
Kreis Lippe/Kiew. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 steht der Alltag in der Ukraine unter permanentem Ausnahmezustand. Luftalarme, zerstörte Infrastruktur und die ständige Sorge um Angehörige prägen das Leben vieler Menschen, auch in der Hauptstadt Kiew.
Einer von ihnen ist Denys Drachkov: Der 48‑Jährige, Vater von zwei Kindern mit familiären Verbindungen nach Lippe, lebt und arbeitet dort und bezeichnet sich selbst als „ganz durchschnittlichen Ukrainer“. Im Gespräch mit der LIPPISCHEN WOCHENZEITUNG schildert er, wie sehr sich sein Leben seither verändert hat, zwischen Improvisation im Alltag, psychischer Belastung und dem festen Willen, durchzuhalten.
Seine Antworten geben nicht nur einen persönlichen Einblick in den Kriegsalltag, sondern zeigen auch, wie tief der Konflikt die Gesellschaft prägt und welche Hoffnungen und Erwartungen mit Blick auf internationale Unterstützung und ein mögliches Kriegsende verbunden sind.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Wie sieht Ihr Alltag in Kiew derzeit aus und was hat sich im Vergleich zu früher am stärksten verändert?
Denys Drachkov: Vieles ist schwieriger geworden: Stromausfälle gehören inzwischen zum Leben, deshalb sind Generatoren, Batterien und Powerbanks allgegenwärtig. Wenn die Infrastruktur angegriffen wird, fehlen Heizung, Wasser und Strom, aber wir haben gelernt, damit umzugehen. Es gibt sogenannte „Unbreakable Points“ („Unbesiegbarkeitspunkte“), also Orte, an denen man sich aufwärmen, Geräte aufladen oder etwas Warmes trinken kann. Die Gesellschaft ist sehr solidarisch und widerstandsfähig. Schon seit der Sowjetzeit sind viele Menschen an Entbehrungen gewöhnt, und auch die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie haben uns darauf vorbereitet.
LWZ: Was belastet die Menschen in der Ukraine derzeit am meisten?
Drachkov: Aus meiner Sicht ist die mentale Gesundheit mittlerweile eines der größten Probleme. Stressbedingte Erkrankungen nehmen zu. Seit mehr als vier Jahren verfolgen wir jeden Tag und jede Nacht Nachrichten über Angriffe, über Tote und Verletzte. Selbst wenn Kiew gerade nicht betroffen ist, werden andere Städte getroffen, etwa Charkiw, Odessa, Dnipro, Poltawa oder auch Städte im Westen wie Lwiw oder Luzk. Es gibt kaum jemanden, der nicht ständig an die Lage an der Front denkt. Jeder macht sich Sorgen um die Stärke unserer Armee und verfolgt auch die diplomatischen Entwicklungen sehr genau, gerade seit dem vergangenen Jahr.
Aber die Einschränkungen im Alltag sind nichts im Vergleich zu dem, was unsere Soldaten an der Front erleben. Wir wissen, dass wir diesen Preis zahlen müssen, es geht um unsere Existenz und unsere Zukunft. Deshalb halten wir durch.
LWZ: Welche Auswirkungen haben Luftalarme und Angriffe konkret auf Arbeit, Schule und Familienleben?
Drachkov: Die Auswirkungen des Krieges betreffen alle Lebensbereiche. Meine Tochter macht in diesem Jahr ihr Abitur. 2022 fand ihr Unterricht noch komplett im Fernstudium statt, weil die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte. Heute gibt es zwar wieder Präsenzunterricht, aber von Normalität kann keine Rede sein: Es kommt vor, dass die Schüler ein-, zwei- oder sogar dreimal am Tag wegen Luftalarms in den Schutzbunker müssen. Das beeinträchtigt den gesamten Lernprozess erheblich.
Ähnliche Einschränkungen gibt es im Arbeitsalltag. Während der Luftalarme suchen viele Menschen Schutz, etwa in U-Bahn-Stationen, Kellern oder Bunkern. Manche suchen sich inzwischen keinen Schutz mehr, weil sie sich an die Situation gewöhnt haben. Andere dagegen haben große Angst und verbringen auch nachts Zeit in Schutzräumen. Diese ständige Anspannung führt zu der bereits angesprochenen enormen psychischen Belastung.
