Von echten Irren und falschen Patienten: Die Schüler der zwölften Klasse der Waldorfschule Lippe-Detmold bringen „Pension Schöller“ auf die Bühne. Fotos: Karen Hansmeier

Detmold. Was macht man, wenn die reiche Verwandtschaft vom Land unbedingt einmal „echte Irre“ in einer Nervenheilanstalt erleben will? Man führt sie kurzerhand in eine ganz normale Pension und behauptet, die exzentrischen Gäste seien die Patienten.


Was als harmlose List beginnt, endet in einem fulminanten Chaos aus Missverständnissen und skurrilen Begegnungen. Und so manches Mal fragt sich der Zuschauer: Wer ist hier eigentlich verrückt? Im Lustspiel-Klassiker „Pension Schöller“ verschwimmen die Grenzen …

Wie sich die Geschichte um ein Gästehaus voller ausgefallener Gestalten und eine Nervenheilanstalt, die gar keine ist, entwickelt, das kann das Publikum am Mittwoch, 15. April, um 19.30 Uhr erleben. Dann nämlich bringen die Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse der Freien Waldorfschule Lippe-Detmold das Werk von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs (in der Bearbeitung von Hugo Wiener) in der Schulaula auf die Bühne.

Weitere Vorstellungen gibt es am Freitag, 17. April, sowie am Samstag, 18. April, um jeweils 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei (kostenlose Tickets: info@waldorfschule-detmold.de), Spenden sind erbeten.

Spiegelkabinett der menschlichen Eigenheiten

Noch aber wird unter der Leitung von Theaterpädagogin Lena Hillebrand intensiv geprobt. In einem Zeitraum von drei Wochen setzen sich die Schüler nicht nur mit den Texten, sondern auch mit dem Bühnenbau, den Kostümen und der Technik auseinander.

Dabei schlüpfen die zwölf beteiligten Jugendlichen in Rollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da sind neben Gutsbesitzerin Philippa Lenzmayer (Eva Drewes), ihrer Schwester Ulrike (Nelja Gehle) und ihrem Neffen Alfred (Julian Hohenstein) nebst Freund Robert (Konrad Steinweg), der spleenige Globetrotter Bernhardi (Louis Färber), die überdrehte Schriftstellerin Sophie (Lea Müller-Seidlitz) und ein stets aufbrausender Major a. D. (Janosch Mayton).

Überdies mischt Schöllers Frau Amélie (Filia Weingarten) mit, die verzweifelt einen passenden Schwiegersohn für ihre Tochter Frieda (Sarah Böck) sucht. Nicht zu vergessen Josef (Niels Becker), „gemütlicher Kellner, keiner von den schnellen“, sowie Leo (Jannes Gerstmeyer), Schöllers Bruder, der zwar einen Sprachfehler hat und kein „L“ sprechen kann, sich aber dennoch für einen begnadeten Schauspieler hält.

Last but not least Pensionsinhaber Schöller (Fabio Zantow) selbst, der auf Philippa durchaus den Eindruck eines echten Irrenhausdirektors macht. Das amüsante Verwechslungsspiel spitzt sich zu, als die vermeintlichen Patienten später überraschend auf Philippa Lenzmayers Landgut auftauchen …

Mehr als nur Theater: Ein Meilenstein der Klassengemeinschaft

„Als zentraler Bestandteil des Lehrplans an Waldorfschulen markieren die Klassenspiele entscheidende biografische Übergänge – vom Kind zum Jugendlichen beziehungsweise ins Erwachsenenalter“, erläutert Lena Hillebrand. „In ihnen werden sprachliche, künstlerische und soziale Kompetenzen gefördert“, so die Theaterpädagogin. „Die Herausforderung bei ‚Pension Schöller‘ ist das präzise komödiantische Timing“, erklärt sie.

„Hinter dem Slapstick steckt viel Arbeit an der Bühnenpräsenz und der Charakterzeichnung.“ Das Stück biete den Schülern die Möglichkeit, ihre Ausdrucksfähigkeiten zu schulen, ihr Selbstvertrauen zu stärken und sich vor Publikum auszuprobieren. Im Gegensatz zum Profitheater stehe bei einem Klassenspiel nicht das makellose Endprodukt im Vordergrund. Vielmehr sei der gesamte Probenprozess, der Weg bis zur Premiere, das Ziel.

„Schultheater ist deshalb so kraftvoll, weil es ungeschminkt und unmittelbar ist – jeder Versprecher und jede spontane Geste gehören zum Reifeprozess dazu“, weiß die Theaterpädagogin. „Die Jugendlichen begeben sich auf eine individuelle und gleichzeitig gemeinsame Reise. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, im Spiel zu sich selbst und den eigenen Platz in der Welt zu finden.“

Ganz so, wie es auch die Figuren in „Pension Schöller“ tun: Sie sind weit weg von jeglicher Perfektion. Aber sie sind lebendig. Sie sind im Spiel. Sie nehmen ihren Raum ein, ohne sich zu entschuldigen. Ihre Kernbotschaft: „Wir müssen nicht perfekt sein, um dazuzugehören. Wir müssen lediglich bereit sein, am Spiel teilzunehmen, unsere Eigenheiten zu umarmen und so den Platz in der Welt zu besetzen, der nur für uns reserviert ist.“