
Lage. Man kann ihn mit Fug und Recht einen „Kulturmanager“ nennen. Denn der von ihm geführte Förderverein Stadtbücherei organisiert Begegnungen mit aktuellen Autoren von lokalen Größen wie Mechtild Borrmann (Alltags- geschichten, Bielefeld) oder Joachim H. Peters (Krimis, Oerlinghausen) bis zu nationaler Prominenz wie Christian Berkel (Schauspieler, autofiktionale Romane) und Leo Reisinger („männliche Hebamme“, „Bavarese“): mit überregionaler Strahlkraft.
Jüngst hat er sogar Geschichte geschrieben, „Straßennamen-Geschichte“. Michael Biermann ist 52 Jahre alt, glücklich verheiratet und hat zwei Töchter, die kräftig in seine Fußstapfen treten.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Herr Biermann, Sie sind seit vielen Jahren eine politische Größe in Lage, bekannt aber vor allem für Ihr leidenschaftliches Engagement im Vorstand der Stadtbücherei.
Michael Biermann: Nun wollen wir die Kirche mal im Dorf lassen. Sagen wir: Kulturarbeit macht mir großen Spaß und ich habe ein ganz tolles Team im Förderverein, das mir sehr viel möglich macht.
LWZ: Nichtsdestotrotz, viele Lagenser denken an den Förderverein der Stadtbücherei, wenn sie Ihren Namen hören. Jetzt haben Sie sogar die Benennung einer Straße durchgesetzt, die auf die Stadtbücherei Lage hinweist.
Biermann: Dabei geht es um eine kleine Twete, zwischen einem exponierten Café am Marktplatz und dem neuen Rathaus …
LWZ: … was ist eine Twete?
Biermann: … eine kleine namenlose Gasse, die aber einen Namen verdient, weil sie wichtige Institutionen der Stadt miteinander verbindet. Sie können entlang der Tweete einen Cappuccino trinken, ein Buch lesen und schlauer aus dem Rathaus kommen. Dabei handelt es sich um eine symbolische Namensgebung, postalisch bleibt alles beim alten. „Büchereigasse“ wäre deshalb ein guter Name, und der Kulturausschuss hat in seiner jüngsten Sitzung bereits grünes Licht dafür gegeben.
LWZ: Warum ist Ihnen die Bücherei so wichtig?
Biermann: Lesen erweitert nicht nur den Horizont, sondern hilft auch, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist besonders im jungen Alter sehr wichtig, und deshalb lassen wir uns eine Menge einfallen, um Kinder und Jugendliche in die Stadtbücherei und vor die Bücherregale zu locken. Ein ausgesprochener Renner sind zum Beispiel unsere monatlichen „Lesezwerge“-Veranstaltungen, in denen die Lagenser Kinderbuchautorin Carolin Jenkner-Kruel Dutzende von Kindern mit ihren Begleitern in die Stadtbücherei zieht, und unsere Schreib-Werkstätten.
LWZ: Reden wir mal über Ihre anderen Hobbys. Sie radeln gern und viel.
Biermann: Es gibt in der Tat um Lage herum wunderschöne Radwander-Touren. Ich kann da vor allem die „Rüben-Route“ empfehlen, die mit einem kleinen Rüben-Wegweiser angezeigt wird. Rund 40 Kilometer, ziemlich flach, gut zu bewältigen auch für Menschen aller Altersgruppen, die noch nie eine Tour de France mitgefahren sind und das auch nicht vorhaben (lacht).
LWZ: Hand aufs Herz: Sind Sie der sportliche Typ und machen das aus dicken Waden heraus?
Biermann: Nein, ich bin einfach dem verbreiteten Trend gefolgt und habe das Fahrrad durch ein E-Bike ersetzt. Das macht mir aber auch größere Touren möglich.
LWZ: Zum Beispiel?
Biermann: Rund 100 Kilometer in einer Runde auf der Ostsee-Insel Rügen. Ein fantastisches Erlebnis! Wir lieben die Ostsee, Fischland Darß, Zingst.
LWZ: Sie sind offensichtlich eine „magnetische Persönlichkeit“. Wie können Sie Ihre Töchter dazu bringen, Ihnen nachzueifern, und wie begeistern Sie rund 100 Mitglieder für den Förderverein Stadtbücherei?
Biermann: Denken Sie daran, die Kirche im Dorf zu lassen. Aber ich räume ein, dass ich scheinbar einen gewissen Einfluss auf meine Umgebung ausübe. Das liegt vielleicht daran, dass ich aus meinem Herzen keine Mördergrube mache, sondern gern über das spreche, was mir wichtig ist und Spaß macht. Möglicherweise stecke ich damit andere an. Aber da müssen Sie die anderen fragen, nicht mich.
LWZ: Sie sind gelernter Sozialversicherungsfachangestellter bei einem Sozialversicherungsträger. Wie wird man da zum „Fördervereins-Vorsitzenden“ der Stadtbücherei?
Biermann: Es hat mich zur Stadtbücherei hingezogen, und dort bin ich den sympathischen Leuten vom Förderverein begegnet. Ich wurde gefragt, ob ich da mitmachen will, und pardauz war ich im Vorstand. Das hat mich unglaublich gefesselt und mir viel Energie verliehen. Acht Jahre bin ich nun dabei. Vier Jahre lang habe ich die Vereinskasse verwaltet, dann wurde ein neuer Vorsitzender gesucht.
LWZ: Ja, Sie haben tatsächlich den Titel „Mister Stadtbücherei“ und „Herr der Bücher in Lage“ verdient.
Biermann: Denken Sie an die Kirche im Dorf (lacht). Eva-Maria Allert leitet die Stadtbücherei, und sie macht diesen Job vorzüglich. Genauso wie das Team, das ihr bei der Arbeit hilft. Und dann gibt es rund 100 Mitglieder im Förderverein, von denen sich einige enorm reinknien. Das alles macht mir organisatorisch Einiges möglich.
LWZ: Ja, und das kulturelle Leben in Lage profitiert davon. Wie sieht es aus mit den Finanzen? Die Stadt muss doch an allen Ecken und Enden sparen.
Biermann: Wir sind tatsächlich sehr auf die Beträge der Vereinsmitglieder und Spenden angewiesen. Tatsächlich schaffen wir es, regelmäßig volle Kartons mit neuen Büchern und anderen Dingen anzuschaffen. 16.500 Exemplare stehen inzwischen in den Regalen. Dazu kommen digitale Medien, mit denen wir vor allem junge Leser zum Buch locken wollen.
LWZ: Es ist inzwischen weithin bekannt, dass Schwierigkeiten von Kindern in der frühkindlichen Erziehung und in den Grundschulen vor allem darauf zurückzuführen sind, dass in vielen Elternhäusern nicht mehr gelesen wird. Da fällt sogar die klassische Gute-Nacht-Geschichte aus.
Biermann: Wir kennen dieses Problem und versuchen, Teil der Lösung zu sein mit unserem Angebot. Wir sind tatsächlich breit aufgestellt in der Stadtbücherei, nicht nur im Bücher-Segment. Bücherwürmer und Leseratten haben in der Schule einen großen Vorteil, hören wir immer wieder aus Kitas und Grundschulen. Vielleicht kann man die anderen audiovisuell ansprechen und dann zum Buch locken.
Das Gespräch führte Hajo Gärtner.




