Zügellos und glitzernd: Die Welt der 1920er-Jahre auf der Bad Salzufler Bühne. Foto: Reiner Toppmöller

Bad Salzuflen. Man sagt, Geschichte wiederhole sich nicht. Und doch erinnert die heutige Zeit auf bemerkenswerte Weise an die gesellschaftlichen und politischen Spannungen vor 100 Jahren.


Mit „Glanz auf dem Vulkan“ gastierte kürzlich in der Bad Salzufler Konzerthalle eine ebenso vitale wie zeitgeistige Tanz- und Musikrevue, die das Lebensgefühl der 1920er-Jahre eindrucksvoll auf die Bühne brachte. Eine Ode an die aus den Fugen geratene Gesellschaft in Berlin, dieser so oft geschundenen Stadt, und das ausufernde Leben vor dem Hintergrund aufkommender grausiger Zeiten.
Vergleichbar mit heute? Warum nicht? Der Kontrollverlust der Regierenden, die aufkommende Dunkelheit, das Gewinnen der politischen Ränder und die Menschen, denen das alles egal zu sein scheint.
Auf der Bühne, jenes zügellose Leben, das laut und bunt gezeigt wird. Wo auch immer wieder der Tod in seinen vielen Facetten mitspielt („Weil ich weiß, dass ich sterben muss. Das gibt mir die Kraft, zu leben.“). Dazu der Hinweis auf das Ende der Weimarer Republik, das Ansteigen der Kriminalität und die Hoffnung, Jahr für Jahr, dass es besser wird, bis dann der Krieg alles zu Nichte machte.
Am Ende der Vergleich nach dem Lied „Schwarze Augen“, das von einem Deutschen geschrieben und textlich von einem Ukrainer stammen soll, und die Aufforderung, endlich mit diesem sinnlosen Krieg aufzuhören. Schließlich der Hinweis auf die Welt, die damals wie heute in Flammen steht, und keiner weiß, wie es weitergehen wird.
Hell, laut und im schnellen Wechsel ist das Treiben jener Zeit, nicht nur auf der Bühne, und treibt Babylon unaufhaltsam in die Apokalypse.

Barbusige Frauenkörper und schrille Typen täuschen über den Ernst der Lage hinweg. Jeder kennt nur noch sich. So wie heute?

Eine stimmgewaltige Evi Niessner führt als Conférenciere durch das Programm und gibt hin und wieder Hinweise auf die sterbende Republik oder den unsäglichen Krieg in der Ukraine.

Was alles könnte man hineininterpretieren, wäre da nicht die großartige Show von Evi Nissner und Mr. Leu, die zusammen mit ihrer Band „The Glanz“ und einem internationalen Ensemble die Konzerthalle im Kurpark am Ende zu stehendem Applaus animiert.

In der Abendshow „Glanz auf dem Vulkan“ trifft Kabarett auf Charleston, Livemusik auf Tanz, Artistik auf Humor und ein bisschen Frivolität: Willkommen im Berlin der wilden 1920er-Jahre.

Mit Charleston, Tango, Jazz, Ballett und Modern Dance sowie dem authentischen 20er-Jahre-Sound und aufwendigen Kostümen sowie spektakulärem Licht- und Videodesign geht es auf eine rasante Reise zwischen Rausch und Realität: Bohème und Dandys, Cabaret und Revue. Ein Abend, energiegeladen, exzentrisch und garantiert nicht langweilig.

Da dürfen auch Songs wie „Cabaret“ oder „Minnie the Moocher“ nicht fehlen, mit denen die Künstler auch zum gemeinsamen Singen der gut gefüllten Konzerthalle auffordern.

Am Ende vor dem großen Finale noch der nachdenkliche Hinweis der glitzernden Conférenciere, wie lebhaft die 1920er-Jahre waren, bevor die große Dunkelheit kam: „Wir stehen wieder kurz davor, lasst uns feiern für unsere Demokratie.“