
Lage. Wer in der Werre baden will, sollte gut schwimmen können. Und wer versucht ist, das Werre-Wasser zu trinken, sollte vorher vielleicht einen Schluck Vernunft zu sich nehmen. Denn so idyllisch der Fluss auch durch Lage plätschert: Zum Mineralwasser aus dem Hahn reicht es bei weitem nicht. Wie es um die Wasserqualität tatsächlich bestellt ist, wissen die Zehntklässler der Freiligrath-Realschule. Sie haben der Werre gründlich auf den Zahn gefühlt – wobei Zähne im Wasser natürlich nicht unbedingt die beste Untersuchungsmethode sind. Deshalb gibt es Pipetten und Co.
Die Schüler haben die Gewässerqualität an verschiedenen Stellen akribisch untersucht und ihre Ergebnisse in einem Powerpoint-Vortrag präsentiert. Doch damit nicht genug: Ihre Erkenntnisse sollen den bestehenden Werre-Lehrpfad rund um den Werreanger bereichern. Etwa zwölf Informationstafeln stehen da bereits, weitere 13 sind geplant. Macht zusammen 25 Stationen, an denen Spaziergänger nicht nur frische Luft schnappen, sondern auch ihren Wissensdurst löschen können.
Eine gewöhnliche Tafel ist das, was die jungen Gewässerexperten produziert haben, nur im weitesten Sinne. Die Schüler haben vielmehr kleine interaktive Kunstwerke geschaffen. Hier lässt sich ein Info-Würfel drehen, dort ein verborgenes Fach aufklappen. Wer mehr wissen will, darf also nicht nur lesen, sondern muss auch Hand anlegen. Biologielehrer Wolfgang Sommsen erklärt das Prinzip so: »Wir setzen von der Kreativität der Schüler um, was möglich ist.« Deren Fantasie kennt kaum Grenzen – das Budget leider schon. Bis zu 3000 Euro kann ein solches Schmuckstück kosten. Da muss auch die kreativste Idee erst einmal durch den finanziellen Filter.
Unterstützung bekommt die Schule von der Stadt und dem Werre-Wasserverband. Dessen Geschäftsführer Steffen Venaas und Sven Anders, Fachteamsleiter für Stadtentwicklung und Wasserwirtschaft, zeigten sich bei der Projektvorstellung ebenso beeindruckt wie der Reporter der Lippischen Wochenzeitung. Die Schüler hatten schließlich nicht nur hübsche Tafeln im Kopf, sondern handfeste Forschungsergebnisse im Gepäck.
Für die Bewertung der Wasserqualität haben sie unter anderem die tierischen Bewohner der Werre unter die Lupe genommen. Der Bachflohkrebs etwa fühlt sich in sauerstoffreichem Wasser sauwohl und gilt als guter Indikator für dessen Qualität. Der Schlauchröhrenwurm dagegen genießt eher das schlammige Milieu und deutet auf weniger erfreuliche Verhältnisse hin. Auch im Fluss gilt also: Nicht jeder Mitbewohner ist ein Gütesiegel.
Die Bestnote, Gewässergüteklasse 1, erreicht die Werre nicht. In einem solchen Gewässer könnten sich sogar Lachse auf ihrer Wanderung wohlfühlen. Davon ist der Fluss in Lage noch ein Stück entfernt. An einzelnen Stellen kommen die Messungen mit Werten um 3,8 sogar in die Nähe der schlechtesten Klasse 4. Im Durchschnitt fließt die Werre aber zwischen den Güteklassen 2 und 3. Das ist nicht katastrophal, aber eben auch kein Grund, schon einmal den Liegestuhl am Flusslauf aufzustellen.
Steffen Venaas ordnet die Ergebnisse sachlich ein: Die Wasserqualität sei nicht besonders gut, aber auch kein Anlass zur Verzweiflung. Sven Anders ergänzt, dass sich der Zustand ohne die Bemühungen von Stadt und Wasserverband, schädliche Einleitungen einzudämmen, in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert hätte. Die Arbeit an der Werre ist also noch lange nicht erledigt. Ein Fluss wird schließlich nicht allein dadurch sauber, dass man ihm freundliche Informationstafeln ans Ufer stellt.
Immerhin: Die Schüler zeigen, wie Gewässerschutz anschaulich und verständlich werden kann. Stadt und Wasserverband loben die Initiative als produktiv und wegweisend. Die Werre wird damit zum Freiluftklassenzimmer, in dem die Schüler Naturkunde direkt vor der Haustür erleben können.
Und wer künftig am Werreanger spazieren geht, kann sich auf unterhaltsame Weise schlau machen. Ob Bachflohkrebs, Schlauchröhrenwurm oder Wasserqualitätsindex: Nach der Lektüre der neuen Tafeln weiß Mensch womöglich mehr als mancher Fisch. Nur eines sollte man sich verkneifen: den Wissenstest mit einem kräftigen Schluck Werre-Wasser abzuschließen.
»Das ist jetzt nicht supertoll«, erläutert Sven Anders, »aber auch kein Grund zur Verzweiflung«. Steffen Venaas fügt an, dass sich die Wasserqualität in den zurückliegenden Jahren deutlich verschlechtert hätte, wenn Stadt und Wasserverband sich nicht so ins Zeug gelegt hätten, schlechte Einflüsse (Einleitungen) einzudämmen. Anders hebt hervor, dass die Beziehungen zu den Landwirten gut geworden sind, die im eigenen Interesse dafür sorgen wollen, dass nicht zu viel Ackerboden in die Werre abgeschwemmt wird. Weniger Acker ist genau so schlecht wie mehr Schlamm in der Werre. »Die Werre ist kein sehr gutes Gewässer, aber ganz okay«, fassen die Fachleute nach den Schüler-Präsentationen zusammen und beurteilen die Initiative des Gewässer-Lehrpfads als »produktiv und wegweisend«.






