrzeuge erzählen viel über die Entwicklung einer Region.
LWZ: Bei Ihren Veranstaltungen gibt es neben Zügen und Modellanlagen auch Kaffee, Kuchen und Würstchen. Gehört das inzwischen zum Eisenbahn-Hobby dazu?
Schneider (lacht): Unbedingt. Jede Ausstellung bei uns erfordert Zeit und Muße und macht hungrig. Wir haben eine bewährte Service-Crew. Die Besucher sollen sich bei uns wohlfühlen. Eine familiäre Atmosphäre gehört einfach dazu.
LWZ: Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Eisenbahnfans und Modellbahnfans?
Schneider: Eigentlich nicht. Der eine interessiert sich mehr für die große Bahn, der andere für die kleine. Aber irgendwann treffen sich die Interessen. Wer einmal richtig mit dem Modellbahnvirus infiziert ist, ist meistens ohnehin nicht mehr zu retten.
LWZ: Was fasziniert Sie persönlich nach all den Jahren noch immer an der Eisenbahn?
Schneider: Die Kombination aus allem. Technik, Geschichte, Kreativität und Gemeinschaft. Und natürlich der Moment, wenn nach stundenlanger Arbeit die Lok losfährt und alles so funktioniert, wie man es geplant hat.
LWZ: Was würden Sie jemandem sagen, der noch nie mit Modellbahn zu tun hatte?
Schneider: Einfach mal vorbeikommen. Anschauen, Fragen stellen und sich überraschen lassen. Wer behauptet, Modellbahn sei nur etwas für Kinder, hat vermutlich noch nie eine richtig gute Anlage gesehen. Wer sich einmal in eine Lok verliebt hat, ist für das Auto als einziges Verkehrsmittel ohnehin verloren.
Das Gespräch führte Hajo Gärtner.







