
Kreis Lippe/Bielefeld. Wie können Fachkräfte in Zeiten tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen in der Region gehalten, Beschäftigte gezielt weiterqualifiziert und Arbeitslosigkeit möglichst vermieden werden?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt der vierten Arbeitsmarktkonferenz des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums, zu der Arbeitsminister Karl-Josef Laumann am Freitag, 9. Oktober, Vertreter von Unternehmen, Sozialpartnern, Wirtschaftsorganisationen sowie weitere Arbeitsmarktakteure nach Bielefeld eingeladen hatte.
Die Veranstaltung ist Teil einer landesweiten Konferenzreihe, mit der das Ministerium die Entwicklungen auf den regionalen Arbeitsmärkten Nordrhein-Westfalens analysieren und gemeinsam mit den Beteiligten konkrete Lösungsansätze erarbeiten will. Im Fokus der Gespräche standen die Auswirkungen von Digitalisierung, Automatisierung und wirtschaftlichem Strukturwandel auf Beschäftigung und Qualifizierungsanforderungen.
„Der Arbeitsmarkt in Nordrhein-Westfalen ist regional sehr unterschiedlich. Mir ist es deshalb wichtig, vor Ort mit Unternehmen, Beschäftigten und den weiteren Akteuren über ihre spezifische Situation und ihre Bedürfnisse zu sprechen. Ich will wissen: Wo gibt es Probleme und welche genau, aber auch, wo Chancen und Wachstumspotential liegen. Nur so können wir zu konkreten Ergebnissen kommen, was wir gemeinsam anpacken können – für einen Arbeitsmarkt, der Beschäftigten und Unternehmen Perspektiven bietet“, erklärte Arbeitsminister Karl-Josef Laumann.
Wirtschaftsstarke Region im Wandel
Ostwestfalen-Lippe gilt als wirtschaftsstarke Region mit einer ausgeprägten industriellen Basis und einem leistungsfähigen Mittelstand. Gleichzeitig stehen zahlreiche Betriebe vor tiefgreifenden Transformationsprozessen. Digitalisierung und Automatisierung, veränderte Produktionsabläufe sowie wirtschaftlicher Anpassungsdruck verändern Tätigkeitsprofile und Kompetenzanforderungen.
Nach Angaben des Ministeriums sind in Ostwestfalen-Lippe rund 891.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen stieg die Beschäftigung gegenüber dem Vorjahr um rund 3.000 Personen beziehungsweise 0,3 Prozent. Überdurchschnittliche Zuwächse verzeichneten insbesondere der Kreis Gütersloh mit 1,5 Prozent sowie der Kreis Lippe mit 1,2 Prozent.
Gleichzeitig bleibt die Industrie ein zentraler Pfeiler der regionalen Wirtschaft. Knapp 240.000 Menschen arbeiten im verarbeitenden Gewerbe. Damit entfällt mehr als jeder vierte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz in Ostwestfalen-Lippe auf diesen Bereich.
Trotz des leichten Gesamtwachstums gingen innerhalb eines Jahres jedoch rund 1.500 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren. Laumann betonte die Notwendigkeit, Strukturwandel und Fachkräftesicherung stärker miteinander zu verknüpfen.
„Die Beschäftigung in Ostwestfalen-Lippe ist im vergangenen Jahr leicht gestiegen. Gleichzeitig spürt diese starke Industrieregion den wirtschaftlichen und technologischen Wandel besonders. Teil dieser Entwicklung ist, dass Unternehmen geeignete Fachkräfte suchen. Wir müssen diese beiden Seiten des Arbeitsmarktes zusammenbringen. Wenn in einem Betrieb Stellen wegfallen, müssen wir frühzeitig klären: Welche Fähigkeiten bringen die Beschäftigten mit, was müssen sie dazulernen und wo werden sie gebraucht? Unser Ziel muss sein, Übergänge von Arbeit in Arbeit zu ermöglichen, bevor Arbeitslosigkeit entsteht. Dafür brauchen wir heute konkrete Verabredungen zwischen Unternehmen, Arbeitsverwaltung und regionalen Partnern.“
Qualifizierung als Schlüsselthema
Für die Bundesagentur für Arbeit steht dabei vor allem die berufliche Bildung im Mittelpunkt. Dirk Strangfeld, Geschäftsführer der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen, verwies auf die Veränderungen der Arbeitswelt und die wachsende Nachfrage nach spezialisierten Qualifikationen.
„Ostwestfalen-Lippe ist traditionell eine starke Wirtschaftsregion. Dennoch zeigt sich, dass immer mehr Unternehmen Beschäftigung abbauen und gleichzeitig händeringend gefragte Fachkräfte suchen. Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, ist ein typisches Merkmal eines sich wandelnden Arbeitsmarktes“, sagte Strangfeld.
In einer zunehmend komplexen Arbeitswelt werde immer spezifischeres Fachwissen benötigt. Die Arbeitsagentur könne Unternehmen, Beschäftigte und Arbeitssuchende dabei durch Beratung und Förderangebote unterstützen. Der Austausch mit den Arbeitgebern liefere wichtige Hinweise darauf, wie Ausbildungs- und Qualifizierungsangebote künftig gestaltet werden müssten.
Handwerk setzt auf moderne Bildungsangebote
Auch das Handwerk sieht in einer leistungsfähigen Bildungsinfrastruktur einen entscheidenden Faktor für die Fachkräftesicherung. Peter Eul, Präsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe, verwies auf den Ausbau der Bildungsstätten in der Region.
Als Beispiel nannte er den Campus Handwerk in Bielefeld, der mit Unterstützung der Landesregierung deutlich erweitert werde. Das Bildungsangebot richte sich nicht nur an junge Menschen aus Bielefeld und Ostwestfalen-Lippe, sondern strahle auch weit über die Region hinaus aus.
DGB fordert bessere Rahmenbedingungen
Aus Sicht der Gewerkschaften reicht Fachkräftesicherung jedoch über Ausbildung und Qualifizierung hinaus. Clea Stille von der DGB-Region Ostwestfalen-Lippe machte deutlich, dass attraktive Arbeits- und Lebensbedingungen entscheidend seien, um Beschäftigte langfristig in der Region zu halten.
Sie sprach sich für eine stärkere Tarifbindung, bessere Ausbildungsbedingungen sowie den konsequenten Kampf gegen die Ausbeutung von Beschäftigten aus. Gleichzeitig seien bezahlbarer Wohnraum, eine gut ausgebaute Infrastruktur sowie verlässliche Betreuungsangebote für Kinder und pflegebedürftige Angehörige wichtige Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit der Region.
Teil der Fachkräfteoffensive NRW
Die Arbeitsmarktkonferenzen finden in insgesamt sechs Arbeitsmarktregionen Nordrhein-Westfalens statt: im Bergischen Land, im Rheinland, im Ruhrgebiet, in Ostwestfalen-Lippe, in Südwestfalen und im Münsterland. Organisiert werden die Veranstaltungen gemeinsam mit der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.
Ziel ist es, Veränderungen am Arbeitsmarkt frühzeitig zu erkennen und gemeinsam konkrete Maßnahmen zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei Themen wie Ausbildung, Qualifizierung und Weiterbildung, Fachkräftesicherung, Beschäftigtentransfer sowie die bessere Verzahnung bestehender Unterstützungs- und Vermittlungsangebote für arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen.
Die Arbeitsmarktkonferenz für Ostwestfalen-Lippe wurde von der Regionalagentur OWL organisiert und ist Teil der Fachkräfteoffensive NRW.