Trotzdem haben wir keine Wahl: Wir müssen weiterarbeiten, Steuern zahlen und unsere Armee unterstützen. Uns ist allen bewusst, dass es um die Existenz unseres Landes geht. Ohne diesen Einsatz würde es die Ukraine und unsere Identität nicht mehr geben. Dieses Bewusstsein ist in allen Teilen der Gesellschaft stark gewachsen.
LWZ: Gibt es dennoch Momente von Normalität und wie sehen diese aus?
Drachkov: Ja, die gibt es. Für mich bedeutet Normalität vor allem, dass die Menschen leben und gesund sind. Zerstörte Gebäude oder Autos kann man wieder aufbauen, entscheidend ist, keine Freunde, Nachbarn, Kollegen oder Familienmitglieder zu verlieren.
Man darf außerdem nicht vergessen, dass dieser Krieg für uns nicht erst 2022 begonnen hat. In gewisser Weise dauert er schon seit 2014 an, seit der Annexion der Krim und den Kämpfen im Donbass. Viele haben deshalb früh gelernt, was von Russland zu erwarten ist, auch wenn ich persönlich niemals geglaubt hätte, dass es 2022 zu diesem großangelegten Angriff kommen würde.
In der Ukraine sind wir mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Krieg etwas Schreckliches ist. Niemand hier will Krieg führen. Deshalb halte ich es für falsch, wenn im Ausland gelegentlich ein anderes Bild vermittelt wird, als wollten die Ukrainer den Krieg nicht beenden. Dieser Eindruck entspricht nicht der Realität. Für uns ist klar: Dieser Krieg dauert seit mehr als zehn Jahren an, mit einer besonders intensiven Phase seit Februar 2022, und bestimmt bis heute unser gesamtes Leben.
LWZ: Wann haben Sie erstmals realisiert, dass sich Ihr Leben dauerhaft verändern wird? Und was war für Sie persönlich die schwierigste Situation seit Beginn des Krieges?
Drachkov: Da waren natürlich die Bilder von Panzern und geflüchteten Menschen auf den Straßen. Besonders eindrücklich war auch der erste laute Knall von einschlagenden Raketen, das war schon heftig und ging über das hinaus, was man sich vorgestellt hat.
Die persönlich schwierigste Situation zu Beginn des Krieges war für mich der Moment, als wir unser Haus verlassen mussten. Wir wollten unsere Tochter in den Westen der Ukraine zu meinen Eltern bringen. Dabei war immer der Gedanke präsent, dass wir vielleicht nicht mehr zurückkehren würden. Besitz und Eigentum spielten plötzlich keine Rolle mehr, entscheidend war nur, unsere Tochter in Sicherheit zu wissen.
LWZ: Ein Teil Ihrer Familie lebt im Kreis Lippe. Wie halten Sie Kontakt, und was bedeutet diese Verbindung für Sie?
Drachkov: Im Familienkreis halten wir natürlich Kontakt, auch wenn persönliche Reisen derzeit leider nicht möglich sind. Zum Glück gibt es heute WhatsApp oder FaceTime, sodass man wenigstens per Video kommunizieren kann.
Wenn ich das mit früher vergleiche: In der Sowjetunion gab es oft nicht einmal Telefone zu Hause. Man musste zum Hauptpostamt fahren, ein Ferngespräch anmelden und dann bis zu einer Stunde warten, bis die Verbindung hergestellt wurde. Dann hieß es von der Vermittlung: Jetzt ist die Stadt dran, und man hatte vielleicht zehn Minuten Gespräch, bevor man wieder nach Hause fuhr.
So bleiben unsere Verwandten, mein Bruder und unsere Familien uns nahe, nicht physisch, aber im Herzen. Sie machen sich große Sorgen um die Ukraine, helfen, spenden und unterstützen verschiedene Hilfsorganisationen aus Deutschland oder anderen Ländern.
LWZ: Gab es Überlegungen, selbst nach Deutschland zu gehen?
Drachkov: Meine Frau und ich wollten unser Land nicht verlassen. Es ist allerdings so, dass viele Menschen, auch aus dem vergleichsweise sicheren Westen der Ukraine, bereits früh ins Ausland gegangen sind. Ich habe erlebt, dass sich manche in Deutschland gewundert haben, dass dort geflüchtete Menschen mit Autos und gepflegtem Auftreten angekommen sind. Aber das sind keine sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, sie hatten ein Leben, Besitz, Perspektiven, mussten aber um ihr Leben fürchten.
