
Kreis Lippe. Zahlen, Zahlen, Zahlen: Der Bericht der Polizei Lippe über das Unfallgeschehen im vergangenen Jahr ist gespickt damit. Man könnte darüber die Menschen aus den Augen verlieren.
Dem sowjetischen Diktator Stalin wird folgender zynischer Satz zugeschrieben: „Der Tod eines einzelnen Menschen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen nur eine Statistik.“ Damit die individuelle Betroffenheit von Unfallopfern nicht aus den Augen gerät, gibt sich Julia Breitenstein (Polizei-Direktion Verkehr) alle Mühe, die Zahlen mit Leben zu füllen. „Ein Unfalltod betrifft im Schnitt 113 Menschen“, betont sie in ihrem brillanten Vortrag vor Zeitung, Funk und Fernsehen. 113 Menschen, die leiden müssen.
Und: „Jeder Tote ist einer zu viel“, fügt sie an. Unfälle seien kein Schicksal, das man hinnehmen müsse. „In jedem Fall hat jemand einen Fehler gemacht, den er hätte vermeiden können.“ Deshalb gebe sich die Polizei in jüngster Zeit gesteigerte Mühe in der Prävention: „Aufklärung und Kontrolle“ sei das Motto des Jahres 2026.
Deshalb steht auch eine schreckliche Skulptur vor der Polizei-Schaltzentrale an der Bielefelder Straße: Mitten im Auto der Baumstamm, um den sich der Wagen gewickelt hat. Ein Haufen Schrott; und man kann sich ausmalen, was dem 20-jährigen Fahrer passiert ist. Zwischen Nordhemmern und Hartum musste er sein junges Leben lassen: ausgerutscht auf dem Grünstreifen neben der Fahrbahn, ins Schleudern geraten und vor den Baum geknallt. Mit seinem schwarzen Lupo zur Mittagszeit.
Dabei war er wahrscheinlich nicht einmal zu schnell unterwegs. Ein Fahrfehler? Könnte er abgelenkt gewesen sein? – Das weiß Julia Breitenstein auch nicht. Aber sie betont, dass die Ablenkung vom Fahren durch Handynutzung am Steuer ein wichtiger Befund ist, den eine Kontrolle auf der B66 kürzlich zutage gefördert hat. In 53 kontrollierten Fahrzeugen wurden 25 Handy-Sünder festgestellt: nahezu jeder Zweite. „Man sollte sein Handy nicht griffbereit im Auto liegen haben“, rät sie, „die Verführung, dran zu gehen, wenn es klingelt, ist zu groß.“
Neben verbreiteten Verkehrssünden, die oft schlimme Unfallfolgen nach sich ziehen, ist ihr ein anderes Thema hervorstechend wichtig: die steigende Zahl von Unfällen mit E-Scootern. Nicht die am Straßenrand geparkten Leihdinger bereiten Sorgen, sondern: „Der E-Scooter ist in die privaten Haushalte eingezogen.“
„Eltern tun ihren Kindern keinen Gefallen, wenn sie ihnen so etwas schenken oder zur Verfügung stellen. Die Kids sehen darin nämlich ein Spielzeug und kein Fahrzeug, das mit vollem Risiko am Straßenverkehr teilnimmt.“ Tatsächlich darf man einen E-Scooter erst mit 14 Jahren fahren; und selbst dann seien den Jugendlichen die Regeln oft nicht bewusst. Nicht immer ist der Autofahrer schuld, wenn es zum Unfall kommt. Und deren Zahl steigt signifikant. Nahezu auf das Doppelte binnen Jahresfrist.
Als Drittes thematisiert die Polizistin in ihrem Vortrag das Thema „Unfallflucht“. Ein sich ausweitendes Phänomen. „Ich kann das nicht verstehen. Jeder ist doch versichert gegen Schäden, die er anderen zufügt. Da muss man sich doch nicht einfach aus dem Staub machen.“ Das geschieht meistens, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden.
Die Aufklärungsquote liegt bei dieser Straftat unter 50 Prozent (41,12 Prozent). Im Falle, dass jemand verletzt worden ist, jedoch deutlich höher. „Wir appellieren an alle Menschen, sich als Zeugen bei der Polizei zu melden“, sagt sie. Denn nur eine eindrucksvolle Aufklärungsquote entfaltet eine abschreckende Wirkung gegen die grassierende Verkehrsunfallflucht.
Was die Hauptursachen von Unfällen betrifft, rangiert „überhöhte Geschwindigkeit“ in den Fällen „mit Personenschaden“ ganz oben, dicht gefolgt von „Missachtung der Vorfahrt“ und „Abbiegen“. Aber auch „Alkohol/Drogen“, „Ablenkung“ und „falsche Straßenbenutzung“ fordern ihren Tribut.

Trotz des erschreckenden Zahlenwerks der Unfallstatistik sei man in Lippe im Landesvergleich relativ sicher unterwegs, betont Landrat und „oberster Polizist“ Meinolf Haase. Zwar sei eine Zunahme binnen Jahresfrist um 5,7 Prozent zu verzeichnen (10.618 Fälle).
Aber: „Gemessen an der Einwohnerzahl nimmt die Kreispolizeibehörde (KPB) Lippe landesweit den 20. Rang der Unfallhäufigkeit ein.“ Immerhin sei die Zahl der Verkehrstoten 2025 um vier auf sieben Personen gesunken. Die „Verunglücktenhäufigkeitszahl“ liegt in Lippe mit 385 deutlich unter dem Landeswert von 450. Aber was nützt das einem Unfallopfer? „Jeder Getötete im Straßenverkehr ist einer zu viel“, betont auch Meinolf Haase.





