Ob zu viert oder zu zweit – ihnen geht es um mehr, als nur gehört zu werden: (von links) Klaus Schubert und Rainer „Semmel“ Brothuhn schaffen Momente, die Menschen zusammenbringen. Foto: Karen Hansmeier

Detmold. Während am Samstagvormittag der Wind noch recht frisch durch die Detmolder Fußgängerzone weht, mischt sich zwischen den historischen Fassaden und dem geschäftigen Treiben des Wochenmarkts unter das übliche Gemurmel der Menge ein ganz besonderer Klang: Jazz.


Folgt man ihm, stößt man auf vier Herren, die zusammen stolze 327 Jahre Musizier- und Lebenserfahrung auf die „Bühne“ bringen und ein Repertoire, das vom Ohr direkt in die Füße geht.

Leidenschaft für guten Sound

Wer sie ihren Dixieland-Jazz spielen hört, vergisst die Angaben der Geburtsjahre in ihren Ausweisen. Da ist Rainer Brothuhn (83), genannt „Semmel“, dessen Finger flink über die Ventile seiner Trompete tanzen. Erhard Büsselberg (82), der Mann am Banjo, hat nicht weniger den Rhythmus im Blut wie Otto Hilff (78), der souverän zwischen Saxophon und Posaune wechselt.

So fing es an: (von links) Otto Hilff, Rainer Brothuhn, Klaus Schubert und Erhard Büsselberg musizieren im Jahr 2019 zugunsten aus der Ukraine geflüchteter Kinder. Fotorechte: Klaus Schubert

Last but not least: Klaus Schubert (84), der Pianist, dessen Anschlag genauso verzaubert wie sein Lächeln. Nicht weniger brilliert er mit dem Sopransaxophon oder der Gitarre. Ganz zu schweigen von den Gesangseinlagen, die ein Gefühl von guter Laune und Wärme hervorrufen, das man in keinem Tonstudio der Welt kaufen kann.

Musik auf Augenhöhe

Wenn die vier improvisieren, ihre kreativen Fähigkeiten entfalten und miteinander interagieren, verändert sich die Frequenz der Straße: Swing und Rhythmus pulsieren – mitreißend, ausdrucksstark und gesegnet mit jener Leichtigkeit, die sich nur durch jahrzehntelange Leidenschaft erreichen lässt. Klassischer Oldtime-Jazz, der von Freiheit, Sehnsucht und purer Lebenslust erzählt, schafft eine energetische Atmosphäre – mal leichtfüßig-heiter, mal durchdrungen von sanfter Melancholie.

Ensemble mit Seele

Was diese vier Herren indes so besonders macht, ist nicht nur ihr Alter und ihr musikalisches Know-how, sondern ihre Nahbarkeit: Immer mehr Passanten bleiben stehen, vergessen ihre Samstagseinkäufe und schwelgen für einen Moment in einer Epoche, in der Musik noch handgemacht und unmittelbar war. Senioren verweilen, ein wissendes Lächeln auf den Lippen, während sie im Takt mit dem Kopf nicken.

Ob zu viert oder zu zweit – ihnen geht es um mehr, als nur gehört zu werden: Klaus Schubert und Rainer „Semmel“ Brothuhn schaffen Momente, die Menschen zusammenbringen. Foto: Karen Hansmeier

Junge Familien halten inne, Kinder schauen mit großen Augen auf die Instrumente. „Spielt ihr auch ‚Hello, Dolly‘?“, ruft eine Zuhörerin – „Aber natürlich!“, schallt es zurück. Und schon kredenzen die Musiker auf Zuruf den passenden Oldtime-Jazz-Standard, als hätten sie ihn gerade erst geprobt, wobei sie augenzwinkernd den Text flugs noch an den Namen der Passantin anpassen.

Spielen für den „guten Zweck“

Immer wieder löst sich jemand aus dem Auditorium, tritt vor und lässt einen Schein oder klimpernde Münzen in dem schwarzen Zylinder verschwinden, den die Musiker vor sich auf dem Pflaster deponiert haben. Es ist eine Form der Wertschätzung, die über die Musik hinausgeht – es ist Respekt vor dem Alter, dem Können und dem uneigennützigen Einsatz.

Denn die Euros, die in ihren Hut wandern, sind für die vier Jazzer keineswegs ein Zuverdienst zur Rente. Tatsächlich behalten sie keinen Cent für sich. Sei es beispielsweise für geflüchtete Kinder aus der Ukraine, das örtliche Tierheim oder die „Villa am Hügel“, einer Einrichtung des Deutschen Kinderschutzbundes in Detmold – das Geld fließt direkt dorthin, wo es nötig ist.

Und das bereits seit 2019. „Wir haben alles, was wir brauchen“, sagen Rainer Brothuhn und Klaus Schubert, derweil sie ihre Instrumente verstauen. „Die Musik hält uns jung, und das Lächeln der Menschen ist unser Honorar. Das Geld gehört denen, die keine Stimme haben.“

Zeichen der Gemeinschaft

Längst sind sie eine samstägliche Institution geworden. Ob zu viert oder in kleinerer Besetzung – wenn sie bei guter Witterung in der Nähe des Rathauses jazzen, schauen und hören die Menschen hin. Nicht nur wegen der Musik, sondern auch um der Botschaft willen.

Und nachdem irgendwann der letzte Ton verhallt ist, bleibt ein Gefühl von Leichtigkeit zurück. In einer Gegenwart, die oft hektisch und anonym wirkt, erinnern Klaus Schubert, Rainer Brothuhn, Erhard Büsselberg und Otto Hilff daran, dass man nie zu alt ist, um die Welt ein kleines Stück klangvoller zu machen – erst recht nicht, wenn es für eine gute Sache ist.