LWZ: Haben Menschen aus Ihrem persönlichen oder erweiterten Umfeld ihre Heimat verlassen müssen?
Drachkov: Ja, leider kenne ich konkrete Fälle, die zeigen, wie allgegenwärtig die Gefahr ist. Verwandte meiner Frau in Mariupol, ein älteres Ehepaar, mit dem wir zunächst noch Kontakt hatten, sind irgendwann nicht mehr erreichbar gewesen. Wir wissen bis heute nicht, was mit ihnen passiert ist.
Oder ein Mann aus dem Gebiet Donezk, der bereits 2014 nach Butscha geflüchtet ist, dort eine Wohnung gekauft hat und später, als die russischen Truppen kamen, erneut fliehen musste, diesmal nach Lwiw. Dort wurde die Autowerkstatt, in der er sich aufhielt, von einer Rakete getroffen, sieben Menschen starben, darunter auch er. Solche tragischen Situationen gab und gibt es überall.
Zwar sind die Menschen im Osten am stärksten betroffen, mit zerstörten Wohnungen und den größten Verlusten, aber auch andere Städte sind nicht sicher. In Kiew gab und gibt es Raketenangriffe. In Dnipro wurden Wohnhäuser getroffen, sodass ganze Gebäudeteile mit Bewohnern darin zerstört wurden.
LWZ: Wie hat sich der Zusammenhalt innerhalb der ukrainischen Gesellschaft verändert?
Drachkov: Vielen Menschen ist noch klarer geworden, dass es sich um einen Existenzkampf handelt. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand Ukrainisch oder Russisch spricht. Für die Angreifer macht das keinen Unterschied, auch wenn sie etwas anderes behaupten.
Mein Großvater stammt selbst aus Russland. Ich bin bilingual aufgewachsen, spreche Russisch und Ukrainisch, beides ist mir sehr vertraut. Dennoch würde ich nicht behaupten, die sogenannte „russische Seele“ vollständig zu verstehen.
Die Geschichte meiner Familie ist eng mit den Repressionen der Sowjetzeit verbunden. Meine Großmutter wurde 1944 nach Sibirien deportiert, wo sie später meinen Großvater kennenlernte und heiratete. Ich selbst war in dieser Region, im damaligen Wjatka-Gebiet, aus dem auch Alexej Nawalny stammte. Um dorthin zu gelangen, fährt man stundenlang durch dichte Wälder. Die Siedlung, in der meine Familie lebte, hatte nicht einmal einen richtigen Namen. Sie hieß schlicht „Siedlung Nummer eins“. So steht es auch im Pass meiner Mutter, die dort geboren wurde.
Die Menschen, die dorthin verschleppt wurden, mussten sich täglich bei der Kommandantur melden, um zu bestätigen, dass sie nicht geflohen waren. Sie galten als „unzuverlässig“ oder als Feinde des sowjetischen Systems, oft allein deshalb, weil sie Ukrainer waren oder in der Ukraine leben wollten.
Solche Maßnahmen betrafen nicht nur Ukrainer: 1944 wurden auch die Krimtataren sowie andere Bevölkerungsgruppen wie Griechen und Bulgaren deportiert. Für das stalinistische Regime war es offenbar selbstverständlich, ganze Völker zwangsumzusiedeln. Die Ukrainer hatten in gewisser Weise „Glück“, weil ihre Zahl größer war. Deshalb blieb ein Teil von ihnen im Land.
Meine Großmutter hat mir oft von dieser Zeit erzählt. In den Lagern und Siedlungen lebten Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen, auch Deutsche, Balten, Russen. Viele von ihnen waren ebenfalls deportiert worden. Trotz der schwierigen Umstände erinnerte sie sich häufig an ein respektvolles Miteinander und an positive Begegnungen, auch mit Deutschen. Viele der dort lebenden Deutschen konnten erst Ende der 1980er-Jahre nach Deutschland ausreisen.
Ich erzähle das auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen. Wenn ich heute Äußerungen von russischen Politikern höre, etwa über den Bau neuer Städte in Sibirien oder in abgelegenen Regionen, frage ich mich, wer dort einmal leben soll. Diese Gedanken wecken bei mir Erinnerungen an die Geschichte und auch Sorgen, dass sich bestimmte Muster in anderer Form wiederholen könnten. Diese Perspektive prägt meinen Blick auf die Gegenwart sehr stark.
LWZ: Wie bewerten Sie die Unterstützung Deutschlands für die Ukraine?
Drachkov: Die Unterstützung ist enorm. Mir ist dabei bewusst, dass Deutschland im Gegensatz etwa zu den USA im Rahmen des Budapester Memorandums keine Verpflichtung übernommen hat, die Ukraine zu verteidigen oder sicherheitspolitische Garantien zu geben. Und trotzdem nimmt Deutschland heute eine führende Rolle in dieser Unterstützung ein.
Das zeigt sich ganz konkret, etwa bei der Lieferung von Luftabwehrsystemen wie Patriot und anderen Verteidigungssystemen. Es geht dabei um Abwehrwaffen, Systeme, die wir einsetzen, um Städte wie Kiew zu schützen. Kiew ist, würde ich sagen, deutlich besser verteidigt als viele andere Städte. Orte wie Odessa hingegen erleben seit Monaten massivste Angriffe, dort ist die Lage erschütternd. Natürlich können wir nicht jede Stadt mit mehreren Patriot-Systemen ausstatten, aber dennoch ist Deutschlands Engagement hier sehr stark.
LWZ: Wie schätzen Sie neben der militärischen Hilfe die finanzielle und politische Unterstützung ein?
Drachkov: Ich empfinde Deutschlands Haltung als fair, und das trotz der Belastungen für die eigene Wirtschaft und Bevölkerung. Uns ist bewusst, dass diese Hilfe letztlich von den Steuerzahlern getragen wird. Gerade deshalb ist dieses Engagement besonders anerkennenswert. Ich bin überzeugt: Wenn wir von allen Verbündeten eine ähnliche Konsequenz und Haltung sehen würden, könnte dieser Krieg vielleicht früher enden oder zumindest in eine andere Richtung gelenkt werden.
LWZ: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die internationalen Friedensbemühungen?
Drachkov: Aus meiner Sicht wirken sie teilweise frustrierend. Es ist schwer nachzuvollziehen, wenn ein Aggressor nicht konsequent gestoppt, sondern sogar mit Zugeständnissen oder Diskussionen über Sanktionslockerungen konfrontiert wird.
Zwei Dinge hätte ich mir früher nicht vorstellen können: erstens, dass Russland in dieser Form angreift, und zweitens, dass sich die internationale Ordnung, insbesondere unter Führung der USA, so verändert. Die USA haben lange eine zentrale Rolle als Garant einer bestimmten Weltordnung eingenommen. Umso irritierender ist es, wenn diese Rolle plötzlich weniger klar wahrgenommen wird.
Gerade im Zusammenhang mit dem Budapester Memorandum wird heute über territoriale Zugeständnisse diskutiert, also darüber, dass die Ukraine eigenes Territorium abgeben soll, ohne dafür echte Gegenleistungen zu erhalten. Auch das ist für mich schwer zu begreifen.
Dabei darf man nicht vergessen: Die Ukraine hat in der Vergangenheit erhebliche Abrüstungsschritte unternommen. Wir haben unsere Atomwaffen abgegeben, zwar auf Druck von außen, aber freiwillig. Wir wollten keinen Konflikt, wir wollten Teil einer friedlichen internationalen Ordnung sein. Diese Entscheidung war nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich kostspielig. Aber sie beruhte auf der Annahme, dass internationale Vereinbarungen gelten.
Schon mit dem Helsinki-Abkommen von 1975 war eigentlich festgelegt worden, dass Grenzen in Europa respektiert werden und Staaten friedlich miteinander leben. Dass diese Grundsätze so gebrochen werden könnten, war für uns kaum vorstellbar.
Darüber hinaus hat die Ukraine auch strategische Luftstreitkräfte und moderne Langstreckenflugzeuge abgegeben oder außer Dienst gestellt. Heute sind es genau solche Kapazitäten, mit denen Russland Angriffe über große Distanzen führt. Auch konventionelle Waffenbestände wurden reduziert, Panzer und andere Systeme eingeschlossen. Es gab schlicht keinen politischen Willen zu einem militärischen Konflikt.
All das macht die heutige Situation umso schwerer zu begreifen. Aber sie zeigt auch, dass man wachsam bleiben muss.
Den zweiten Teil lesen Sie morgen ab 12 Uhr auf dem LWZ-Nachrichtenportal.
Das Gespräch führte Yves Brummel.




